Alkaloide
Vorkommen
Alkaloide sind weit über das Pflanzenreich verbreitet, begegnen uns aber auch im Tierreich (Kröten, tropische Frösche, Feuersalamander, Tausendfüßler). Bislang sind über 12.000 Alkaloide bekannt. Für die Pflanze dienen sie vor allem als Fraßschutz; ihr meist bitterer Geschmack trägt eine warnende Signalfunktion für „Räuber". Zusätzlich schützen sie vor Bakterien, Viren und Pilzen. Einige Alkaloide forcieren den Blühvorgang. In wärmeren Regionen fallen die Pflanzen alkaloidreicher aus. Innerhalb der Pflanze übernehmen sie vermutlich den Transport sowie die Speicherung von Stickstoff.
Das erste Alkaloid isolierte 1805 der deutsche Apotheker Sertürner aus Opium – das Morphin. Benannt wurde der Fund nach Morpheus, dem griechischen Gott des Schlafes. Häufig erhalten Alkaloiddrogen ihre Namen nach der Pflanze, aus der sie stammen: „Papaverin" geht auf Papaver, den Mohn, zurück. Andere Bezeichnungen verweisen auf die Wirkung, etwa „Narcotin" für „narkoseerzeugend".
Die Anziehungskraft dieser „mächtigen" Pflanzen auf den Menschen beruht wohl auf der ungemein starken Wirkung der Alkaloide auf die Psyche, ist faszinierend und ergreifend – Umgang oder Missbrauch allerdings kann lebensgefährlich sein. Für Mensch und Tier sind Alkaloide wegen ihrer ausgeprägten Wirkung auf das Nervensystem giftig. Sie zählen mit wenigen Ausnahmen zu den stark wirksamen Phytopharmaka mit gravierenden Nebenwirkungen.
Nicht zuletzt enthalten auch viele unserer Nahrungs- und Genusspflanzen Alkaloide: Kartoffel, Tomate, Kaffee, Tabak und Grün- oder Schwarztee.
Chemie
Alkaloide sind stickstoffhaltige, basisch reagierende Pflanzeninhaltsstoffe. Die meisten Alkaloide sind lipophil – sie passieren die Blut-Hirn-Schranke und die Plazentaschranke und treten in die Muttermilch über.
Achtung: Aufgrund ihrer ähnlichen chemischen Struktur besetzen Alkaloide Rezeptoren an Nervenzellen, die sonst für Neurotransmitter bestimmt sind. Deshalb können Vergiftungen sehr schnell dramatische Zustände erzeugen, die rasch zum Tod führen.
Pyrrolizidinalkaloide (P.A.) sind spezifische Verbindungen ohne therapeutische Wirkung, dafür bilden sie giftige Stoffwechselprodukte. Sie gelten als „unerwünschte Begleitstoffe". Aus diesem Grund gibt es Anwendungsbegrenzungen, z.B. Beinwellwurzel nur äußerlich, Huflattichblätter nur maximal 6 Wochen/Jahr anwenden.
Das Zauberwort im wissenden Umgang mit diesen Pflanzen heißt „Dosierung": „In allen Dingen ist ein Gift, und es ist nichts ohne ein Gift. Es hängt allein von der Dosis ab, ob ein Gift ein Gift ist oder nicht", postulierte Paracelsus im 16. Jahrhundert. Der Unterschied zwischen Gift und Heilmittel, Genussmittel und Rauschgift liegt darin verborgen.
Wirkungen
Alkaloide wirken vielschichtig auf Wahrnehmung und Bewusstsein. Sie besitzen eine strukturelle Ähnlichkeit mit Neurotransmittern und wirken primär über das zentrale Nervensystem.
Stark toxisch wirkende Heilpflanzen wie Tollkirsche, Stechapfel, Schlafmohn oder Bilsenkraut werden therapeutisch fast ausschließlich als isolierte, genau dosierbare Reinsubstanzen eingesetzt. Sie bedürfen einer strengen Indikationsstellung. Sie sind rezeptpflichtig oder unterliegen dem Betäubungsmittelgesetz, bei einigen besteht Suchtgefahr.
Indikationen
In der Phytotherapie setzt man Heilpflanzen mit schwächerer Alkaloidwirkung ein, meist um Krämpfe zu lösen oder zur Entspannung, z.B. Boldo, Erdrauch, Herzgespann oder Besenginster.
Die meisten Alkaloiddrogen sind wegen ihrer ausgeprägten Wirkung auf das Nervensystem giftig und zählen mit wenigen Ausnahmen zu den stark wirksamen Phytopharmaka mit ausgeprägten Nebenwirkungen. Sie dürfen nur in der normierten Arzneibuchform unter Beachtung von Dosierung, Kontraindikation und Nebenwirkung ärztlich verordnet werden. Ansonsten sind sie hauptsächlich der Homöopathie und Spagyrik vorbehalten.
Nebenwirkungen
- Je nach Alkaloid: Neurotoxizität, Atemlähmung, Herzrhythmusstörungen, Suchtgefahr
- Pyrrolizidinalkaloide: Hepatotoxisch, kanzerogen
- Alkaloide treten in die Muttermilch über
Kontraindikationen
Schwangerschaft und Stillzeit (je nach Alkaloid).
Wichtige Drogen/Pflanzen
| Pflanze | Botanischer Name | Drogenbezeichnung | Hinweis |
|---|---|---|---|
| Blauer Eisenhut | Aconitum napellus | Aconiti tuber | Stark toxisch |
| Beinwell | Symphytum officinale | Symphyti radix | P.A.! Nur äußerlich! |
| Besenginster | Cytisus scoparius | Sarothamni scoparii herba | |
| Bittersüßer Nachtschatten | Solanum dulcamara | Dulcamarae stipes | |
| Borretsch | Borago officinalis | Boraginis herba/oleum | P.A.! |
| Chinarindenbaum | Cinchona pubescens | Cinchonae cortex | |
| Erdrauch | Fumaria officinalis | Fumariae herba | |
| Huflattich | Tussilago farfara | Farfarae folium/flos | P.A.! Max. 6 Wochen/Jahr |
| Mahonie | Mahonia aquifolium | Mahoniae cortex | |
| Pestwurz | Petasites hybridus | Petasitidis rhizoma | P.A.! |
| Teestrauch | Camellia sinensis | Theae folium | Coffein |
| Tollkirsche | Atropa belladonna | Belladonnae folium/radix | Stark toxisch, BtM! |
P.A. = Pyrrolizidinalkaloid-haltig