Anwendungsbereiche von Tinkturen
Innerliche Anwendung
Die innerliche Anwendung ist die häufigste und vielseitigste Einsatzform für Tinkturen. Dabei werden die Tropfen eingenommen und die Wirkstoffe gelangen über den Magen-Darm-Trakt in den Blutkreislauf.
Tropfenform
Die Standardanwendung ist die tropfenweise Einnahme. Die Tinktur wird mit der integrierten Tropfpipette des Fläschchens entnommen. Als grobe Orientierung für Erwachsene dienen 15 bis 30 Tropfen, ein- bis dreimal täglich. Die exakte Dosierung variiert jedoch stark und hängt ab von:
- Der verwendeten Pflanze und ihrer Wirkstärke
- Dem Körpergewicht der Person (ein 120 kg schwerer Mann benötigt in der Regel mehr als eine 50 kg schwere Frau)
- Dem konkreten Beschwerdebild und dessen Schweregrad
- Der individuellen Empfindlichkeit
Dosierungsempfehlung: Immer mit einer geringen Dosis beginnen und bei Bedarf vorsichtig steigern. Treten sehr heftige oder unerwünschte Reaktionen auf, die Dosis sofort reduzieren. Wurde eine Einnahme vergessen, diese nicht nachholen, sondern einfach mit der nächsten fälligen Dosis weitermachen.
Verdünnung vor der Einnahme
Alkoholtinkturen sollten niemals pur und unverdünnt eingenommen werden. Sie sind unangenehm scharf und können die Mund- und Rachenschleimhaut reizen. Stattdessen werden die Tropfen in ein kleines Glas mit Wasser oder lauwarmem Tee gegeben und so verdünnt eingenommen.
Alkohol vor der Einnahme verdunsten lassen
Besonders bei längerer Einnahme oder für alkoholempfindliche Personen empfiehlt es sich, die Tropfen in ein Gefäß mit heißem Wasser zu geben. Durch die Hitze verdunstet ein großer Teil des enthaltenen Alkohols innerhalb weniger Minuten, während die gelösten Wirkstoffe im Wasser verbleiben. Nach dem Abkühlen auf Trinktemperatur kann die Lösung eingenommen werden. Dieses Verfahren reduziert die Alkoholaufnahme erheblich und schont den Magen. Siehe auch Herstellung einer Tinktur.
Abstand zu den Mahlzeiten
Tinkturen werden idealerweise etwa 15-30 Minuten vor den Mahlzeiten eingenommen, sofern nichts anderes empfohlen wird. Auf nüchternen Magen ist die Resorption der Wirkstoffe am effektivsten. Bei magenreizenden Pflanzen kann die Einnahme zu den Mahlzeiten sinnvoller sein.
Äußerliche Anwendung
Neben der innerlichen Einnahme können Tinkturen auch äußerlich angewendet werden. Dabei wirken sie lokal an der aufgetragenen Stelle.
Einreibungen
Die Tinktur wird unverdünnt oder leicht verdünnt auf die Haut aufgetragen und sanft einmassiert. Dies eignet sich besonders bei:
- Muskel- und Gelenkschmerzen (z. B. Arnika, Beinwell, Rosmarin)
- Durchblutungsstörungen (z. B. Rosskastanie, Mäusedorn)
- Prellungen, Verstauchungen, blauen Flecken
- Neuralgien und rheumatischen Beschwerden
Die durchblutungsfördernde Wirkung des Alkohols (Kältegefühl durch Verdunstung, gefolgt von Wärme durch gesteigerte Durchblutung) unterstützt die Wirkung der enthaltenen Pflanzeninhaltsstoffe. Bei empfindlicher Haut kann die Tinktur mit etwas Wasser verdünnt werden.
Salbenherstellung
Tinkturen können als Wirkstoffquelle in selbst hergestellte Salben eingearbeitet werden. Dazu wird die Tinktur (meist einige Milliliter) in die noch warme, flüssige Salbengrundlage (z. B. aus Bienenwachs und Öl) eingerührt. Der Alkohol verdunstet dabei größtenteils, die Wirkstoffe bleiben in der Salbe zurück.
Umschläge und Wickel
Einige Tropfen Tinktur werden in lauwarmes Wasser gegeben. Ein sauberes Baumwolltuch oder eine Mullbinde wird mit der Lösung getränkt und auf die betroffene Stelle aufgelegt. Dies eignet sich besonders bei:
- Entzündungen (z. B. Ringelblume, Kamille)
- Hautirritationen und Insektenstichen
- Gelenkschmerzen (als kühlender oder wärmender Wickel)
- Venenbeschwerden (z. B. Rosskastanie)
Teilbäder
Für ein Hand- oder Fußbad werden einige Milliliter Tinktur in das Wasser gegeben. Die betroffene Körperpartie wird für 10-20 Minuten darin gebadet. Dies eignet sich bei:
- Nagelbettentzündungen und kleineren Wunden (z. B. Ringelblume, Spitzwegerich)
- Schweißfüßen (z. B. Salbei)
- Gelenkbeschwerden in Händen oder Füßen
- Erschöpfungszuständen (z. B. Rosmarin als belebendes Fußbad)
Sicherheitshinweise
Alkoholkonsum
Alkoholtinkturen enthalten Ethanol in teils erheblicher Konzentration. Wer regelmäßig höher dosierte Alkoholtinkturen einnimmt, muss sich über die damit verbundene Alkoholaufnahme im Klaren sein. Bei üblichen Dosierungen von 15-30 Tropfen pro Einnahme ist die aufgenommene Alkoholmenge sehr gering (wenige Milliliter), dennoch können bei empfindlichen Personen Wirkungen eintreten. Alkoholtinkturen vor der Einnahme verdünnen und nach Möglichkeit den Alkohol vor der Einnahme in heißem Wasser verdunsten lassen (siehe oben).
Empfehlung: Personen mit Alkoholproblemen, trockene Alkoholiker und Personen, die Alkohol grundsätzlich meiden möchten, sollten auf alkoholfreie Alternativen wie Essigtinkturen, Honigmazerate oder (mit Einschränkung) Glycerintinkturen ausweichen.
Fahrtüchtigkeit
Auch geringe Mengen Alkohol können die Fahrtüchtigkeit und die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen beeinträchtigen. Gerade bei Tinkturen mit 70 Vol.-% Alkohol sollte man im Zweifelsfall nach der Einnahme eine angemessene Wartezeit einhalten oder die Einnahme auf Zeiten verschieben, in denen nicht gefahren werden muss. Die Tropfen vorher in heißem Wasser verdunsten zu lassen, reduziert das Risiko erheblich.
Wechselwirkungen mit Medikamenten
Heilpflanzenwirkstoffe können mit gleichzeitig eingenommenen Medikamenten interagieren:
- Die Wirkung von Medikamenten kann verstärkt oder abgeschwächt werden.
- Blutgerinnungshemmende Pflanzen (z. B. bestimmte Cumarine) sollten nicht zusammen mit blutverdünnenden Medikamenten (z. B. Marcumar, ASS) eingenommen werden.
- Leber- und nierenwirksame Pflanzen können den Abbau von Medikamenten beeinflussen.
- Vor Beginn einer Tinktureneinnahme bei gleichzeitiger Medikamenteneinnahme sollte ein Arzt oder Apotheker konsultiert werden.
Grundsatz: Informieren Sie Ihren Arzt über die Einnahme von pflanzlichen Tinkturen, auch wenn es sich um “nur natürliche” Präparate handelt.
Kontraindikationen
Schwangerschaft und Stillzeit
In der Schwangerschaft und Stillzeit ist besondere Vorsicht geboten:
- Viele Pflanzenwirkstoffe sind plazentagängig oder gehen in die Muttermilch über und können den Fötus oder Säugling beeinträchtigen.
- Grundsätzlich sollte in der Schwangerschaft und Stillzeit keine Selbstmedikation mit selbst hergestellten Tinkturen ohne ärztliche Rücksprache erfolgen.
- Auch äußerliche Anwendungen großer Hautflächen können zu einer relevanten Aufnahme von Wirkstoffen führen.
- Alkoholtinkturen sind aufgrund des Alkoholgehalts per se kontraindiziert.
Kinder
- Alkoholtinkturen: Für kleine Kinder, Säuglinge und alkoholempfindliche Personen sind Tinkturen auf Essigbasis besser geeignet. Alkoholtinkturen sollten bei Kindern nicht verwendet werden.
- Essigtinkturen: Können bei Kindern eingesetzt werden; der säuerliche Geschmack kann durch starke Verdünnung mit Tee, Saft oder durch Süßen mit Honig verbessert werden.
- Honigmazerate: Dürfen Kindern erst ab 1 Jahr gegeben werden (Botulismusgefahr durch mögliche Clostridium-Sporen im Honig). Vorsicht bei Pollenallergien!
- Glycerintinkturen: Aufgrund des süßlichen Geschmacks und des niedrigen Alkoholgehalts können sie Kindern gut verabreicht werden, sind jedoch nicht für Säuglinge oder Kleinstkinder ohne ärztliche Rücksprache gedacht.
Kontraindikationen nach Pflanzentyp
Viele Pflanzen haben spezifische Gegenanzeigen, die vor der Anwendung bekannt sein müssen:
- Einige Pflanzen sind kontraindiziert bei Leber- oder Nierenerkrankungen.
- Manche Pflanzen sollten bei Bluthochdruck, andere bei niedrigem Blutdruck gemieden werden.
- Bestimmte Kräuter können die Schilddrüsenfunktion beeinflussen.
- Bei bestehenden Allergien (insbesondere gegen Korbblütler, Lippenblütler oder Doldenblütler) ist Vorsicht geboten.
- Hautreizende Pflanzen (z. B. Arnikatinktur in zu hoher Konzentration) können bei äußerlicher Anwendung zu Kontaktdermatitis führen.
Grundsatz: Vor der Einnahme immer über das spezifische Heilkraut informieren. Eine gründliche Recherche über Gegenanzeigen, Nebenwirkungen und mögliche Wechselwirkungen ist bei jedem Kraut unverzichtbar.