Anthranoide
Vorkommen
Anthranoide lassen sich in Pflanzen wie Aloe, Faulbaum, Medizinalrhabarber und Senna nachweisen.
Chemie
Bei den Anthranoiden handelt es sich um Anthrachinon-Glykoside. Der Zuckeranteil wird im Darm durch dort ansässige Bakterien vom Aglykon (Anthrachinon) abgelöst. Erst die freien Anthrachinone tragen die eigentliche Wirksamkeit.
Wirkungen
Anthranoide entfalten eine abführende Wirkung, indem sie im Darm eine Art „künstliche Entzündung" hervorrufen. Über lokal gebildete Entzündungsmediatoren steigt die Ausscheidung von Wasser und Elektrolyten in den Darm (hydragog), während zugleich die Rückgewinnung von Flüssigkeit – und damit die Natrium-Rückresorption – aus dem Dickdarm unterdrückt wird. Dadurch wird der Stuhl weicher, das Darmvolumen nimmt zu, und über den erhöhten Füllungsdruck entsteht ein Dehnungsreiz, der die Peristaltik anregt. Zusätzlich sondert der Darm mehr Schleim ab, was die Darmentleerung erleichtert.
Indikationen
Anthranoiddrogen kommen bei akuter Obstipation (z.B. auf Reisen) infrage. Auch wenn ein weicher Stuhl beziehungsweise eine leichte Defäkation benötigt wird, setzt man sie ein – etwa bei Analfissuren und Hämorrhoiden – sowie zur Vorbereitung klinischer Untersuchungen und Operationen des Darms. Weil die Wirkung erst nach ca. 8-10 Std. einsetzt, nimmt man die Einnahme am besten abends vor.
Unter den Anthranoiddrogen gelten solche aus Rhabarberwurzeln und Faulbaumrinde als am verträglichsten. Am stärksten wirken Aloeextrakte; am beliebtesten sind Sennesblätter und ganz besonders die wohlschmeckenden Sennesfrüchte.
Nebenwirkungen
Möglich sind starke Krämpfe und Abort (Anthranoide erregen auch die Uterusmuskulatur und wirken wehenauslösend).
Achtung: Werden Herzglykoside und Anthranoide gleichzeitig eingenommen, ist Vorsicht geboten. Kaliummangel stört die Erregungsleitung des Herzens und verändert die Empfindlichkeit gegenüber Digitalis.
Bei Langzeitanwendung droht eine Gewöhnung des Darms an die Laxanzien, sodass die benötigten Dosen stetig steigen; es folgen Darmatonie und eine Verschlimmerung der Verstopfung – der Einstieg in einen Teufelskreis.
Anthranoid-Glykoside gelten als Laxanzien (Abführmittel) im eigentlichen Sinne, weil ihr Wirkmechanismus nicht physikalisch, sondern chemisch bedingt ist. In der Selbstmedikation stehen sie an erster Stelle, vor allem wegen des schnellen Wirkungseintritts (nach 8-12 Std.). Eingesetzt werden sollten sie allerdings nur in Ausnahmefällen und zeitlich begrenzt (8-10 Tage), sonst sind Nebenwirkungen möglich! Die Dosierung ist individuell anzupassen: Richtige Dosis ist die geringste, mit der sich noch ein weicher, geformter Stuhl erzielen lässt.
Seit 1997 sind Anthrachinon-Zubereitungen nur noch eingeschränkt zugelassen für den kurzfristigen Einsatz von 1-2 Wochen.
Kontraindikationen
Schwangerschaft, Stillzeit, starke Menstruation, Hämorrhoiden (Hyperämie im kleinen Becken), Darmverschluss und akut entzündliche Darmerkrankungen, Kinder unter 10 Jahren.
Wichtige Drogen/Pflanzen
| Pflanze | Botanischer Name | Drogenbezeichnung |
|---|---|---|
| Aloe, Kap-Aloe | Aloe vera/ferox | Aloe succus |
| Faulbaum | Frangula alnus | Frangulae cortex |
| Medizinalrhabarber | Rheum palmatum | Rhei radix |
| Senna | Senna alexandrina | Sennae folium/fructus |