Phenole
Phenole (phenolische Verbindungen)
Grundlagen
Unter Phenolen versteht man sekundäre Pflanzenstoffe, deren Kennzeichen ein oder mehrere aromatische Ringe mit Hydroxygruppen (-OH) ist. Ihre Bildung läuft bevorzugt über den Phenylpropan- und Shikimisäure-Stoffwechsel ab; gemeinsam mit den Terpenen und den stickstoffhaltigen Verbindungen bilden sie eine der drei großen Gruppen sekundärer Pflanzenstoffe.
Der Begriff geht auf das einfache Phenol (Hydroxybenzol) zurück. Sobald die Moleküle mehrere Hydroxygruppen beziehungsweise mehrere phenolische Ringe aufweisen, spricht man von Polyphenolen.
[!NOTE] Was leisten Phenole in der Pflanze? Innerhalb der Pflanze übernehmen Phenole unter anderem den Schutz vor Fraß und UV-Strahlung, sorgen über Anthocyane für Färbung, verfestigen als Gerbstoffe die Zellwand, wirken als Lockstoffe und dienen bei der Bestäubung als Signalmoleküle. Eine ganze Reihe von ihnen hat Eingang in die Arzneimittelanwendung gefunden.
Wichtige Vertreter und Untergruppen
Die phenolischen Wirkstoffe der Heilpflanzen verteilen sich auf mehrere größere Untergruppen, zu denen im Vault jeweils eigene Seiten existieren:
Phenolglykoside
Ein Phenol plus ein Zucker (Glykon). Meist kommt die Wirkung erst nach Ablösung des Zuckeranteils zur Geltung (Prodrug-Prinzip).
- Arbutin – Hydrochinon-Glykosid aus Bärentraube: antibakteriell in den Harnwegen
- Salicin – Salicylalkohol-Glykosid aus Weidenrinde: entzündungshemmend, schmerzlindernd (Vorstufe des Aspirins)
Hydroxyzimtsäuren und Cumarine
- Cumarine – Lactone der Zimtsäure, z.B. aus Steinklee und Waldmeister: ödemprotektiv, spasmolytisch, UV-sensibilisierend
Flavonoide und Flavonolglykoside
- Flavonoide – gelbe bis rote Pflanzenfarbstoffe (lat. flavus = gelb): antioxidativ, gefäßabdichtend, entzündungshemmend
Gerbstoffe (Tannine)
- Gerbstoffe – hochmolekulare Polyphenole, z.B. aus Eichenrinde, Blutwurz, Heidelbeeren: adstringierend, austrocknend, keimhemmend
Anthranoide
- Anthranoide – Anthrachinon-Derivate aus Aloe, Faulbaum, Senna: abführend
Einfache Phenole und phenolische Säuren
- z.B. Rosmarinsäure (Rosmarin, Melisse), Salicylsäure, Gallussäure, Ellagsäure
- Oft Teil der gesamten Wirksamkeit von Drogen ohne eigene Monographie
Gemeinsame Wirkprinzipien
Auch wenn die strukturelle Vielfalt groß ist, lassen sich bei den Phenolen mehrere gemeinsame Wirkungen feststellen:
| Wirkung | Mechanismus | Beispiel |
|---|---|---|
| Antioxidativ | Radikalfänger, Elektronendonatoren; schützen Zellen und Gefäße | Flavonoide, Gerbstoffe, Phenolsäuren |
| Adstringierend | Fällen Proteine aus → zusammenziehend, austrocknend, gerbend | Gerbstoffe |
| Entzündungshemmend | Hemmung von Cyclooxygenasen/Lipoxygenasen, NF-κB | Salicylate, Flavonoide, Cumarine |
| Antimikrobiell | Schädigung von Bakterienmembranen, Enzymhemmung | Arbutin, Gerbstoffe, ätherisch-phenolische Öle (Carvacrol, Thymol) |
| Gefäßschützend | Abdichtung von Kapillaren, Ödemhemmung, Venentonus | Flavonoide, Cumarine, Anthocyane |
| Leber-/Galle | Cholerese, Regeneration, antioxidativer Zellschutz | Silymarin (Mariendistel), Curcumin (Gelbwurz) |
Einordnung in den Gesamtkontext
Phenole stellen keine einheitliche Wirkstoffklasse im engeren Sinn dar, sondern eine nach strukturellen Merkmalen abgegrenzte Übergruppe. Chemisch eng verwandt, in der Systematik aber meist getrennt geführt, sind die Glykoside (als Trägerstruktur) sowie die stark lipophilen phenolischen Bestandteile mancher ätherischen Öle (z.B. Thymol, Carvacrol, Eugenol).
Verwandte Seiten
- Arbutin – Phenolglykosid für die Harnwege
- Salicin – Salicylat-Vorstufe, “natürliches Aspirin”
- Cumarine – Ödemprotektive Phenole
- Flavonoide – Antioxidative Pflanzenfarbstoffe
- Gerbstoffe – Adstringierende Polyphenole
- Anthranoide – Abführende Anthrachinone
- Glykoside – Zucker-Phenol-Verbindungen
- Wirkstoffe – Übersicht aller Wirkstoffgruppen