Cumarine
Vorkommen
Cumarine sind in zahlreichen Pflanzen anzutreffen, mit Schwerpunkt bei Doldenblütlern und Süßgräsern. Ihren Namen verdankt die Substanz dem Baum “Coumarouna” (Dipteryx odorata) aus Guyana. Dessen getrocknete Samen – die Tonkabohnen – verströmen einen betörend süßen Vanillegeruch, ganz ähnlich wie Heu oder getrockneter Honigklee. Genau dieser feine Duft macht Cumarin in der Parfümindustrie begehrt.
In lebenden Pflanzen liegt Cumarin überwiegend als geruchloses Glykosid vor; erst beim Welken wird das duftende Aglykon daraus freigesetzt. Manche Arten (Honigklee) enthalten dagegen freies Cumarin – dort riecht bereits die frische Pflanze danach.
Waldmeisterbowle: Ein frisches Sträußchen Waldmeister wird kurz vor dem Welken gesammelt; der charakteristische Duft entsteht erst beim leichten Anwelken. Zum Wohl!
Chemie
Aufgrund ihrer Lipophilie (Fettlöslichkeit) werden Cumarine gut über den Magen-Darm-Trakt oder die Haut aufgenommen. Obwohl das Aglykon flüchtig ist, rechnet man sie nicht zu den ätherischen Ölen.
Einteilung der Cumarinarten
| Typ | Eigenschaften | Vorkommen/Beispiele |
|---|---|---|
| Einfache Cumarine | Kein Einfluss auf Blutgerinnung. Werden medizinisch eingesetzt. | Heublumen, Honigklee, Steinklee, Kamille, Liebstöckel, Waldmeister, Schafgarbe, Anis |
| Dicumarol | Erhöht die Blutungsbereitschaft. Entsteht unter Einfluss von Schimmelpilzen auf cumarinhaltigen feuchten Drogen. Hepatotoxisch, kanzerogen. | Verschimmelte Heublumen, Ausgangsmodell für Antikoagulanzien (Marcumar, Tromexan, Coumadin) – heute synthetisch hergestellt |
| Furanocumarine | Stark phototoxisch. Absorbieren Lichtquanten des UV-Bereichs (320-400 nm). | Bärenklau, Diptam, Engelwurz, Pastinake, Petersilie, Sellerie, Weinraute, Bergamotte |
Historischer Hintergrund – Dicumarol: Den Anstoß zur Erforschung der Cumarine und ihrer gerinnungshemmenden Vertreter gab ein verregneter Sommer im Jahr 1922: Zahlreiche Kühe verbluteten damals ohne erkennbaren Grund. Das einfache Cumarin im mit „Süßklee" angereicherten Heu war durch Gärung und Fäulnis in Dicumarol übergegangen – eine Substanz, die die Blutgerinnung unterbindet.
Wirkungen
Einfache Cumarine (therapeutisch genutzt)
- Ödemhemmend
- Lymphabflussfördernd (lymphokinetisch)
- Gefäßentkrampfend
- Entzündungshemmend
- Zirkulationsfördernd
- Zentralsedierend, beruhigend
Furanocumarine
- Phototoxisch: Gelangen Furanocumarine von Pflanzenteilen auf die Haut und wird die Hautpartie anschließend von der Sonne beschienen, kommt es nach ca. 7-12 Std. zu Erythem oder Bläschenbildung, bis hin zu regelrechten Verbrennungen und nekroseartigen Hauterscheinungen („Wiesendermatitis"). Linderung: Johanniskrautöl mit Sanddornfruchtfleischöl.
- Khellin (ein Furanocumarin): Koronarerweiternd, spasmolytisch auf glatte Muskulatur.
- Werden zur Photochemo-/PUVA-Therapie verwendet (nur durch Facharzt nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Analyse, da risikoreich): Zur Melanin-Neubildung bei Vitiligo, normalisiert pathologisch erhöhte Zellteilungsrate bei Psoriasis.
Dicumarol
- Blutgerinnungshemmend (Antikoagulans). Wird therapeutisch zur Prophylaxe/Therapie von Herzinfarkt u.a. eingesetzt (heute synthetisch hergestellt).
Indikationen (einfache Cumarine)
| Anwendung | Indikation |
|---|---|
| Innerlich | |
| Ödemprophylaxe | Chronische venöse Insuffizienz |
| Lymphstauungen | |
| Hämorrhoiden | |
| Krampflinderung | Nächtliche Wadenkrämpfe, Kopfschmerzen |
| Adjuvans | Thrombophlebitis |
| Äußerlich | |
| Stumpfe Traumen | Prellungen, Verstauchungen, oberflächliche Blutergüsse/Ödeme |
| Lymphstauungen | |
| Krämpfe der glatten Muskulatur | „Morphium der Naturheilkunde" |
| Schmerzlinderung | Nieren-, Blasen- und Gallenleiden, schmerzhafte Veränderungen von Gelenken, Muskeln, Sehnen, nach Unfällen/Knochenbrüchen/Operationen |
| Rheumatisch | Intensive Schmerzlinderung rheumatischer Beschwerden, „Hexenschuss", akute Myalgien |
| Durchwärmung | Zur tiefen Durchwärmung, Entspannung und Krampflösung bei muskulären Schmerzzuständen |
Nebenwirkungen
Werden reichlich cumarinhaltige Getränke zu sich genommen, können Kopfschmerzen, Übelkeit und Benommenheit auftreten. Bei sehr hoher Überdosierung drohen hepatotoxische, kardiotoxische und narkotische Effekte mit Kopfschmerz, Erbrechen, Benommenheit und Schläfrigkeit.
Wichtige Drogen/Pflanzen (einfache Cumarine)
| Pflanze | Botanischer Name | Drogenbezeichnung |
|---|---|---|
| Anis | Pimpinella anisum | Anisi fructus |
| Heublumen | (Ruchgras v.a.) | Flores graminis |
| Honigklee, Gelber Steinklee | Melilotus officinalis | Meliloti herba |
| Kamille | Matricaria recutita | Matricariae flos |
| Mariengras | Hierochloe odorata | (geschützt!) |
| Ruchgras | Anthoxanthum odoratum | |
| Waldmeister | Galium odoratum | Asperulae herba |
| Weißer Steinklee | Melilotus albus | Meliloti herba |