Pflanzen sammeln und vorbereiten

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Achtung. Diese Seiten dienen der Information über Heilpflanzen und überlieferte Anwendungen – sie ersetzen keine ärztliche, apothekerliche oder therapeutische Beratung und sind kein Behandlungsvorschlag. Dosier- und Anwendungsangaben entstammen öffentlich verfügbarer Fachliteratur; verwende Heilpflanzen nur in Absprache mit Fachpersonal. Bei Beschwerden oder in Schwangerschaft/Stillzeit sowie bei Medikamenteneinnahme: immer ärztlichen Rat einholen.

Nach Ursel Bühring, Praxis Heilpflanzenkunde, Teil 3, Kap. 24

Ernten – worauf es ankommt

Selbst zu sammeln ist heute so aktuell wie eh und je – vorausgesetzt, man kennt sich aus! Wildsammlung und „Handarbeit" schonen die Pflanzen weitaus mehr als maschinelle Ernteverfahren. Und wer per Hand erntet, kann das Sammelgut sofort genau begutachten und Ungeeignetes aussondern.

Handgeerntete und unzerkleinerte Ware beschert beim Wirkstoffgehalt Ergebnisse, die bei manchen Kräutern (v.a. den Aromatika) die vom DAB vorgeschriebene Mindestmenge um ein Vielfaches übersteigen! Kein Wunder: Dort wird das Erntegut in zentimetergroße Stückchen (sogenannter Kräuterschnitt) gehäckselt, und an jeder Schnittstelle setzen wirkstoffmindernde Oxidationsprozesse ein.

Vor dem Ernten steht das Kennenlernen der Pflanze – und das lässt sich nicht mit der Stoppuhr erledigen. Ruhig mit offenen Augen und offenem Herzen für die Schönheit und Kräfte der Natur durch Wald und Wiese streifen: Das ist die richtige Ausgangsbasis, um einer Pflanze näher zu kommen. Auch der eigenen Seele tut diese Stille und Aufmerksamkeit gut.

Sammelzeitpunkte

Die Qualität einer Tinktur entscheidet sich schon bei der Ernte. Jeder Pflanzenteil hat seinen optimalen Sammelzeitpunkt – über das Jahr ebenso wie über den Tag.

Jahreszeitliche Sammelzeitpunkte

Pflanzenteil Optimaler Sammelzeitpunkt Grund
Blätter Kurz vor oder zu Beginn der Blüte Höchste Konzentration an Wirkstoffen vor der Blüte; danach wandern Nährstoffe in die Blüten
Blüten Voll erblüht, bei beginnendem Abblühen Maximaler Gehalt an ätherischen Ölen und Flavonoiden
Wurzeln Frühes Frühjahr (vor dem Austrieb) oder Herbst (nach Absterben des Krauts) Wurzel als Speicherorgan: Im Frühjahr sind die im Winter eingelagerten Reservestoffe noch vorhanden, im Herbst lagert die Pflanze vor der Winterruhe erneut ein
Früchte und Beeren Vollreif Maximaler Gehalt an Zucker, Vitaminen und sekundären Pflanzenstoffen
Samen Vollreif, kurz vor dem natürlichen Ausfallen Reife Samen enthalten die höchste Nährstoff- und Wirkstoffdichte
Rinde Frühjahr, wenn der Saft steigt (April-Mai) Die Rinde lässt sich dann am leichtesten vom Holz lösen und enthält den höchsten Wirkstoffgehalt
Knospen Frühjahr, kurz vor dem Aufbrechen Höchste Konzentration an Harzen und balsamischen Stoffen (z. B. Pappelknospen)

Tageszeitliche Sammelzeitpunkte

  • Am besten sammelt man am späten Vormittag, wenn der Morgentau abgetrocknet ist, aber noch bevor die Mittagshitze einsetzt (ca. 10-12 Uhr).
  • Bei sonnigem Wetter erreichen ätherische Öle und viele andere Wirkstoffe ihren höchsten Stand.
  • Bei feuchtem Wetter oder Regen besser nicht sammeln – die Pflanzen sind nass, das erschwert das Trocknen und erhöht die Schimmelgefahr. Zudem fällt der Wirkstoffgehalt feucht geernteter Pflanzen meist niedriger aus.
  • Stark duftende Blüten (z. B. Jasmin, Holunder) tragen ihre ätherischen Öle am dichtesten in den frühen Morgenstunden oder am späten Abend.

Geschützte Pflanzen und Sammelverbote

Nicht jede Pflanze darf gesammelt werden – Regelverstöße können empfindliche Bußgelder nach sich ziehen.

Grundsätzlich geschützt

  • Pflanzen, die unter die Bundesartenschutzverordnung fallen oder auf der Roten Liste stehen.
  • Darunter fallen viele unserer heimischen Orchideen (z. B. Knabenkraut-Arten), Enziane, Arnika und zahlreiche andere – ihre Bestände sind schützenswert und teils akut bedroht.

Was niemals getan werden darf

  • Geschützte Pflanzen sammeln oder gar ausgraben – dies ist grundsätzlich verboten.
  • Wurzeln geschützter Pflanzen ausgraben – hier ist das Verbot besonders strikt, da das Ausgraben die Pflanze vollständig zerstört.
  • In Naturschutzgebieten und geschützten Biotopen sammeln.

Was erlaubt ist

  • In Deutschland und vielen anderen Ländern gilt die Handstraußregel: Geringe Mengen wild wachsender, nicht geschützter Pflanzen für den Eigenbedarf dürfen an nicht geschützten Standorten gepflückt werden.
  • Das Sammeln auf Privatgrund ist nur mit Erlaubnis des Eigentümers erlaubt.
  • Eigenanbau im Garten oder auf dem Balkon ist die sicherste und nachhaltigste Quelle für Heilkräuter.

Nachhaltiges Sammeln

Auch bei nicht geschützten Pflanzen gilt der Grundsatz der Nachhaltigkeit:

  • Nie mehr von einer Pflanze entnehmen, als sie vertragen kann – in der Regel nicht mehr als ein Drittel der oberirdischen Teile.
  • Der Pflanze genug Blätter und Blüten belassen, damit sie sich regenerieren und vermehren kann.
  • Stehen mehrere Pflanzen derselben Art an einem Standort, von verschiedenen Exemplaren ernten – nicht immer nur von einer.
  • Standorte mit nur wenigen Exemplaren gar nicht beernten.
  • Nur sammeln, was eindeutig bestimmt werden kann – im Zweifelsfall stehen lassen.

Wurzelausgrabung

Werkzeug

Für die Ausgrabung von Wurzeln werden spezielle Werkzeuge benötigt:

  • Ein stabiler Spaten mit scharfer Kante für größere Wurzeln
  • Eine Grabgabel oder Grabegabel zum schonenden Lösen des Wurzelwerks ohne die Wurzel zu durchtrennen
  • Ein scharfes Gartenmesser oder eine Astschere zum Durchtrennen holziger Wurzeln
  • Eine Bürste zum groben Säubern an Ort und Stelle
  • Ein Korb oder Stoffbeutel zum Transport

Technik

  1. Die Pflanze anhand ihrer oberirdischen Teile eindeutig identifizieren.
  2. Den Spaten in ausreichendem Abstand zur Pflanze kreisförmig um das Wurzelwerk herum in den Boden stechen, um die Hauptwurzel nicht zu verletzen.
  3. Die Pflanze vorsichtig mitsamt dem Wurzelstock aushebeln – dabei nicht mit Gewalt reißen, sonst bricht die Wurzel ab und bleibt teilweise im Boden.
  4. Nur einen Teil der Wurzel entnehmen (bei ausdauernden Pflanzen – nicht die gesamte Pflanze vernichten).
  5. Das Loch wieder mit Erde auffüllen, um Erosion zu verhindern und anderen Pflanzen den Standort zu erhalten.
  6. Die ausgegrabene Wurzel noch vor Ort grob von Erde befreien (abklopfen, abbürsten).

Säuberung vs. Waschen

Grundsatz: Waschen nur wenn unbedingt nötig

Für die Tinkturherstellung gilt: Säubern ja, waschen möglichst nicht. Jeder Kontakt mit Wasser kann wertvolle wasserlösliche Inhaltsstoffe aus der Pflanze herauslösen, die der Tinktur anschließend fehlen.

Vorgehen für oberirdische Pflanzenteile

  1. Die Pflanzen durch leichtes Schütteln und Klopfen von losem Schmutz, Staub und kleinen Insekten befreien.
  2. Erde, Sand und grobe Verschmutzungen abschütteln oder mit einer weichen Bürste entfernen.
  3. Welke, braune oder von Schädlingen befallene Blätter und Stängel aussortieren.
  4. Bei Blüten besonders vorsichtig sein – sie sind empfindlich und geben ihre Wirkstoffe leicht ab.

Wann waschen?

  • Wurzeln müssen gewaschen werden – sie sind nach dem Ausgraben mit Erde behaftet. Sie sollten kurz unter fließendem kaltem Wasser abgebraust und mit einer Wurzelbürste gesäubert werden. Anschließend mit einem sauberen Tuch trockentupfen.
  • Stark verschmutzte Blätter (z. B. nach Regen mit anhaftendem Sand) kurz und sanft abbrausen und trockentupfen.
  • Pflanzen aus dem Fachhandel können bei Bedarf gewaschen werden, da sie möglicherweise mit Pflanzenschutzmitteln behandelt wurden.

Das Problem mit Wasser

  • Wasser löst wasserlösliche Wirkstoffe heraus – besonders ärgerlich, wenn die Pflanze längere Zeit im Wasser liegt.
  • Feuchte Pflanzen faulen schneller, wenn sie in das Auszugsmittel eingelegt werden.
  • Die natürliche Mikroflora der Pflanze, die zur Fermentation beitragen kann, wird abgewaschen.

Zerkleinerung

Die Zerkleinerung ist der unterschätzte Schlüsselschritt: Sie vergrößert die Kontaktfläche zwischen Pflanze und Lösungsmittel und beschleunigt dadurch die Extraktion. Dabei gilt eine wichtige Unterscheidung:

Grobe Zerkleinerung

  • Blätter und Stängel: Mit einem scharfen Messer oder einer Kräuterschere in circa 1-3 cm große Stücke schneiden.
  • Siehe grundsätzlich: Grobes Material lässt sich nach der Mazeration besser abfiltern als sehr fein zerkleinertes.
  • Die Extraktion dauert etwas länger, ist aber vollständiger und das Filtrat klarer.

Feine Zerkleinerung

  • Beschleunigt die Extraktion durch stark vergrößerte Oberfläche.
  • Die Filterung wird aufwändiger, da sich feine Pflanzenpartikel im Filtrat verteilen.
  • Bei sehr fein zerkleinerten Kräutern ist die in Herstellung einer Tinktur beschriebene ein- bis zweitägige Ruhezeit vor dem Nachfiltern besonders wichtig.

Spezielle Zerkleinerungstechniken

  • Blüten: Nur andrücken oder in kleinere Einzelblüten zerlegen, nicht mit dem Messer zerkleinern – sie sind zu empfindlich.
  • Wurzeln: Mit einem schweren Messer oder einem scharfen Küchenbeil zerkleinern. Frische Wurzeln lassen sich leichter schneiden als getrocknete. Sehr harte, getrocknete Wurzeln können im Mörser grob zerkleinert oder vorsichtig mit einem Hammer zerschlagen werden (dabei die Wurzel in ein sauberes Geschirrtuch einschlagen, damit die Stücke nicht umherfliegen).
  • Beeren und Früchte: Mit einer Gabel zerdrücken oder leicht anschneiden. Die Schale muss geöffnet werden, damit das Lösungsmittel eindringen kann.
  • Samen: Ganze, unverletzte Samen werden kaum extrahiert. Sie mindestens anstoßen (z. B. im Mörser) oder mit einem schweren Gegenstand vorsichtig zerdrücken, um die Schale aufzubrechen.
  • Rinden: In kleine Stücke brechen oder mit einer Gartenschere zerschneiden.

Werkzeuge für die Zerkleinerung

  • Kräuterschere: Ideal für Blätter und dünne Stängel
  • Scharfes Küchenmesser: Universelles Werkzeug für die grobe und feine Zerkleinerung
  • Mörser mit Stößel: Für harte Wurzeln, Samen und getrocknete Kräuter – der Stößel bricht die Zellwände mechanisch auf und verbessert so die Extraktion
  • Schweres Hackmesser oder Küchenbeil: Für dicke Wurzeln und Rinden
  • Sauberes Schneidebrett: Aus Holz oder Kunststoff – für jeden Pflanzentyp ein eigenes Brett oder gründliche Reinigung zwischen den Sorten, um Vermischungen zu vermeiden

Wichtig: Stumpfe Werkzeuge sind tabu. Stumpfe Klingen quetschen die Pflanzenzellen, statt sie sauber zu durchtrennen. Die Folge sind vorzeitiger Zellaustritt, Oxidation und Wirkstoffverlust. Eine scharfe Klinge schneidet die Zellwände sauber durch und minimiert den Verlust an wertvollen Inhaltsstoffen.


Sammelplatz

Bevor eine Pflanze gesammelt wird, verdient der Sammelplatz selbst eine kritische Prüfung:

  • Düngung und Spritzmittel: Wird der Standort gedüngt? Wird mit Unkrautverhütungsmitteln gespritzt? Wurde Jauche ausgebracht? Wenn ja: nicht sammeln.
  • Tierkot: Könnte Tierkot an den Pflanzen sein – insbesondere vom Fuchs, der den für den Menschen gefährlichen Fuchsbandwurm übertragen kann? Falls ja: Hände weg.
  • Straßen und Verkehr: Befinden sich befahrene Straßen in unmittelbarer Nähe? Abgase und Reifenabrieb setzen sich auf den Pflanzen ab. Als Faustregel gilt: Nicht näher als 50 Meter an viel befahrenen Straßen sammeln.
  • Industrie und Landwirtschaft: In der Nähe von konventionell bewirtschafteten Äckern (Pestizidabdrift) oder Industrieanlagen sollten keine Pflanzen gesammelt werden.
  • Hundewiesen: Beliebte Gassigeh-Stellen sind durch Hundeurin und -kot verunreinigt. Diese Flächen meiden.

Faustregel: Im Zweifel über die Sauberkeit des Standorts auf das Sammeln verzichten und stattdessen auf getrocknete Kräuter aus dem Fachhandel oder der Apotheke zurückgreifen.


Pflanzen trocknen

Eine schöne und behutsame Ernte nützt nichts, wenn die Pflanzen nicht korrekt getrocknet und aufbewahrt werden. Trocknen dient der Konservierung: Aus einer Arzneipflanze wird durch möglichst schonende Trocknung eine Droge (von altdeutsch „drog" für „trocken" – mit Rauschgift hat das nichts zu tun). Teekräuter werden durch Wasserentzug haltbar gemacht.

Grundregeln der Trocknung

  • Wurzeln vor dem Trocknen waschen (Ausnahme bei oberirdischen Teilen: nicht waschen, das könnte Pflanzenzellen beschädigen und zu Wirkstoffverlust führen, v.a. bei ätherischen Ölpflanzen).

  • Blätter wirkstofferhaltend trocknen: Wird folium (das Blatt) medizinisch verwendet, werden die Blätter direkt nach der Ernte hängend am Stiel getrocknet. So können sich die Wirkstoffe während des Trocknens nicht in die Stiele zurückziehen, die danach ja verworfen werden.

  • Als Ganzblattware – ohne Zerkleinerung – trocknen und aufbewahren, weil sonst an den Bruchstellen Verluste von Wirkstoffen auftreten, v.a. von ätherischen Ölen.

  • Herba (blühendes Kraut): Kann man die Pflanzen als „Kräuterstrauß" trocknen. Bitte locker und luftig binden, dann hängen die trocknenden Kräuter schön und behalten ihre Farbe.

  • Pflanzen mit Pflanzenschleimen besonders sorgfältig und locker ausbreiten, Blatt neben Blatt, Blüte neben Blüte, einzeln, da sie schwer trocknen, dazu neigen, Wasser an sich zu ziehen (hygroskopisch), und schimmeln könnten. Sie können bei niedriger Temperatur gut im Dörrapparat getrocknet werden.

Temperatur-Regeln

  • Unter 40 °C möglichst schnell trocknen, sonst beginnen die Pflanzenenzyme durch den biochemischen Abbauprozess mit ihrer Zersetzungsarbeit, oder die Pflanzen fermentieren und verlieren ihre Farbe.

  • Kräuter mit ätherischen Ölen unter 30 °C trocknen, sonst verflüchtigen sich die Öle.

  • Während des Trocknens die Pflanzen häufiger umdrehen bzw. umsortieren.

Trocknungsgrad erkennen

Fertig getrocknet – und erst dann aufbewahrungsreif – sind Pflanzen, wenn sie stroh- oder „bruchtrocken" sind: Sie fühlen sich nicht mehr „elastisch", sondern knisternd wie „Cornflakes" an und lassen sich zwischen den Fingern zu Pulver zerreiben. Jetzt (erst) werden sie in aromageschützte, feuchtigkeits- und lichtgeschützte Behälter gefüllt.


Pflanzen aufbewahren – aber richtig

Temperatur und Licht sind die wesentlichen Parameter für den Erhalt der Drogenqualität.

  • Die getrockneten Pflanzen locker in gut verschließbare Schraubgläser aus Braunglas füllen oder in spezielle Holz- oder Kartondosen; evtl. in Papiertüten (Apotheke) einschlagen. Nicht zusammenpressen, sonst werden sie zu wirkungslosen Staubfängern.

  • Haltbarkeit: Nach 1 Jahr bauen sich die Wirkstoffe ab. Korrekt geerntete, getrocknete und aufbewahrte Ganzblattware hält 2 Jahre! Danach sollten die Pflanzen nicht mehr für Heilzwecke verwendet werden.

Literatur & Quellen: Quellen & Literatur – seitenübergreifend basierend auf U. Bühring, Praxis Heilpflanzenkunde, und Weiss/Fintelmann, Lehrbuch Phytotherapie. Eigene Zusammenfassung, keine Textübernahmen.
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