Rappier — Der Stoß (Meyer)

Stoßtypen und Stoßmechanik am Rappier nach Joachim Meyer

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Der Stoß als primäre Aktion

Der Stoß ist in Joachim Meyers Rappier-System die zentrale offensive Aktion, die den Hieb in seiner taktischen Priorität deutlich überflügelt. Meyer betont die Gefährlichkeit des Stoßes wiederholt: Ein Treffer mit dem Ort dringt tief in den Körper ein und beendet den Kampf — eine Eigenschaft, die Meyer mit der Formulierung „der Stoß ist das fürnembste stuck am Rappier“ unterstreicht. Die schlanke, steife Rappierklinge ist konstruktiv auf diese Aktion optimiert, und Meyers gesamtes Rappier-Curriculum ist um die Vorbereitung, Ausführung und Verteidigung des Stoßes herum organisiert.

Die Stoßmechanik unterscheidet sich fundamental von der Hiebmechanik des Dussacks und des Langen Schwerts. Wo der Hieb eine bogenförmige, rotierende Bewegung durchläuft, zielt der Stoß auf eine geradlinige, lineare Penetration. Die Klinge muss in der Stoßlinie stabil bleiben, die Hand führt den Ort präzise auf die Blöße, und der gesamte Körper — Schulter, Hüfte, Beine — treibt den Stoß nach vorne.

Die drei Stoßtypen: gerade, steil und flach

Meyer klassifiziert den Rappier-Stoß in drei distinkte Typen, die sich in ihrem Eintrittswinkel und dem taktischen Kontext unterscheiden:

Der gerade Stoß wird mit gestrecktem Arm und horizontal geführter Klinge auf die Brust oder den Bauch des Gegners gesetzt. Er ist der direkteste und schnellste Stoß, erfordert jedoch eine Deckung der eigenen Faust, die während der Ausführung exponiert ist. Der gerade Stoß entsteht typischerweise aus dem Ochs oder Pflug und folgt der kürzesten Linie zum Ziel.

Der steile Stoß — auch herunterfallender Stoß genannt — wird von oben aus dem Tag oder einer erhöhten Position gesetzt und trifft den Gegner im Gesicht, am Hals oder in der oberen Brust. Meyer beschreibt ihn als „von oben herab gestochen“, wobei die Klinge im steilen Winkel einfällt und die eigene Faust oberhalb des gegnerischen Griffs bleibt. Der steile Stoß nutzt die Gravitation und die gestreckte Haltung für maximale Reichweite.

Der flache Stoß wird mit der Klinge nahezu horizontal, aus einer seitlichen Position in die Flanke, unter den Arm oder zum Bauch gesetzt. Er eignet sich besonders zum Ausnutzen von Öffnungen, die der Gegner durch eine hohe Deckung oder einen missglückten Angriff preisgibt.

Ziel und Ausführung

Meyers Stoßziele sind präzise definiert: Gesicht, Hals, Brust und Bauch — die zentralen Blößen des Oberkörpers. Die unteren Blößen treten beim Stoß taktisch zurück, da sie schwerer zu erreichen sind und die exponierte Faust bei einem tiefen Stoß dem Gegner eine Einladung zum Handtreffer bietet. Meyer fordert, dass jeder Stoß mit einer aktiven Deckung kombiniert wird: Die Klinge des Gegners muss während des eigenen Stoßes kontrolliert oder zumindest neutralisiert werden, um einen Doppeltreffer zu verhindern. In der modernen HEMA-Praxis wird diese Forderung — Stoß mit gleichzeitiger Deckung — als Kernprinzip der Meyer’schen Rappier-Lehre intensiv trainiert.

Quellen

  • Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung. Straßburg 1570, 3. Buch, Kap. 4–5.
  • Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015.
  • Norling, Roger: Joachim Meyer’s Rappier. HROARR Publications, 2019.
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