Dussack
Der Dussack als Übergangswaffe und Grundlage des einhändigen Fechtens bei Meyer

Der Dussack: Konstruktion und historischer Kontext
Der Dussack war im 16. Jahrhundert eine weit verbreitete Übungswaffe, die aus gebogenem, mit Leder überzogenem Holz gefertigt wurde und einen integrierten Handschutz aufwies. Als kostengünstige und sichere Trainingswaffe bildete der Dussack eine Brücke zwischen dem Langen Schwert und dem scharfen Rappier. Die charakteristische gebogene Form — ähnlich einem Säbel — unterschied ihn deutlich vom geraden Langen Schwert und bereitete den Schüler auf die veränderte Mechanik des einhändigen Fechtens vor.
Joachim Meyer widmet dem Dussack das zweite Buch seiner Gründlichen Beschreibung (1570) und behandelt ihn als zweite Waffengattung nach dem Langen Schwert. Diese Positionierung ist didaktisch begründet: Der Dussack dient als Übergangswaffe für den einhändigen Kampf und bereitet den Schüler systematisch auf das Rappierfechten vor. Meyer betont, dass das Fechten mit dem Dussack die Grundprinzipien des einhändigen Kampfes vermittelt — Handhabung, Beinarbeit und taktisches Verhalten mit nur einer Hand am Griff.
Warum Meyer den Dussack lehrt
Meyers didaktische Entscheidung für den Dussack folgt einer durchdachten Progression. Der Schüler beginnt mit dem beidhändigen Langen Schwert (maximale Kontrolle), geht zum einhändigen Dussack über (Übergang zum einhändigen Fechten, aber mit sicherer Trainingswaffe) und schreitet schließlich zum scharfen, hochspezialisierten Rappier fort. Diese Stufung erlaubt es, die feinmotorischen und koordinativen Herausforderungen des einhändigen Fechtens zu meistern, bevor die Gefährlichkeit der scharfen Rappierklinge hinzukommt.
Zudem war der Dussack im 16. Jahrhundert populär und in bürgerlichen Kreisen verbreitet. Meyer schrieb für ein Publikum, das den Dussack kannte und schätzte — seine Aufnahme ins Curriculum war also sowohl pädagogisch als auch marktstrategisch motiviert.
Spezifische Dussack-Haue und -Huten
Meyer überträgt die Systematik seiner Langschwert-Lehre auf den Dussack und passt sie an die einhändige Mechanik an. Die vier Haupthuten des Dussacks — Öchslin, Pflug, Tag und Nebenhut — korrespondieren erkennbar mit den Vier Legern des Langen Schwerts, weisen jedoch charakteristische Abweichungen auf, die durch die einhändige Führung bedingt sind. So ist der Tag am Dussack nicht nur eine beidhändige Hochhaltung, sondern erlaubt eine variantenreiche, flexible Positionierung der Klinge über dem Kopf.
Die Dussack-Haue sind analog zu den Langschwert-Hauen systematisiert, jedoch mit spezifischen Anpassungen an die gebogene Klingenform und die einhändige Mechanik. Meyer unterscheidet zwischen Oberhauen, Unterhauen, Zwerchhauen und den kunstvolleren Aktionen, die das taktische Repertoire des Dussackfechters ausmachen.
Meyer und die Dussack-Tradition
Meyer ist nicht der einzige Meister, der den Dussack behandelt — auch Paulus Hector Mair und Hans Talhoffer zeigen Dussack-ähnliche Waffen —, aber er ist der einzige, der dem Dussack eine systematische Stellung innerhalb eines umfassenden Curriculums zuweist. Seine detaillierte Darstellung des Dussackfechtens hat das historische Interesse an dieser Waffe maßgeblich geprägt.
Moderne Relevanz
In der modernen HEMA-Szene etabliert sich der Dussack zunehmend als eigenständige Disziplin. Spezielle Dussack-Turniere — etwa im Rahmen der International Armizare Society und des DDFH — verzeichnen wachsende Teilnehmerzahlen. Praktiker wie Alexander Fürgut und Herbert Schmidt haben moderne Dussack-Lehrgänge entwickelt, die sich direkt auf Meyers Darstellung stützen. Die Konstruktion moderner Dussack-Simulatoren aus Leder oder Kunststoff folgt weitgehend den historischen Vorbildern und erlaubt ein authentisches, sicheres Fechten.
Meyer
Joachim Meyer, „Gründtliche Beschreibung der Kunst des Fechtens“ (Straßburg 1570), 2. Buch (Dussack), 1. Kapitel („Inhalt des Fechtens im Dusäcken“), fol. Ⅱ.1r–Ⅱ.1v. Deutsche Transkription nach Michael Chidester, Wiktenauer.
Innhalt des Fechtens im Dusäcken, und in was ordnung solches Fechten beschriben wirdt. Das erst Capitel. Nach dem bißher mit dem Fechten im Schwerdt der grundt gelegt, volgt nun ferner der Dusack, welcher seinen ursprung auß dem Schwert nimpt, als auß der rechten quelle alles Fechtens, beides so zu einer unnd beiden Händen verricht wirdt: Will derhalben denselbigen, als der beii uns Teutschen nach dem Schwerdt nicht allein am breuchlichsten, Sonder auch als ein anfange und grund aller Wehr, so zu einer hand gebraucht werden, hieher setzen, unnd volgends mit allen umbstenden, und zugehörenden stucken, der ordnunge nach handlen und erklären.
Dieweil aber der Dusack dem Schwerdt so nahe verwandt, Also das der mehrer theil stuck, die im Schwerdt zu beiden henden gebraucht, mit gar wenig enderung, im Dusacken mit einer hande Gefochten werden, will ich in beschreibung desselbigen, eben der ordnunge, so ich bißher im Schwerdt gehalten, alhie auch gäntzlich volgen, Und derwegen, nach dem hievor im Schwerdt, von der theilunge des Manns, umb welchen es zuthun, und von theilung des Wehrs genugsamen bericht geschehen, am aller Ersten die Läger oder Hutten, für und an die hand nemen, auch wie vil deren, und wie sie ins werck sollen gericht werden, erzelen.
Darnach aber, zum andern will ich die Häwe, und wie sie sollen volbracht werden, der ordnunge nach setzen und handlen. Zum dritten, will ich des Manns theilung, nach welchem jetzgedachte Häwe sollen gericht werden, Nemlich von der selbigen nutze und gebrauche, so zuvor im Schwerte, als hierzu dienstlich, gespart verblieben, damit nicht so zur sache gehörig, underlassen werde, vollends verrichten.
Zum vierdten, will ich ein notwendige nutzliche Lehr und vermanung vom Versetzen, und wie man die Häwe zu dreyerley nutz underschiedlichen gebrauchen solle, hinnan hencken, unnd letzlich, nach dem nuhn alle nottwendige zum Dusacken fechten dienstliche stucke verhandlet, will ich ein Läger nach dem anderen fürnemen, und wie du aus der selbigen jedem, so du in vollem Fechten oder durch verhawen in deren eins kommen werest, fechten solt, durch mancher hand exempel dargeben, auch wie die bißher gelehrte stucke zusamen zusetzen, das ein gantz fecht stuck daraus zumachen, richtig beschreiben.
Quellen und Editionen
- Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570, 2. Buch (Dussack).
- Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015, Dussack-Kapitel.
- Fürgut, Alexander: Meyers Dussack. Ein Lehr- und Übungsbuch. G & S Verlag, 2020.