Paulus Hector Mair
Augsburger Patrizier, Sammler und Fechter — Monumentale Kompilationen

Biographie
Paulus Hector Mair (1517–1579) war ein Augsburger Patrizier, der als Sammler, Auftraggeber und wahrscheinlich auch Praktiker der Fechtkunst in die Geschichte einging. Er stammte aus einer angesehenen Augsburger Familie und bekleidete hohe städtische Ämter, darunter das des Stadtpflegers und des Zucht- und Einungsherrn.
Mairs Leben endete dramatisch: 1579 wurde er wegen großangelegter Unterschlagung städtischer Gelder — Summen, die er vermutlich auch zur Finanzierung seiner kostspieligen Fechtbuch-Projekte verwendet hatte — verhaftet, verurteilt und hingerichtet. Sein Schicksal macht ihn zu einer der tragischsten Figuren der Fechtbuchgeschichte.
Trotz seines kriminellen Endes bleibt Mair einer der bedeutendsten Tradenten der Liechtenauer-Überlieferung. Seine enzyklopädische Sammeltätigkeit bewahrte riesige Mengen an Material, das sonst verloren gegangen wäre.
Werk
Fechtbuch / Handschrift
Mair schuf die umfangreichsten Fechtbücher der gesamten deutschen Tradition. Sein Hauptwerk, das Opus Amplissimum de Arte Athletica (entstanden um 1540), existiert in drei großen Prachthandschriften:
- Dresden (Sächsische Landesbibliothek, MS Dresd. C 93/94) — die Dresdner Fassung
- München (Bayerische Staatsbibliothek, Cod. icon. 393) — die Münchner Fassung
- Wien (Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 10825/10826) — die Wiener Fassung
Diese drei Versionen enthalten zusammen tausende farbige Illustrationen, die nahezu jede denkbare Waffe und Kampfsituation abdecken:
- Langes Schwert (Blossfechten und Harnischfechten)
- Langes Messer
- Dussack
- Rappier
- Dolch
- Ringen
- Stangenwaffen (Hellebarde, Spieß)
- Rossfechten
- Kampfschilde und exotische Waffen
Mairs Fechtbücher sind Kompilationen — er sammelte und kopierte Material aus älteren Quellen, insbesondere von Hans Talhoffer, dessen Illustrationen in großer Zahl übernommen wurden, aber auch von Sigmund Ringeck, Peter von Danzig und anderen Meistern. Mairs eigene Leistung liegt in der enormen redaktionellen und organisatorischen Arbeit, dieses disparate Material zu einem monumentalen Gesamtwerk zusammenzuführen.
Besonderheiten seines Systems
Mair war kein origineller Systematiker wie Ringeck, sondern ein enzyklopädischer Sammler. Die Besonderheiten seines Werks sind:
- Enormer Umfang — Mair ist der umfangreichste Fechtschriftsteller der deutschen Tradition. Kein anderes Fechtbuch kommt an die schiere Masse des gesammelten Materials heran
- Alle Waffen, alle Meister — Mairs Sammeleifer kannte kaum Grenzen. Er sammelte systematisch Techniken aus allen verfügbaren Quellen und für alle nur denkbaren Waffen
- Aufwendige Illustrationen — Die farbigen Illustrationen gehören zu den prachtvollsten der gesamten Fechtbuch-Überlieferung und machen Mairs Werk auch kunsthistorisch bedeutend
Stellung in der Liechtenauer-Tradition
Mair markiert den Höhepunkt und zugleich den Endpunkt der kompilatorischen Tradition des 16. Jahrhunderts. Er konservierte den gesamten Bestand der älteren Liechtenauer-Überlieferung in einem monumentalen Werk, das zugleich Abschluss und Summe der mittelalterlichen Fechttradition ist. Nach Mair beginnt der Übergang zu neuen Fechtsystemen (vor allem italienischer und spanischer Prägung), und das Langes Schwert tritt zugunsten des Rappiers in den Hintergrund.
In der modernen Praxis
Mairs Fechtbücher sind eine unerschöpfliche Fundgrube für die HEMA-Forschung. Die Fülle des Materials und die Qualität der Illustrationen machen sie zu einer der wichtigsten Quellen überhaupt, insbesondere für selten dokumentierte Waffen. Die schiere Masse stellt allerdings auch eine Herausforderung dar — eine vollständige Edition und Auswertung ist bis heute nicht abgeschlossen.
Quellen und Editionen
- Die drei großen Mair-Handschriften in Dresden, München und Wien
- David Knight und Jeffrey L. Forgeng: Edition und Übersetzungsprojekte (laufend)
- Auswahl-Editionen der Illustrationen als Faksimile