Jörg Wilhalm

Fechtmeister in Augsburg — Cgm 3711 (um 1523)

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Biographie

Jörg Wilhalm (auch Jörg Wilhelm) war ein Fechtmeister des frühen 16. Jahrhunderts, der in der Reichsstadt Augsburg wirkte. Augsburg war zu dieser Zeit eines der bedeutendsten wirtschaftlichen und kulturellen Zentren des Heiligen Römischen Reichs und beherbergte eine lebendige Fechttradition, die von Sigmund Ringeck über Jud Lew bis zu Paulus Hector Mair reichte.

Über Wilhalms Leben ist nur wenig bekannt. Sein Fechtbuch Cgm 3711 wird auf etwa 1523 datiert und fällt damit in eine Übergangszeit, in der die klassische Liechtenauer-Tradition des Langen Schwerts langsam von neueren Waffen und Stilen ergänzt und teilweise abgelöst wurde.

Werk

Fechtbuch / Handschrift

Cgm 3711 (München, Bayerische Staatsbibliothek) ist ein illustriertes Fechtbuch, das mehrere Disziplinen umfasst:

  • Harnischfechten — Techniken mit dem Halbschwert und Ringen im Harnisch
  • Blossfechten — Techniken mit dem Langen Schwert nach Liechtenauer’scher Art
  • Ringen — Kampfringen mit verschiedenen Griffen und Würfen

Das Werk ist wie bei Hans Talhoffer und Paulus Kal überwiegend bildbasiert, mit kurzen Textbeigaben zu den Illustrationen.

Besonderheiten seines Systems

Wilhalms Werk weist mehrere bemerkenswerte Eigenheiten auf:

  • Besondere Hüte — Wilhalm zeigt ungewöhnliche, von der kanonischen Vier-Leger-Lehre abweichende Ausgangspositionen und Guardia-Varianten
  • Eigenständige Stücke — Einige Techniksequenzen scheinen Wilhalms persönliche Präferenzen oder regionale Besonderheiten der Augsburger Fechtschule widerzuspiegeln
  • Harnischschwerpunkt — Im Vergleich zu anderen Fechtbüchern der Zeit liegt ein auffällig starker Fokus auf dem Harnischfechten, was auf eine Spezialisierung oder besondere Nachfrage im Klientel hindeuten könnte

Stellung in der Liechtenauer-Tradition

Wilhalm repräsentiert die Augsburger Kontinuität der Liechtenauer-Tradition im frühen 16. Jahrhundert. Er steht in einer direkten Linie zu den großen Glossatoren des 15. Jahrhunderts und bildet zugleich eine Brücke zur monumentalen Sammeltätigkeit eines Paulus Hector Mair, der nur wenige Jahrzehnte später in derselben Stadt wirkte.

Seine spezifischen Hüte und Stücke zeigen, dass die Liechtenauer-Tradition auch in der Frühen Neuzeit kein statisches System war, sondern lebendig weiterentwickelt und regional variiert wurde.

In der modernen Praxis

Wilhalms Fechtbuch wird in der HEMA-Szene vor allem von Spezialisten des Harnischfechtens und der Augsburger Lokaltradition rezipiert. Seine ungewöhnlichen Stellungen und Hüte regen zu experimenteller Rekonstruktion und vergleichender Analyse mit den klassischen Quellen an.

Quellen und Editionen

  • Cgm 3711 — Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München
  • Forschungen im Kontext der Augsburger Fechttradition
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