Johannes Liechtenauer

Gründervater der Deutschen Fechtschule

personmeisterLiechtenauer14 jh

“Hie hebt sich an die kunst des lichtnawers / Meister liechtenawers kunst / dem got gnadig sey.” — Incipit des Cod. 44.A.8

Biographie

Über das Leben des Johannes Liechtenauer ist quellenmäßig nur äußerst wenig gesichert. Die früheste und zugleich ausführlichste Quelle zu seiner Person findet sich in der Hs. 3227a (Nürnberger Handschrift, um 1389/1420), deren Kompilator (Pseudo-Hans Döbringer zugeschrieben) schreibt:

“Vnd das thun ich nicht alleyne, Sunder ich thu es mit sampt der hulffe vnd mit rate des alder grosten vnd hoisten meister in der kunst, nemlichen Meister Johans Liechtenawers der do eyn groser meister geweßen ist in der kunst, dem got genedich sey.”

Dieser Passus, verbunden mit dem Gebrauch des Konjunktivs “sey” und der Formulierung “gewesen ist”, belegt, dass Liechtenauer zum Zeitpunkt der Niederschrift (um 1389/1400) bereits tot war. Seine Schaffenszeit fällt somit sicher ins 14. Jahrhundert, wahrscheinlich in dessen zweite Hälfte.

Die Döbringer-Handschrift gibt ferner an, Liechtenauer habe die Kunst “mit grosser Kunst, und mit tieffer vornunfft vnd subtilheit” “erfunden und gesammelt”, sei also nicht ihr Schöpfer im Sinne einer creatio ex nihilo, sondern vielmehr derjenige, der disparate Fechttechniken zu einem kohärenten System verdichtet und kodifiziert habe. Die Aussage “Nicht das her sy selber funden vnd irdocht habe, als her vor gesprochin hat, Sunder her hat manche lant durchfaren vnd gesucht” belegt eine umfangreiche Reisetätigkeit durch “viele Länder”, in denen Liechtenauer Fechtkenntnisse sammelte und systematisierte.

Der Name Liechtenauer (auch Lichtenawer geschrieben) deutet auf eine Herkunft aus dem fränkischen Raum hin — mehrere Orte namens Lichtenau existieren im heutigen Bayern und Baden-Württemberg. Eine Identifikation mit einem bestimmten Ort ist jedoch spekulativ [Stand der Forschung: nicht gesichert].

Sein Zettel

→ Siehe Hauptartikel: Liechtenauers Merkverse

Liechtenauers eigentliches Werk ist der sogenannte Zettel (auch Zedel, von mittelhochdeutsch zedel = Schriftstück, Blatt), eine Folge gereimter Merkverse in frühneuhochdeutscher Sprache. Der Zettel ist ein bewusst kryptisch gehaltenes Lehrgedicht — nicht für den Uneingeweihten, sondern als Gedächtnisstütze für den bereits kundigen Fechter gedacht. Der Kompilator der Hs. 3227a erklärt dieses didaktische Prinzip explizit:

“Vnd wisse das der zetel des lichteñawers gleich als der spruch der poeten vnd der doctor […]. Wy man den text des zetels vnd dieser auslegung vornemen sal vnd was do pey czu mercken ist: vnd mercket vnd wist, das man den text des zetels nicht also eigentlich vor al den lewten sol offenwaren, Sunder man sal en vordecken vnd vorbergen, als hir noch geschrebin stehit.”

Der Zettel beginnt mit der berühmten ritterlichen Ermahnung (siehe Deutsche Fechtschule) und umfasst Abschnitte zum Deutsche Fechtschule, zu den Vier Legern, den Fünf Hauen, zum Harnischfechten — Überblick und zum Rossfechten — Überblick, deren Gesamtumfang je nach Handschrift variiert. Die Kürze des Zettels — wenige hundert Verse — steht in markantem Kontrast zur Ausführlichkeit der späteren Glossen, was die konzentrierte, esoterische Natur des Texts unterstreicht.

Die Lehre

Liechtenauers System, wie es durch die Glossen erschlossen wird, stellt das Deutsche Fechtschule mit dem Langen Schwert in den Mittelpunkt. Die Kernprinzipien sind:

  • Vor Nach Indes — Das fundamentale Zeitkonzept des Fechtens. Wer zuerst handelt, zwingt den Gegner in die Nach-Position. Nur wer handelt, wenn der Gegner im Vor ist, arbeitet im Indes (zugleich, unmittelbar) und kann die Initiative wenden.
  • Stark und Schwach — Die Klinge wird in stark (vorderer, hebelnaher Teil) und schwach (hinterer, ortnaher Teil) geteilt. Das Schwache wird mit dem Starken überwunden.
  • Winden am Schwert — Aus der Bindung heraus gegen den Gegner drehen und den Ort bedrohen, die taktisch zentrale Aktion des Liechtenauerschen Fechtens.
  • Vier Blössen — Das Zielsystem des Körpers, aufgeteilt in vier Öffnungen (links/rechts oben, links/rechts unten), zu ergänzen durch das Prinzip, stets die nächstgelegene Blöße anzugreifen.

Die fünf verborgenen Haue

→ Siehe Hauptartikel: Meyers Meisterhaue

Das Kernstück des Zettels und zugleich das definitive Alleinstellungsmerkmal der Liechtenauer-Tradition sind die fünf verborgenen [verdeckten] Haue (auch Meisterhaue genannt). Jeder Hieb ist zugleich Angriff und Verteidigung, trägt also den Versatz in sich selbst:

  • Zornhau — Der diagonale Oberhau, der jeden Oberhau des Gegners bricht.
  • Krumphau — Der gekrümmte Hieb gegen die Hände.
  • Zwerchau — Der querfliegende Hieb mit der Kurzen Schneide, brechend gegen den Vom Tag.
  • Schielhau — Der schielende Hieb, der in den Langen Ort sticht und alle Oberhaue zerbricht.
  • Scheitelhau — Der Scheitelhieb, der auf den Kopf des Gegners fällt und das Alber-Leger bricht.

Einfluss und Erbe

Sigmund Ringeck, Peter von Danzig und Jud Lew glossierten Liechtenauers Zettel — ihre Arbeiten sind die primären Quellen, durch die wir das System überhaupt erschließen können. Paulus Kal führt Liechtenauer in seiner Liste der Meister (Cgm 1507) namentlich auf und reiht ihn an die erste Stelle der Traditionslinie ein: “Liechtenawer / haw / stich / schnidt / haw”. Joachim Meyer erwähnt ihn 1570 in der Gründlichen Beschreibung respektvoll als Ahnen seiner eigenen Kunst, wenngleich Meyer das System für die veränderte Fechtpraxis seiner Zeit substantiell modernisierte.

Warum der Gründervater?

Liechtenauer ist nicht der Erfinder der Kampfkunst an sich, wohl aber derjenige, der durch die Kodifizierung im Zettel eine geschlossene, lehr- und tradierbare Systematik schuf, die von nachfolgenden Generationen als verbindliche Grundlage anerkannt wurde. Kein anderer Meister vor ihm hat eine ähnliche Wirkung auf die deutschsprachige Fechtliteratur entfaltet. Die Tatsache, dass über zwei Jahrhunderte hinweg ein ganzer Berufsstand — die Marxbrüder und Federfechter — seine Legitimation auf diesen Meister zurückführte, unterstreicht seine singuläre Stellung.

In der modernen Praxis

Liechtenauers System bildet heute, zusammen mit Fiore dei Liberi, das Fundament des internationalen HEMA-Langschwertfechtens. Die Glossen von Ringeck und Pseudo-Danzig gelten vielen Praktikern als die verlässlichste Primärquelle, während die Nürnberger Handschrift aufgrund ihrer frühen Datierung und ausführlichen Kommentare forschungsgeschichtlich von außerordentlichem Interesse ist.

Quellen und Editionen

  • Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Lang, Frankfurt a. M. 1985. [Standardwerk]
  • Tobler, Christian Henry: In St. George’s Name. Freelance Academy Press, 2010.
  • Wierschin, Martin: Meister Johann Liechtenauers Kunst des Fechtens. C. H. Beck, München 1965.
  • Hull, Jeffrey; Monika Maziarz; Grzegorz Żabiński: Knightly Dueling. The Fighting Arts of German Chivalry. Paladin Press, 2007.
Nach oben ↑