Cod. 44.A.8
Pseudo-Peter von Danzig

Überblick
- Signatur: Cod. 44.A.8, Biblioteca dell’Accademia Nazionale dei Lincei e Corsiniana, Rom
- Datierung: 1452
- Sprache: Frühneuhochdeutsch (mitteldeutsche Prägung)
- Aufbewahrungsort: Biblioteca Corsiniana, Rom
- Autor: Peter von Danzig (traditionelle, aber umstrittene Zuschreibung)
Inhalt
Der Cod. 44.A.8 – in der Forschung häufig als »Pseudo-Peter von Danzig« bezeichnet – gehört zu den drei kanonischen Glossen des Liechtenauer-Zettels und zählt zu den wichtigsten Textzeugen der Deutsche Fechtschule des 15. Jahrhunderts. Die Handschrift enthält den vollständigen Zettel Liechtenauers mit einer umfangreichen Prosa-Glosse, die sich durch präzise und anschauliche Technikbeschreibungen auszeichnet.
Die Glosse kommentiert den Zettel des Langen Schwerts in systematischer Ordnung — die fünf Haue, vier Leger, vier Versetzen und das Nachreisen — und behandelt daneben das Harnischfechten — Überblick, das Rossfechten — Überblick und das Ringen — Überblick. Jeder Abschnitt wird durch die Merkverse des Zettels eingeleitet und in einer gut strukturierten Prosa erläutert. Die Qualität der Erläuterungen – etwa zu den Vier Legern, dem Zornhau und dem Winden am Schwert – hebt den Cod. 44.A.8 von zeitgenössischen Handschriften ab.
Zusätzlich zum fechterischen Kernmaterial enthält die Handschrift lehrhafte Passagen zur rechten Haltung des Fechters, Ratstexte zur Ausrüstung und zur Wahl der Waffe sowie ergänzendes Material, das über den unmittelbaren Zettel-Kommentar hinausgeht. Diese Zusatztexte deuten auf einen didaktisch versierten Kompilator hin.
Die traditionelle Zuschreibung an den Fechtmeister Peter von Danzig wird in der modernen Forschung zunehmend hinterfragt. Stilistische und inhaltliche Vergleiche mit anderen Danzig-zugeschriebenen Handschriften legen nahe, dass es sich um eine Abschrift oder Bearbeitung handelt – daher die Bezeichnung »Pseudo-Peter von Danzig«.
Die Danzig-Gruppe
Der Cod. 44.A.8 steht im Zentrum der sogenannten Danzig-Gruppe, einer Familie verwandter Handschriften, die auf eine gemeinsame Vorlage zurückgehen. Zu dieser Gruppe zählen neben der römischen Handschrift weitere Textzeugen, die ähnliche Glossierungen und Textanordnungen aufweisen. Die Danzig-Gruppe bildet gemeinsam mit der Ringeck-Glosse und der Jud-Lew-Glosse das Rückgrat der fechterischen Exegese des 15. Jahrhunderts.
Stellung in der Liechtenauer-Tradition
Als eine der drei kanonischen Glossen ist der Cod. 44.A.8 von zentraler Bedeutung für das Verständnis der Lehre Liechtenauers. Seine detaillierten Technikbeschreibungen erlauben – mehr als manche andere Handschrift – eine praktische Rekonstruktion der beschriebenen Techniken. Zahlreiche spätere Meister, darunter Paulus Kal und Joachim Meyer, griffen implizit oder explizit auf Material zurück, das in der Danzig-Gruppe tradiert wurde.
Editionen und Forschung
- Dierk Hagedorn: Peter von Danzig: Transkription und Übersetzung der Handschrift 44.A.8. VS-Books, Herne 2008. Maßgebliche Edition mit deutscher Übersetzung.
- Christian Henry Tobler: Fighting with the German Longsword. Chivalry Bookshelf, 2004 (enthält vergleichende Analysen).