Codex Wallerstein
Eine zentrale Quelle für Langschwert und Ringen

Überblick
- Signatur: Cod. I.6.4°.2, Universitätsbibliothek Augsburg
- Datierung: um 1470
- Sprache: Frühneuhochdeutsch (bairische Prägung)
- Aufbewahrungsort: Universitätsbibliothek Augsburg
Inhalt
Der Codex Wallerstein (Cod. I.6.4°.2) ist eine der zentralen Handschriften der Augsburger Fechtbuchgruppe und eine der bedeutendsten Quellen für das Ringen — Überblick innerhalb der Deutschen Fechtschule. Zusammen mit dem Cod. I.6.4°.3 (Ringeck), dem Cod. I.6.2.5 und dem Cod. I.6.2.4 (Medel) bildet er den Kernbestand der in der Universitätsbibliothek Augsburg verwahrten Fechthandschriften, die gemeinsam das dichteste regional konzentrierte Handschriftenkorpus der Deutsche Fechtschule darstellen.
Das Langschwertkapitel folgt der klassischen Glossen-Struktur mit Liechtenauers Merkverse, Legern, Meisterhauen und Windungen, zeigt aber eigenständige Textfassungen, die weder mit Pseudo-Danzig noch mit der Ringeck-Glosse identisch sind. Diese textliche Eigenständigkeit macht den Codex Wallerstein zu einem wichtigen Zeugen für die Diversität der Glossen-Überlieferung im 15. Jahrhundert.
Der ringtechnische Teil ist von außergewöhnlichem Umfang und dokumentiert ein breites Spektrum: einfache Hebel, komplexe Würfe, Bodenkampf, Entwaffnungen und Gegenringen. Die Illustrationen — schlichte Federzeichnungen — sind funktional und verzichten auf den repräsentativen Anspruch der Prachthandschriften. Dieser Gebrauchscharakter unterstreicht die praktische Bestimmung der Handschrift als Arbeitsmittel eines Fechtmeisters.
Stellung in der Augsburger Gruppe
Der Codex Wallerstein ist das Bindeglied zwischen der textdominierten Ringeck-Glosse (Cod. I.6.4°.3) und den stärker illustrierten späteren Augsburger Handschriften. Er dokumentiert eine Übergangsphase, in der Text und Bild noch in einem ausgewogenen Verhältnis stehen.
Quellen
- Wiktenauer: Codex Wallerstein
- Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Lang, Frankfurt a. M. 1985.