Ringen

Der waffenlose Kampf als integrale Disziplin der Deutschen Fechtschule

konzeptringenLiechtenauerMeyer

Das Ringen ist in der Deutschen Fechtschule kein blosses Beiwerk zum bewaffneten Kampf, sondern eine eigenständige, vollwertige Disziplin — eine der vier Säulen neben Deutsche Fechtschule, Harnischfechten — Überblick und Rossfechten — Überblick. In den Quellen wird das Ringen sowohl als eigenes System gelehrt als auch in das Fechten mit Waffen integriert, besonders über das Konzept des Durchlaufens.

Liechtenauers Ringen

Johannes Liechtenauers Zettel enthält Ring-Elemente, die jedoch nicht als isoliertes Ring-Kapitel, sondern verwoben mit den Schwertlehren auftreten. Das Durchlaufen — das Stürzen auf den Gegner unter seiner Klinge hindurch — ist der expliziteste Bezug zum Ringen im Merkvers-Korpus. Die Glossatoren entfalten aus diesen Andeutungen ein eigenständiges Ringsystem, das in der frühen Hs. 3227a (Nürnberger Kodex, Döbringer-Prosa) eine erste, noch unsystematische Darstellung erfährt.

Quellenlage

Die Überlieferung des Ringens in der deutschen Tradition erfolgt über mehrere Stränge:

  • Die Hs. 3227a (um 1400) enthält in der Döbringer-Prosa frühe Ringanweisungen, die noch stark mit dem Schwertkampf verwoben sind und den Übergang vom Fechten zum Ringen beschreiben.

  • Hans Talhoffer (1443–1467) widmet dem Ringen in seinen Fechtbüchern umfangreiche, reich illustrierte Abschnitte. Seine Darstellungen zeigen Armhebel, Beinsteller, Würfe und Hüftschwünge. Talhoffer unterscheidet zwischen blossem Ringen zu Fuß und Ringen im Harnisch.

  • Paulus Kal (Cgm 1507) behandelt das Ringen in seinem Tafelsystem und stellt es gleichberechtigt neben das Schwert- und Harnischfechten.

  • Fabian von Auerswald (1539) veröffentlicht mit seinem gedruckten Ringerbuch das umfangreichste Einzelwerk zum Ringen innerhalb der deutschen Tradition (siehe Ringen bei Fabian von Auerswald).

Campfringen vs. Schulfechten

Die Quellen unterscheiden implizit zwischen zwei Modalitäten des Ringens: dem Campfringen (Kampfringen) als ernsthaftem, auf Leben und Tod gerichtetem Ringen — mit erlaubten Aktionen wie Fingerbrechen, Augenstichen und dem Einsatz des Dolches — und einem regulierten, turniermässigen Ringen, das eher sportlichen Charakter trägt und gefährliche Techniken ausschliesst. Diese Unterscheidung ist zentral für das Verständnis der Quellen: Talhoffers Illustrationen zeigen häufig Campfringen-Situationen, während Auerswalds System stärker auf strukturierte, lehrbare Technikfolgen setzt.

In der modernen Praxis

Das Ringen nach historischen Quellen ist heute ein aktiver Teil der HEMA-Praxis. Trainiert wird vor allem das Ringen zu Fuß nach Talhoffer und Auerswald, ergänzt durch Übergänge aus dem Schwertkampf (Durchlaufen). Harnischringen ist seltener, da es Rüstungen voraussetzt. Häufige Trainingsinhalte sind Armhebel, Beinstellen, Hüftwürfe und das Fallen als Basisfähigkeit. Das Ringen gilt als hervorragende Ergänzung zum Schwertfechten, da es Körpergefühl, Distanzkontrolle und die Integration von Waffen- und Ringkampf schult.

Quellen

  • Hs. 3227a (Nürnberger Kodex), fol. 89r ff.
  • Talhoffer, Hans: Fechtbuch von 1459, Ms. Thott.290.2º, Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen.
  • Kal, Paulus: Cgm 1507, Bayerische Staatsbibliothek, München.
  • Auerswald, Fabian von: Ringer kunst, 1539.

Sekundärliteratur

  • Welle, Rainer: …und wisse das alle höbischeit kompt von deme ringen. Pfaffenweiler 1993.
  • Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.
  • Wiktenauer — Ringen.
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