Einführung in die moderne HEMA-Praxis

Historische Kampfkünste heute — von den Quellen ins Training

konzeptmoderne praxisHEMA

Was ist HEMA?

HEMA — Historical European Martial Arts — bezeichnet die moderne Praxis, Erforschung und Rekonstruktion historischer europäischer Kampfkünste. Anders als beim asiatischen Budo, das eine ungebrochene Tradition aufweist, mussten die europäischen Kampfkunstsysteme des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit mühsam aus Manuskripten wiederbelebt werden. Den Kern bilden die handschriftlichen und gedruckten Fechtbücher des 14. bis 17. Jahrhunderts, angeführt von der Deutschen Fechtschule Liechtenauers und der Italienischen Schule um Fiore dei Liberi.

Vom Manuskript zur Praxis

Der Weg von der historischen Quelle zum praktischen Fechten führt über drei miteinander verwobene Schritte, die den hermeneutischen Zirkel der HEMA-Forschung bilden:

  1. Übersetzung — Das frühneuhochdeutsche oder lateinische Original wird in eine verständliche moderne Sprache übertragen. Dies erfordert nicht nur philologisches Wissen, sondern auch fachspezifisches Verständnis der Terminologie. Forscher wie Dierk Hagedorn und Christian Henry Tobler haben hier Pionierarbeit geleistet.

  2. Interpretation — Der übersetzte Text muss in Bewegung übersetzt werden. Was genau meint der Autor mit einem Schielhau? Wie funktioniert das Winden am Schwert biomechanisch? Hier arbeiten Trainingsmethodik und Quellenstudium Hand in Hand. Unterschiedliche Interpreten gelangen zu unterschiedlichen, teils konkurrierenden Lesarten.

  3. Praktische Erprobung — Die Interpretation wird unter Druck getestet: im kontrollierten Technikdrill, im Sparring und im Freikampf. Nur was unter realistischen Bedingungen funktioniert, kann als plausible Rekonstruktion gelten. Dieser Schritt schließt den Kreis und führt oft zu neuen Fragen, die eine erneute Auseinandersetzung mit dem Quellentext erzwingen.

Organisationen und Community

Die HEMA-Bewegung wuchs seit den 1990er Jahren von einem Nischenphänomen zu einer internationalen Community mit zehntausenden Aktiven. Wichtige Dachorganisationen sind die HEMA Alliance (USA), der Deutsche Dachverband für Historische Fechter (DDHF) und der internationale Verband IFHEMA (International Federation for Historical European Martial Arts). In Deutschland existieren Dutzende Vereine und Trainingsgruppen, von Hamburg (Hammaborg) bis München.

Quellenstudium vs. Sportfechten

Die HEMA-Szene ist von einer produktiven, aber auch spannungsreichen Dichotomie geprägt: Auf der einen Seite stehen die Quellenpuristen, die jede Technik strikt aus den Manuskripten ableiten wollen. Auf der anderen Seite die Turnierfechter, die den sportlichen Wettkampf suchen und dabei notgedrungen Kompromisse bei der Quellentreue eingehen. Die Debatte um diese Spannung wird im Artikel Turnierfechten vs. Quellenstudium vertieft. Beide Lager haben ihre Berechtigung, und die fruchtbarste HEMA entsteht dort, wo sie sich gegenseitig befruchten.

Ethik und Sicherheit

HEMA ist eine Kampfkunst mit scharfen oder scharfsimulierenden Waffen. Die Sicherheitskultur steht an erster Stelle: Jeder Trainierende trägt Verantwortung für sich und seinen Partner. Geprüfte Schutzausrüstung, kontrollierte Übungen und eine Kultur der Achtsamkeit sind unverzichtbar. Die alten Meister betonten stets die Zucht — diese Haltung prägt auch die moderne Praxis.

Quellen

  • Anglo, Sydney: The Martial Arts of Renaissance Europe. Yale University Press, 2000.
  • Jaquet, Daniel; Verelst, Karin; Dawson, Timothy (Hrsg.): Late Medieval and Early Modern Fight Books. Brill, 2016.
  • Wiktenauer — Online-Quellenportal zur HEMA-Forschung.
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