Schielhau

Der schielende Bruch zum Ort

technikmeisterhaulanges schwertLiechtenauerMeyer

Der Schielhau („schielend" = mit schiefem Blick, da die Klinge „über Kreuz" die lange Schneide des Gegners trifft) ist einer der anspruchsvollsten der Meyers Meisterhaue. Er kehrt die gewöhnliche Logik um: Nicht die starke (lange) Schneide schneidet, sondern die kurze Schneide schlägt gegen die lange Schneide des Gegners und bohrt gleichzeitig die Spitze ins Gesicht.

Liechtenauers Zettel

„Schiller im antlitz / bricht mit gewalt was die weisen / bringen"

Der Vers ist in der Überlieferung nicht einheitlich. Die gängige Lesart: Der Schielhau richtet sich ins Antlitz (Gesicht) und bricht mit Gewalt, was diejenigen („die weisen"), die nur gut versetzen können, an Technik vorbringen. Der Schielhau durchbricht also starke, sichere Versetzungen.

Glossen

Ringeck

[31r.2] Der schilhaw° mitt sine~ stucken

Text: „Schiller ein bricht / waß bufler schlecht order stÿcht / Wer wech sel trawet / schiller In dar vß beraubet“

Glosa: Hie merck Der schiller ist ain haw der dem buffeln die sich maysterschafft an nem~e~ mit gwalt In bricht In hawe~ vnd steche~ vnd den haw trÿb also Wã er dir obe~ ein hawet [31v.1] võ siner rechte~ sytte~ So haw och võ dener rechte~ sytte~ mit der kurtze~ schnÿde~ mit vff gerechte~ arme~ ge sine~ hawe In die schwech sinenes schwerts vnd schlag In vff sine~ rechte~ achsel Wechselt er du~rch So schyß In mit dem hawe lang In zu° der bru~st vnd also haw aoch wan er gen dir stat In der hu~tte de pflu~gs Oder we~ er dir vnde~ zu° wyll steche~.

[31v.2] Aber ain stuck vß dem schill~

Text: „Schill kurßt er dich an / durch wechsel er sigt Im an“

Glosa: Merck das ist ain lerre Das schillern solt mit dem gesichte vnd gar ebe~ seche~ ober kurtz gen dir vicht Das solt bÿ de~ erkene~ wã er dir zu° hawet vnd sin arm mit dem haw nicht lanck streckt So haw [32r.1] och Vnd far In dem haw mit dem ort vnder seine~ schwert du~rch vnd stiche In zu° de~ gesicht.

[32r.2] Abe~ ain stuck uß dem schillhaw°

Text: „Schill zu° dem ort / Vnd nÿ den halß on forcht“

Glosa: Merck der schiller bricht den lange~ ort vnd den tryb also we~ er ge dir stat vnd helt dir den ort usß gerachte~ arme~ ge~ dem gesÿchte oder der bru~st So stand mit de~ lincke~ fu°sß fu~r Vnd schill mit de~ gesicht zu° dem ort vnd thu°n alß dü Im zu° dem ort hawe~ welest Vnd haw starck mit der kurtze~ schnÿde~ vff sin schwert vnd schu~ß Im den ort darmit lang In zu° dem halß mit aine~ zu°trytt des rechte~ fu°ß.

[32v.1] Aber ain stuck vß de~ schillhaw°

Text: „Schill zu° dem obere~ / haupt hende wilt dü bedebren“

Glosa: Merck we~ er dir oben will In hawe~ So schill mit de~ gesicht alß dü In vff das haupt wylt schlage~ Vnd haw mit de° kurtze~ schnÿde~ ge~ sine~ haw Vnd schlag In an siner schwertz klinge~ mit dem ort vff die hend.

Pseudo-Danzig (Cod. 44.A.8)

[23r.3] Hie hebt sich an der schilhaw mit seinen stucken

Text: „Schilär ein pricht was püffel schlecht oder sticht / wer wechsel draut Schilär dar aus In beraupt"

Glosa: Merck der schilär pricht die hu°t die do haist der pflugk vnd ist ein seltzam [23v.1] gu°t eñhaft haw wenn er pricht mit gewalt ein Inn haw vnd in stichen vnd get zu° mit verkärtem swert Dar vmb sind viel maister des swertz die von dem haw nicht wissen ze sagen ~

[23v.2] Hie merck wie man den schilär hauen sol

Merck wenn du mit dem zu° vechten zw° ym kumpst So stee mit dem lincken fuess vor vnd halt dein swert an deiner rechtñ achsel hawt er dir denn oben ein zw° dem kopff So ver wennt dein swert vnd haw gegen seinem haw mit der kûrtzen schneid lanck aus gerackten armen ober vber sein swert Im zu° dem kopff Ist er denn also gescheid vnd verfelt mit dem haw deins swertz vnd wil vnden durch wechselñ So lass den ort mit dem haw fürsich lanck ein schiessen So mag er vnden nicht durch wechseln

[23v.3] Ein anders

wenn dw gegen ÿm stest vnd beheldest dein swert an deiner rechten achsel stet er denn gegen dir in der hu°t des phluegs vnd wil dir vnden zu° stechen So haw In mit dem schilär lanck oben ein vnd scheuss Im den ort lanck ein zu° der prust So mag er dich mit dem stich vnden nicht erlangen ~

[23v.4] Das ist der text vnd die glos von ein° ler aus dem schilhaw

Text: „[24r.1] Schil kürtzt er dich an Durch wechsel gesigt ÿm an"

Glosa: Merck die lere wenn du mit dem zu° fechten zu° ÿm kumpst So soltu schilen mit dem gesicht vnd sehen Aber kurtz gegen dir vicht Das soltu peÿ dem erkennen Wenn er dir zw° haut Reckt er denn die arm~ mit dem haw nicht lanck von Im so ist sein swert vor ker kurtz

[24r.2] ·Oder ~ ligstu für ÿm Inn der hüt alber wil er dir denn mit dem swert krump dar auff vallen So ist sein swer aber vorkurtz

[24r.3] Oder legt er sich gegen dir Inn die hu°t des ochsens oder des phluegs So ist sein swert aber vorkurtz Auch wiss das alle winden mit dem swert für dem mann Kurtz sind vnd verkurtzen das swert vnd welche vechter die winden also treiben den wechsel freileich durch aus hauen vnd aus stichen vnd scheus in den langen ort do mit ein zu° der nagsten plöss do mit twingstu si das si müessen vorsetzen So kumpstu zu° deiner rechten arbait

[24r.4] Das ist der text vnd die glos wie man mit dem schilär pricht den langen ort

Text: „Schül zw dem ort vnd nÿm den hals ane vorcht"

Glosa: ※ ·M·erck [24v.1] wenn du mit dem zü fechten zw° ÿm kumpst Stet er denn gegen dir vnd helt dir den langen ort gegen dem gesicht oder der prust So halt dein swert an der rechten achsel vnd schil mit dem gesicht zu° dem ort vnd thu°e als dw ÿm dar zu° hauen wöllest vnd haw starck mit dem schilär mit der kurtzen schneid an sein swert vñ scheus ÿm den ort do mit lanck ein ze dem hals mit einem zw° tritt des rechten füess ~

[24v.2] Das ist der text vnd die glos aber eins stucks aus dem schil haw

Text: „Schil zw dem oberñ haupt hend wildw bedöberñ"

Glosa: Merck das ist ein ander pruch weñ er gegen dir stet in dem langen ort So schil ÿm mit dem gesicht zw° dem haubt vnd thu°e als du in dar auff wöllest sla schlachen vnd schlach in auß dem schilhaw mit dem ort auff sein hend ~

Lew

[22r.2] Text: „Schiler ein bricht / Was puffel slecht oder sticht / Wer wechsel draut / Schiler yn daraus beraubt."

Glosa: Wiß der Schiler ist ein seltzsam gut ernsthafft stuck Wann er pricht mit gewalt ein mit haw vnd mit stich vnd geet zu mit verkortem swert Darumb so sein vil maister des swertz die von dem [22v.1] haw nit wissen zu sagen Vnde auch die hut die da heist der pflug.

[22v.2] Item den schiler treib also Wann du mit dem zufechten zu dem man kompst So setz den lincken fusß vor vnd halt dein swert an deiner rechten achseln Hawet er dir dann von oben zum kopffe So verwend dein swert vnd spring zu mit dem rechten fus vnd haw gegen seinem haw mit der kurtzen schneiden langk aus gestrackten armen oben über sein swert Im zum gesichte oder der prust, Ist er dann also gescheid vnd verfelet mit dem haw deines swertz vnd wechselt vnden durch So beleib Im mit dem ort auß langen armen [23r.1] vor dem gesichte so mag er dir nicht geschaden noch vnden durch kommen etc.

[23r.2] Item ein ander stuck Wenn du gegen Im steest vnd heltst dein swert an deiner rechten achseln Steet er dann gegen dir In der hut des pflugs vnd trawet dir vnden zu stechen so haw Im aus dem Schiler mit der kurtzen sneiden langk oben ein vnd scheuß Im den ort zum gesichte oder der prust So mag er dich untten mit dem stich nit erlangen etc.

[23r.3] Item ein anders Wenn du gegen Im steest vnd hast dein swert an deiner rechten achseln Steet er [23v.1] dann wider gegen dir In der hut des pflugs vnd trewet dir untten zu stechen So verwende den haw Im mit der kurtzen schneiden lanck oben ein so mag er dich vndten mit dem stich nicht erlangen.

[23v.2] Text: „Schil kurtz er dich an / Durchwechsel gesigt Im an."

Glosa: Das ist ein lere Wann du zu geest mit dem zufechten So soltu schilen mit deinem gesicht oder sehen ob er dir kurtz ficht Vnd die kürtze des swertz vernÿme also Wann er die arme mit dem [24r.1] haw nit lanck von Im reckt so ist er verkürtzt legstu dich In die hut aber wil er mit dem swert darauf vallen so ist aber verkürtzt Vicht er gegen dir aus dem ochsen oder auß dem pflug das ist auch kurtz vnd alle winden vor dem man die seint alle kurtz Vnd sulchen vechtern den soltu durchwechseln Damit zwingstu sie das sie müssen versetzen so magstu dann frej gehawen vnd arbeitten mit dem swert vnd auch mit ringen etc.

[24.2] Item ein ander lere Wann du mit dem zufechten zu Im geest so soltu schilen mit dem gesichte ob er kurtz gegen dir ficht Das soltu also erkennen Wann er dir zu [24v.1] hewet reckt er dann die arm nit lanck aus vor Im mit dem haw so ist das sein swert verkürtzet, vnd allen vechtern die so kurtz vechten den wechsel frölich durch aus hewen vnd auß stichen mit dem langen ort damit bestettigstu sie am swert das sie dich müssen zu dem anwind lassen kommen vnd sich schlagen lassen.

[24v.2] Text: „Schil zu dem ortt / Nym den hals on forcht."

Glosa: Merck das ist ein stuck wider den langen ort mit einem betriegnüs des gesichts Das treibe also Wann du mit dem zufechten zu Im kompst [25r.1] Steet der dann vnd helt dir seinen ort gegen dem gesichte oder prust So halt dein swert an der rechten achseln vnd schil mit dem gesichte zum ort vnd tue als du Im dartzu hawen wöllest Vnd haw starck aus dem schiler mit der kurtzen schneiden an sein swert vnd scheus Im den ort damit lanck ein zu dem hals mit einem zu dritt deins rechten fuß etc.

[25r.2] Text: „Schil zu dem obern / Haubt hend wiltu bedobern."

Glosa: Item wenn er gegen dir steet In dem langen ort wiltu Im dann über [25v.1] sein hend slahen So schil Im zum gesicht vnd zum haubt vnd thue als du In darauf slahen wöllest vnd schlag In auß dem schiler mit dem ort auf sein hende etc.

Meyer

Joachim Meyer (1570) unterscheidet den „hohen Schielhau" und den „tiefen Schielhau". Der hohe Schielhau entspricht weitgehend der Liechtenauerschen Lehre: Mit der kurzen Schneide gegen Schwert und Gesicht. Der tiefe Schielhau bei Meyer zielt auf die unteren Blößen, mit der langen Schneide als Schlag und der kurzen Schneide als Versetzung. Meyer führt den Schielhau auch als Täuschhieb ein: Der Fechter zeigt einen normalen Oberhau an und „schielt" dann mit der kurzen Schneide ab. Bei Meyer ist der Schielhau eine Brücke zwischen geraden Hieben und versetzten Aktionen.

Ausführung und Mechanik

Der Schielhau beginnt wie ein Oberhau von der rechten Schulter. Im Verlauf der Bewegung dreht der Fechter die Klinge so, dass die kurze Schneide den Schlag führt — eine 90-Grad-Drehung des Gehilzes, bei der die Hände gekreuzt werden. Die Klinge wird in einer flachen, fast horizontalen Linie geführt, vergleichbar einem „Schießen" der Spitze nach vorn. Die kurze Schneide trifft zuerst auf die gegnerische Klinge (auf deren lange Schneide), während die Spitze im selben Moment auf das Gesicht sticht. Der Trefferpunkt liegt idealerweise in der oberen rechten oder oberen linken Blöße (Gesicht). Die Mechanik ähnelt dem Zwerchau, ist aber spitzer — die Klinge wird weniger quer, sondern eher wie eine Speerspitze geführt.

Taktische Anwendung

Der Schielhau bricht Gegner, die in Pflug oder Langort stehen — also eine Haltung mit nach vorn gerichteter, drohender Spitze. Er durchbricht deren Versetzung und trifft gleichzeitig. Er ist besonders gegen defensive Fechter nützlich, die durch bloßes Vorhalten der Klinge den Angreifer auf Distanz halten wollen. Der Schielhau öffnet zudem die Deckung für Folgetechniken, sollte der erste Stich nicht sofort treffen.

In der Praxis

Der Schielhau erfordert präzises Timing und exzellente Winkelkontrolle. Die Hauptschwierigkeit liegt darin, im Fall des Schwertes die kurze Schneide genau auf die lange Schneide des Gegners zu bringen und die Spitze gleichzeitig ins Gesicht zu lenken. Häufige Fehler: Die Spitze geht zu hoch oder zu tief am Gesicht vorbei; die kurze Schneide wird zu früh oder zu spät gedreht, sodass die Deckung des Gegners nicht durchbrochen wird; der Fechter vergisst die eigenen Hände zu schützen (der Schielhau erfordert, dass die eigenen Arme hoch und sicher positioniert sind). Training: Partner-Drill mit dem Gegner in Langort/Pflug; langsames Üben der Klingendrehung am stehenden Partner; Schielhau gegen einen mit Stichpell vorgehaltenen Langort.

Primärquellen

  • Hs. 3227a (Nürnberger Kodex), fol. 19v
  • Cod. 44.A.8 (Danzig), fol. 16r–17r
  • Ringeck, Ms. Dresden C 487, fol. 22r–23r
  • Jud Lew, Cod. I.6.4°.3, Augsburg
  • Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570, 1. Buch, Kap. 11

Sekundärliteratur

  • Hagedorn, Dierk (Hrsg.): Peter von Danzig. Herne 2008.
  • Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.
  • Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Wheaton 2015.
  • Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015.
Nach oben ↑