Verstohlene Haue

Meyers Konzept der verborgenen, schnellen Hiebe aus dem Handgelenk

konzeptMeyerlanges schwert16 jh

Definition

Die verstohlenen Haue sind eine konzeptionelle Innovation Meyers. Der Begriff — frühneuhochdeutsch für “heimlich, gestohlen” — bezeichnet Hiebe mit minimaler Vorankündigung, primär aus dem Handgelenk. Sie sind das Gegenteil des versammelten Hiebs: kein weites Ausholen, sondern ein schneller, kaum sichtbarer Schlag, der dem Gegner “verstohlen” ankommt. Meyer will den Hau “also verborgen führen / das der Gegner nit weiß / wo der Hauw herkompt”.

Zwei taktische Vorteile definieren den verstohlenen Hau: Täuschung (keine sichtbare Vorbereitung) und Geschwindigkeit (kürzere Bewegungsbahn). In einem Gefecht, in dem Indes-Timing entscheidet, kann der Tempovorteil über Treffer oder Versatz entscheiden.

Systematik

Die verstohlenen Haue sind keine separate Hieb-Kategorie. Jeder MeisterhauZornhau, Krumphau, Zwerchau, Schielhau, Scheitelhau — kann “verstohlen” oder versammelt ausgeführt werden. Der Unterschied liegt nicht in der Form, sondern in der Ausführung. Meyer verbindet die verstohlenen Haue didaktisch mit der Unterscheidung von fliegenden und gepflanzten Huten: Aus der Bewegung heraus, im Übergang zwischen Huten, entsteht der verstohlene Hau — der Gegner sieht die Umgruppierung der Klinge, kann sie aber nicht sicher deuten. Diese Verbindung von Hütwechsel und Angriff ist Meyers didaktische Meisterleistung.

In der modernen HEMA-Praxis sind verstohlene Varianten der Meisterhaue — besonders der verstohlene Zwerchau und Schielhau — fester Trainingsstandard.

Quellen

  • Meyers Fechtbuch 1570, 1570, 1. Buch, Kap. 7–8.
  • Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015.
  • Norling, Roger: Meyer’s Deceptions. HROARR, 2014.
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