Meyer und die Täuschung

Täuschung als zentrales Element in Meyers Fechtsystem

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Täuschung als zentrales Element

Die Täuschung durchzieht Joachim Meyers gesamtes Fechtbuch von 1570 und bildet einen der fundamentalen Unterschiede zur mittelalterlichen Liechtenauer-Tradition. Während die Glossatoren des 15. Jahrhunderts den direkten, brechenden Angriff — den Meisterhau — in den Mittelpunkt stellen, baut Meyer ein komplexes System der Täuschung auf, das den Gegner nicht durch rohe mechanische Überlegenheit, sondern durch kalkulierte Irreführung überwindet.

Meyers Täuschungskonzept operiert auf mehreren Ebenen:

Verstohlen: Der Begriff durchzieht Meyers Prosa und bezeichnet eine spezifische Art des Hiebansatzes. Ein Hauw wird verstohlen geführt, wenn seine Vorbereitung für den Gegner nicht lesbar ist — die Klinge verharrt nicht in einer ausladenden Ausholbewegung, sondern startet aus der Bewegung heraus, minimal, aus dem Handgelenk. Meyer nennt dies den versammelten Zustand des Hauens: Der Hieb ist maximal verkürzt und damit maximal schnell.

Provozieren: Meyer lehrt, den Gegner zu einer bestimmten Aktion zu provozieren, indem man ihm eine scheinbare Blöße zeigt. Anders als das klassische Verführen der Liechtenauer-Tradition ist Meyers Provozieren häufig mit Finten gekoppelt: Der Fechter zeigt einen Angriff an, zieht ihn zurück und trifft in die entstandene Öffnung.

Finten: Meyer integriert Finten systematisch in seinen Meisterhau-Begriff. Jeder Meisterhau kann als Finte geführt werden — der Fechter beginnt ihn, bricht ab und geht in eine andere Aktion über. Die verstohlenen Haue sind Finten par excellence: Kaum sichtbar, kaum lesbar, kaum abwehrbar.

Wie Meyer Täuschung lehrt

Meyers didaktische Methode basiert auf Progression. Zunächst lehrt er den Schüler die korrekte mechanische Ausführung der Hiebe und Huten. Dann die Kombinationen und das Fechten aus der Bewegung. Erst in der dritten Phase integriert er die Täuschung — der Schüler lernt, einen Hauw anzudeuten und in einen anderen übergehen zu lassen, eine Blöße zu zeigen und den darauf erfolgenden Angriff zu kontern.

Diese Progression ist pädagogisch plausibel: Täuschung setzt Beherrschung der Grundtechnik voraus. Eine Finte, deren Grundhieb unsauber ist, täuscht niemanden. Meyer verlangt daher vom Schüler zunächst mechanische Perfektion, bevor er das taktische Konzept der Täuschung einführt.

Quellen

  • Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung. Straßburg 1570.
  • Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. Greenhill Books, 2006.
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