Verführen
Den Gegner zur Aktion provozieren

Liechtenauers Zettel
Der Zettel selbst enthält keinen expliziten Vers zum Verführen, doch die Glossen entfalten das Konzept breit. Es steht in enger Verbindung zum Fünf-Wörter-Prinzip und der Lehre von Vor und Nach.
Definition
Verführen (fnhd. vervüeren — wegführen, irreführen, verleiten) bezeichnet die bewusste Provokation des Gegners zu einer bestimmten Aktion, um diese zu kontern. Der Fechter zeigt dem Gegner eine scheinbare Blöße, eine Lücke in der Deckung, die in Wahrheit eine Falle ist. Greift der Gegner diese vermeintliche Blöße an, wird sein Angriff abgefangen und mit einem Gegenangriff beantwortet.
Das Verführen ist ein psychologisch-taktisches Konzept: Es operiert nicht auf der Ebene der Mechanik, sondern auf der Ebene der Erwartungssteuerung. Der Fechter manipuliert die Wahrnehmung des Gegners so, dass dieser eine für den Fechter vorhersehbare und kontrollierbare Aktion ausführt.
Verführen vs Provozieren
In der modernen HEMA-Terminologie werden “Verführen” und “Provozieren” oft synonym verwendet. Die Quellen legen jedoch eine feinere Unterscheidung nahe: Das Verführen ist täuschend — der Gegner wird irregeführt, er greift eine nicht-existente Blöße an. Das Provozieren im weiteren Sinne kann auch ein offenes Herausfordern sein, ohne dass eine Täuschung vorliegt.
Glossen
Ringeck
Ringeck beschreibt das Verführen im Kontext der Vier Blössen: Indem der Fechter eine Blöße öffnet, verführt er den Gegner zum Angriff genau dorthin. Da der Ort des Angriffs vorhersehbar ist, kann der Fechter mit einem der Nebenstücke — z.B. Absetzen — diesen Angriff neutralisieren und gleichzeitig treffen.
Pseudo-Danzig
Danzig behandelt das Verführen explizit als einen der “Kriege”, die im Fechten geführt werden. Er betont, dass der Verführte im Nachteil ist: Er hat sich auf eine Aktion festgelegt, die der Verführende vorhersieht. Das Verführen verschiebt den Kampf vom Nach ins selbst gewählte Vor.
Praxis: Psychologie im Fechten
Das Verführen setzt voraus, dass der Gegner selbstständig agiert und Blößen aktiv sucht. Ein passiver oder defensiver Gegner ist schwerer zu verführen als ein aggressiver. Das Training des Verführens erfordert daher zwei Kompetenzen:
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Blößenmanagement: Die Fähigkeit, eine Blöße kontrolliert zu öffnen und dennoch abdecken zu können.
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Antizipation: Die Fähigkeit, den Angriff des Gegners vorauszusehen und die eigene Antwort bereits vorzubereiten.
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Verführungs-Drill: Partner A öffnet bewusst eine Blöße (z.B. untere linke). Partner B greift an. A fängt den Angriff mit Absetzen ab und trifft. Wichtig: A muss die Blöße echt wirken lassen — nicht steif halten, sondern natürlich öffnen.
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Mehrfaches Verführen: A zeigt eine Blöße. B erkennt die Falle und greift nicht an. A muss nun eine echte Blöße von einer falschen unterscheiden und entsprechend handeln.
Quellen
- Hs. 3227a — Nürnberger Handschrift
- Cod. I.6.4°.3 — Ringeck
- Cod. 44.A.8 — Pseudo-Danzig
Sekundärliteratur
- Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Rev. ed. Wheaton 2015.
- Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Frankfurt a.M. 1985.