Vor, Nach und Indes
Das fundamentale Zeitkonzept des Fechtens

Liechtenauers Zettel
Höre was da schlecht ist fechten mit dem langen swert nichts anders ist dann vor vnd nach wa dein stercke Der wegen so bedencke
Dieser Vers (aus Liechtenauers Merkverse) enthält — nach eigenem Anspruch — die gesamte Essenz des Fechtens mit dem langen Schwert: Alles, was im Gefecht geschieht, lässt sich in die Kategorien Vor und Nach einordnen. Das dritte Element, Indes, wird im Zettel nicht explizit genannt, sondern von den Glossen als die zeitliche Nahtstelle zwischen Vor und Nach entwickelt.
Definition
Vor (Vörderunge)
Vor bezeichnet die zeitliche und taktische Initiative im Gefecht. Wer im Vor ist, handelt zuerst und zwingt den Gegner in eine Reaktion. Dies kann geschehen durch:
- Einen Angriff (Hau, Stich, Schnitt)
- Einen Fintenangriff (der Gegner wird zu einer Reaktion provoziert)
- Eine Bedrohung (Drewen), die den Gegner zum Handeln zwingt
- Einen Schritt, der den Gegner in Bedrängnis bringt
Das Vor ist nicht gleichbedeutend mit “wer zuerst schlägt”. Ein unbedachter Schlag ohne Kontrolle ist kein Vor im Liechtenauer’schen Sinne, sondern bloßes Dreinschlagen (das der Zettel ausdrücklich tadelt: “Hüte dich … alle vnuorstendig hauwen”).
Nach
Nach ist die Position dessen, der auf eine Aktion des Gegners reagieren muss. Das Nach ist grundsätzlich die schwächere Position, weil der Reagierende unter Zeitdruck steht und auf die Aktion des Gegners eingehen muss. Jedoch ist das Nach kein passives Erleiden:
- Aus dem Nach heraus kann der Fechter durch Versetzen, Absetzen oder Winden die Kontrolle übernehmen
- Das Ziel ist, aus dem Nach unmittelbar wieder ins Vor zu kommen
- Ein taktisch provoziertes Nach (den Gegner bewusst ins Leere schlagen lassen, dann nachreisen) ist ein legitimes Mittel
Die Glossen betonen: “…so bedencke”. Die Unterscheidung von Vor und Nach erfordert Bedacht und Urteilskraft im Gefecht.
Indes
Indes (fnhd. indes, indeszt = in der Zwischenzeit, unterdessen, währenddessen) ist der zeitliche Moment zwischen Vor und Nach — der Augenblick, in dem die Aktion des einen noch nicht abgeschlossen ist und die Reaktion des anderen noch nicht begonnen hat. Es ist das “dazwischen”, das der Fechter erkennen und nutzen muss.
Präziser formuliert: Indes ist der Moment, in dem der Fechter am Schwert fühlt, was der Gegner vorhat, und im selben Moment, nicht im nächsten, darauf reagiert — vnd das sal man alczumal vnd nicht mit zweyn dingen zcu glich thun, wie es in der Glosse heißt.
Indes ist das zentrale Prinzip, das die mechanische Abfolge Schlag — Parieren — Gegenschlag zu einer fließenden, situativen Kunst des Fühlens am Schwert transformiert.
Glossen
Ringeck (Cod. I.6.4°.3)
Sigmund Ringeckglossiert den Vor-Nach-Vers wie folgt (sinngemäß aus dem Frühneuhochdeutschen übertragen):
“Höre, was da schlecht ist: Fechten mit dem langen Schwert ist nichts anderes als Vor und Nach. Das Vor: Du sollst dem Mann mit einem Hau oder Stich in die Blöße zuvorkommen, so dass er dir nachschlagen muss und nicht anders kann, als sich zu schützen. Das Nach: Wenn er dir zuvorgekommen ist mit dem Hau, so musst du ihm nach der Wehr (Verteidigung) trachten und mit dem Schwert an das Seine suchen.”
Ringeck betont das aktive Element beider Konzepte: Das Vor ist der erzwungene erste Schlag, das Nach das Suchen der Wehr, nicht bloßes Parieren.
Pseudo-Danzig (Cod. 44.A.8)
Der Danzig-Kommentar ist ausführlicher und führt das Indes explizit ein:
“Das Vor: Wer da mit einem Hau oder mit einem Stich zu dem Manne zum ersten kommt, der ist im Vor und der andere ist im Nach. Das Indes: Wen einer dem anderen zuvorkommt, das ist das Vor. Wenn einer dem anderen nachgeht, das ist das Nach. Und was dazwischen geschieht, das ist das Indes.”
Danzig beschreibt Indes als die Handlung, die im selben Moment geschieht, in dem man fühlt, was der Gegner tut — nicht davor (das wäre Spekulation) und nicht danach (das wäre zu langsam).
Zusätzlich führt Danzig das Gleichnis von der Waage ein: Vor und Nach verhalten sich wie die beiden Waagschalen — ist eine oben, ist die andere unten. Indes ist der Moment des Gleichgewichts, in dem sich entscheidet, wohin die Waage ausschlägt.
Lew (Ms. germ. quart. 2020)
Jud Lew fasst Vor und Nach pragmatisch:
“Vnd das Vor: So du dem mit eyme haw adir stich / Im aller ersten czukumst / ee wenn her / das her dy were sucht … So bistu ym Vor / vnd her ym Noch.”
Lew legt besonderen Wert auf die praktische Didaktik: Der Schüler muss lernen, zu erkennen, wann er im Vor ist und wann er ins Nach gerät, und aus beiden Positionen heraus wirksam zu handeln.
Hs. 3227a (Döbringer)
Die Nürnberger Handschrift liefert den frühesten und ausführlichsten Kommentar zu Vor, Nach und Indes:
“Vnd wiße das man alleyne czwey ding hat do mete man vicht / das ist daz Vor vnd daz Noch / vnd was do czwischen gescheen mag das heist Indes …”
Döbringer betont, dass Indes die Seele des Fechtens sei, weil es dem Fechter erlaubt, unmittelbar auf das zu reagieren, was er am Schwert des Gegners fühlt, ohne durch Nachdenken Zeit zu verlieren.
Meyer
Joachim Meyer behandelt Vor, Nach und Indes im ersten Teil seiner Gründlichen Beschreibung der Freyen Ritterlichen und Adeligen Kunst des Fechtens (1570) unter den grundlegenden Begriffen des Fechtens. Bei Meyer erscheint das Konzept didaktisch aufbereitet und stärker systematisiert als in den älteren Glossen.
Meyer betont besonders das Indes als das entscheidende Qualitätsmerkmal eines Fechters. Er vergleicht das Indes mit dem musikalischen Takt: Wie ein Musiker im richtigen Moment einsetzen muss, so muss der Fechter im Indes handeln — weder zu früh noch zu spät.
Meyers Terminologie weicht leicht ab: Er spricht von Vor, Nach und Gleich (statt Indes), wobei Gleich den Moment des simultanen Handelns beider Fechter meint — eine Nuance, die das Konzept für die veränderten Gefechtsbedingungen des 16. Jahrhunderts adaptiert.
Bedeutung im System
Das Vor-Nach-Indes-Prinzip ist die fundamentale taktische Grammatik der Liechtenauer’schen Fechtlehre. Es durchdringt sämtliche technischen Anwendungen und verbindet die mechanischen Prinzipien von Stark und Schwach mit dem sensomotorischen Konzept des Fühlens.
Die hierarchische Beziehung lässt sich wie folgt darstellen:
- Vor ist das taktische Ideal — wer im Vor ist, diktiert das Geschehen
- Aus dem Nach muss der Fechter streben, wieder ins Vor zu gelangen
- Indes ist das taktische Werkzeug, um dieses Umschlagen zu bewirken
Ohne Indes wäre das Fechten eine bloße Abfolge isolierter Aktionen. Erst Indes macht aus dem Fechten eine fließende Interaktion, in der beide Fechter unmittelbar aufeinander reagieren. Darin liegt der qualitative Unterschied zwischen dem Liechtenauer’schen System und einer reinen Techniklehre: nicht was man tut, ist entscheidend, sondern wann und wie man es tut — und das entscheidet sich Indes.
In der Praxis
Moderne Interpretation
Die moderne HEMA-Forschung interpretiert Vor, Nach und Indes zunehmend als dynamisches Taktikmodell, das über die einfache Dichotomie “Angriff/Verteidigung” weit hinausgeht. Wichtige Aspekte:
- Vor ist nicht gleich Schlag. Ein Schritt, eine Stichdrohung, das Eindringen in die Mensur kann bereits Vor sein
- Nach ist nicht gleich Parieren. Aus dem Nach kann man mit Absetzen, Durchwechseln oder Winden die Kontrolle übernehmen
- Indes ist die zentrale Herausforderung für den modernen Fechter: Es verlangt die Fähigkeit, im Moment des Fühlens die richtige Entscheidung zu treffen, ohne bewusst zu deliberieren
Trainingsansätze
- Vor-Schulung: Der Schüler lernt, den Gegner durch präzises Timing zu überfallen — der Hau muss so getimt sein, dass der Gegner nicht mehr agieren, sondern nur noch reagieren kann
- Nach-Schulung: Der Schüler lernt, aus verschiedenen Nachsituationen (angeschlagen, bedroht, gedrängt) wirksam zu handeln, ohne in Panik zu verfallen
- Indes-Schulung: Freies Fechten mit Fokus auf das Fühlen am Schwert: Der Schüler soll spüren, ob der Gegner hart oder weich ist, und darauf Indes reagieren
Typische Trainingsformen:
- Druck-Drill: Partner A setzt leichten Druck an die Klinge, Partner B soll Indes reagieren — nachgeben, winden, durchwechseln
- Nachreisen-Drill: Partner A beginnt einen Hau, zieht ihn absichtlich zurück (Blöße); Partner B soll Indes nachreisen, bevor A die Deckung wieder schließt
- Vor-Nach-Wechsel: Partner A ist permanent im Vor. Partner B muss aus dem Nach heraus das Vor übernehmen — sobald B Indes fühlt, wechselt die Initiative
Häufige Fehler
- Zu früh handeln = vor dem Indes: Der Fechter errät die Absicht, statt sie zu fühlen. Der Gegner wechselt durch
- Zu spät handeln = nach dem Indes: Der Fechter ist bereits im Rückstand und muss eilig parieren, statt kontrolliert zu handeln
- Starres Vor/Nach-Denken: Die Dynamik des Gefechts ignoriert zugunsten eines schematischen “jetzt bin ich dran, jetzt bist du dran”
Quellen
- Hs. 3227a — Nürnberger Handschrift, fol. 17r ff.
- Cod. I.6.4°.3 — Ringeck, fol. 10v ff.
- Cod. 44.A.8 — Pseudo-Danzig, fol. 13r ff.
- Ms. germ. quart. 2020 — Jud Lew
- Meyers Fechtbuch 1570 — Erster Teil, Kap. 1–3
Sekundärliteratur
- Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Rev. ed. Wheaton 2015.
- Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Frankfurt a.M. 1985.
- Angenendt, Volker: Der lange Weg zum Indes. In: Hammaborg Fechtbuch, 2010.
- Acutt, Jay: Vor und Nach: Rethinking Initiative in German Longsword. In: Spada, 2021.