Winden am Schwert

Das zentrale Prinzip der Deutschen Fechtschule

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Das Winden ist das Herzstück und das Alleinstellungsmerkmal der Deutschen Fechtschule. Kein anderes Konzept unterscheidet die Liechtenauersche Tradition so fundamental von der italienischen Schule wie das Winden: Während die Italiener nach der Parade die Klinge lösen und neu angreifen, bleibt der Deutsche im Kontakt – er windet. Das Winden macht aus der Bindung kein Ende, sondern einen Anfang.

Liechtenauers Zettel

“Von paiden henden / haw ab vnd wind mit enden”

Der Vers befiehlt: Von beiden Händen aus – also sowohl mit der rechten als auch mit der linken Hand führend – schlage ab (d.h. führe einen Hieb aus oder binde an) und winde dann mit den Enden. “Mit enden” ist mehrdeutig: Es meint sowohl die beiden Enden der Klinge (Ort und Knauf) als auch das endgültige, entscheidende Handeln. Die zweite relevante Strophe lautet:

“Das da wol windet / vnd hengen wol dar”

Dieser Vers verknüpft das Winden mit dem Sprechfenster und Fühlen: Wer gut windet und gut hängt, der beherrscht die Kunst.

Definition: Die beiden Hängen

Das Winden beginnt aus einem der beiden Hängen — den Grundpositionen, in denen die Klinge in der Bindung Kontakt hält und die Spitze den Gegner bedroht. Es gibt genau zwei Hängen:

  1. Das obere Hängen (Ochs): Die Hände sind hoch, die Spitze zeigt von oben herab ins Gesicht des Gegners. Die Klinge hängt von oben in die Bindung hinein.
  2. Das untere Hängen (Pflug): Die Hände sind tief, die Spitze zeigt von unten herauf. Die Klinge hängt von unten in der Bindung.

Diese beiden Hängen sind die einzigen Ausgangspositionen, aus denen gewunden wird. Sie entsprechen den Huten Ochs und Pflug — aber in der Bindung, nicht als freie Huten.

Winden selbst ist das Drehen der Klinge um ihre Längsachse in der Bindung, mit dem Ziel, die eigene Spitze (den Ort) zum Gegner zu bringen, während die Klingen in Kontakt bleiben. Anders als beim Durchwechseln, bei dem die Klinge die Bindung verlässt, bleibt sie beim Winden permanent am gegnerischen Schwert. Die Drehung erfolgt aus dem Handgelenk und wird durch die Führung beider Hände am Schwert — eine am Gehilz, eine am Knauf — ermöglicht.

Das Winden verändert die Orientierung der Klinge: Aus der Langen Schneide wird die Kurze Schneide (oder umgekehrt), und die Spitze beschreibt einen Bogen, der sie aus der sicheren Deckung der gegnerischen Klinge heraus und in eine ungedeckte Blösse hineinführt. Die Mechanik ist die eines Hebels: Der Fechter nutzt den Punkt, an dem seine Klinge auf der gegnerischen aufliegt, als Drehpunkt, um die Spitze mit minimaler Bewegung maximal zu verlagern.

Die Acht Winden

Die Quellen — insbesondere Ringeck und Danzig, sowie nach moderner Lesart Christian Henry Tobler — lehren systematisch acht Winden. Sie entstehen aus der Kombination der zwei Hängen mit den vier Blössen:

Aus dem oberen Hängen (Ochs) — Spitze droht von oben:

  1. Winden zur oberen Blösse links (Gesicht, linke Seite)
  2. Winden zur oberen Blösse rechts (Gesicht, rechte Seite)
  3. Winden zur unteren Blösse links (Unterleib, linke Seite)
  4. Winden zur unteren Blösse rechts (Unterleib, rechte Seite)

Aus dem unteren Hängen (Pflug) — Spitze droht von unten: 5. Winden zur oberen Blösse links 6. Winden zur oberen Blösse rechts 7. Winden zur unteren Blösse links 8. Winden zur unteren Blösse rechts

Jede Windung zielt auf eine der Vier Blössen. Aus dem oberen Hängen windet der Fechter bevorzugt zu den unteren Blössen (die Spitze senkt sich), aus dem unteren Hängen windet er bevorzugt zu den oberen Blössen (die Spitze steigt). Die acht Winden decken systematisch alle möglichen Ziele und Drucksituationen in der Bindung ab.

Die zwei Hängen: Ochs und Pflug, nicht Ochs und Ochs

Ein verbreitetes Missverständnis lokalisiert die acht Winden als “vier aus rechtem Ochs, vier aus linkem Ochs”. Das ist falsch. Richtig ist: Vier Winden aus dem oberen Hängen (Ochs) und vier Winden aus dem unteren Hängen (Pflug). Der Unterschied ist fundamental — denn das untere Hängen (Pflug) hat eine völlig andere Mechanik und andere Hebelverhältnisse als das obere. Wer nur aus Ochs windet, beherrscht nur die Hälfte der Kunst.

Der Zettelvers “Von paiden henden / haw ab vnd wind mit enden” meint genau dies: Winde von beiden Seiten (Händen = Hängen), sowohl oben als auch unten.

Glossen

Ringeck

Ringeck (Ms. Dresden C 487, fol. 30r–35v) widmet dem Winden die ausführlichste und systematischste Behandlung unter allen Glossatoren. Er lehrt die acht Winden Schritt für Schritt und gibt für jede Windung an, welche Blösse anvisiert wird und wie der Fechter auf den Gegendruck des Gegners reagieren soll. Ringecks Winden-Lehre ist eingebettet in die Lehre des Sprechfenster und Fühlen: “vnd als bald du empfindest” – sobald du den Druck des Gegners spürst, winde in die entsprechende Richtung. Er unterscheidet ferner zwischen Winden mit der Langen und mit der Kurzen Schneide, sowie zwischen Winden zum Stich und Winden zum Schnitt.

Pseudo-Danzig (Cod. 44.A.8)

Der Danzig-Glossator (fol. 25r–28v) präsentiert die Winden als logische Fortsetzung der Huten-Lehre. Aus jeder der Ochs lassen sich spezifische Winden ableiten. Danzig betont das Zusammenspiel von Winden und Nachreisen: Windet der Gegner, so reist ihm der Fechter nach. Er beschreibt zudem die Brechung der Winden – das Kontern des Windens – und macht damit deutlich, dass auch das Winden seinen Konter hat und kein Allheilmittel ist.

Lew

Jud Lew stellt das Winden in den grösseren Rahmen der “Nebenstücke” und betont seine zentrale Stellung: Das Winden ist nicht eine Technik unter vielen, sondern das organisierende Prinzip für fast alle anderen Nebenstücke. Wer das Winden nicht beherrscht, kann nach Lew weder Mutieren, noch Duplieren, noch Schiessen korrekt ausführen.

Meyer

Joachim Meyer (1570) behandelt das Winden weniger systematisch als seine Vorgänger. Er kennt das Winden, widmet ihm aber keinen eigenen, umfangreichen Abschnitt. Stattdessen integriert er die Winde-Bewegungen als fliessende Übergänge innerhalb seiner Huten-Kombinatorik und seiner Nebenstücke. Bei Meyer erscheint das Winden oft implizit – etwa wenn er vom Wechsel von der Langen zur Kurzen Schneide spricht oder wenn er Techniken wie das Durchwechseln aus dem Hängen ableitet. Meyers Ansatz ist pragmatischer und fliessender; er verzichtet auf die starre Systematik der acht Winden zugunsten eines situativeren Verständnisses der Klingenführung im Band.

Die Winden und die Deutsche Fechtschule

Das Winden ist der fundamentale Unterschied zwischen der Deutschen und der Italienischen Fechtschule. In der italienischen Tradition (Fiore dei Liberi, Vadi, später die Bologneser) wird nach der Parade die Klinge vom Gegner gelöst und ein neuer Angriff aus freier Distanz gestartet. Der Degenfechter sticht, zieht zurück und sticht erneut. Der Deutsche hingegen bleibt im Kontakt: Er bindet an, fühlt, windet, mutiert, dupliert – alles ohne die Klinge je zu lösen. Dieser permanente Klingenkontakt ist der Kern der Deutschen Fechtweise, und das Winden ist seine methodische Voraussetzung. Die Winden-Lehre ist daher nicht bloss eine Technik, sondern Ausdruck einer fundamental anderen Philosophie des Fechtens: Der Kampf wird nicht in der Distanz, sondern im Band entschieden.

In der Praxis

Das Winden zu trainieren erfordert Geduld und Sensibilität. Grundübung: Beide Fechter gehen in die Bindung (Ochs gegen Ochs). Einer beginnt langsam zu winden, der andere folgt dem Druck und bleibt im Kontakt. Ziel ist nicht das Treffen, sondern das Gefühl für die Drehbewegung und die permanente Kontakterhaltung. Fortgeschrittene Übung: Der Partner variiert den Druck (hart/weich), der Windende muss entscheiden, in welche Richtung er windet. Druck-Spiel: Beide Fechter versuchen, im Winden die Dominanz über die zentrale Linie zu gewinnen, ohne den Kontakt zu verlieren. Binde-Transitionen: Der Fechter wechselt fliessend vom Winden zum Durchwechseln, zum Mutieren, zum Schiessen – und stets durch die Information, die ihm das Fühlen im Band liefert.

Häufige Fehler: Zu grossflächige Bewegung (die Windung wird zu einem neuen Ausholen, die Spitze verlässt die Drohposition), Verlust des Klingenkontakts (die Klinge rutscht ab), falsche Druckwahrnehmung (gegen Hart wird gewunden statt durchgewechselt, oder umgekehrt). Der Schlüssel zum Winden ist das Fühlen – das Sprechfenster muss geöffnet sein.

Quellen

  • Hs. 3227a (Nürnberger Kodex), fol. 18r–20r
  • Cod. 44.A.8 (Danzig), fol. 25r–28v
  • Ringeck, Ms. Dresden C 487, fol. 30r–35v
  • Jud Lew, Cod. I.6.4.3, Augsburg
  • Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570

Sekundärliteratur

  • Hagedorn, Dierk (Hrsg.): Peter von Danzig. Herne 2008.
  • Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.
  • Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Wheaton 2015.
  • Welle, Rainer: …und wisse das alle höbischeit kompt von deme ringen. Frankfurt a. M. 1993.
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