Handarbeit
Ringecks Nahkampf-Systematik aus der Bindung

Die Handarbeit ist die Nahkampf-Systematik des Liechtenauerschen Systems und beschreibt jene Aktionen in nächster Distanz, die an die Bindung anschliessen, aber weder Hieb noch Stich noch Schnitt sind. Während das Winden am Schwert die Spitze zum Gegner bringt und das Durchwechseln die Seite wechselt, operiert die Handarbeit mit dem Knauf, der Parierstange und den Händen selbst – sie ist die Brücke zwischen dem Schwertfechten und dem Ringen — Überblick.
Liechtenauers Zettel
Die Handarbeit erscheint nicht in einem eigenen Merkvers, sondern ist implizit in den Strophen enthalten, die das Ringen und den Kampf in der Nähe beschreiben. Ringeck ist es, der den Begriff “Handtarbeit” (Handarbeit) prägt und zum systematischen Begriff erhebt. Der Zettel liefert die Grundlage, aber die Glossen – insbesondere Ringecks – bauen das Konzept aus zum vollständigen Nahkampfsystem.
Definition
Handarbeit (fnhd. hantarbeit) bezeichnet bei Ringeck und in den späteren Glossen alle Aktionen in der Bindung, die mit den Händen, dem Knauf oder der Parierstange ausgeführt werden, jedoch keinen Hau, Stich oder Schnitt darstellen. Die Handarbeit setzt ein, wenn die Distanz für das Winden zu eng geworden ist oder wenn die mechanische Hebelwirkung des Windens durch die Position des Gegners blockiert wird. Sie umfasst drei Hauptkategorien:
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Knaufstösse (MDS – Der Knauf als Werkzeug): Der Fechter stösst dem Gegner den Knauf ins Gesicht, gegen die Schläfe oder unter das Kinn. Der Knaufstoß ist eine der gefährlichsten Nahkampfwaffen im System, da der Knauf aus kürzester Distanz mit voller Kraft geführt werden kann.
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Hebeln mit der Parierstange: Die Parierstange wird als Hebel eingesetzt, um die gegnerische Klinge zu blockieren, zu verriegeln oder den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen. Besonders beim Einlaufen wird die Parierstange hinter die gegnerische Klinge oder den gegnerischen Arm gehakt und hebelt den Gegner aus der Position.
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Greifen des Gegners: Der Fechter greift aktiv nach den Armen, dem Gehilz oder der Klinge des Gegners, um ihn zu kontrollieren. Dies ist der Übergang zum Ringen am Schwert und kann in einen Wurf, eine Entwaffnung oder eine Fixierung münden.
Glossen
Ringeck
Ringeck (Ms. Dresden C 487, fol. 35r–38v) entfaltet die Handarbeit als letztes grosses Kapitel seiner Blossfechten-Systematik – nach den Huten, den Meisterhauen, den Nebenstücken und dem Winden. Seine Darstellung ist die umfassendste und präziseste aller Glossatoren. Er beschreibt systematisch: den Knaufstoß zum Gesicht und zur Schläfe, das Einhaken der Parierstange hinter den gegnerischen Arm, das Greifen des gegnerischen Gehilzes und der gegnerischen Klinge, den Übergang vom Schwertkampf zum Ringkampf, sowie die Kombination aus Knaufstoß und Fußfeger. Ringeck macht deutlich, dass die Handarbeit keine Verzweiflungstat ist, sondern der geplante und geübte Abschluss eines Gefechts auf kürzeste Distanz.
Pseudo-Danzig (Cod. 44.A.8)
Der Danzig-Glossator (fol. 28r–30v) behandelt die Handarbeit im Kontext des Einlauffens. Er lehrt, dass der Fechter nach dem Einlaufen – dem plötzlichen Eindringen in die nahe Mensur – sofort zur Handarbeit übergehen soll. Der Danzig ist hier besonders praktisch und gibt genaue Anweisungen, welche Hand wohin greift und in welcher Reihenfolge die Aktionen erfolgen.
Lew
Jud Lew systematisiert die Handarbeit als Teil der “verborgenen Stücke” – jener Techniken, die erst der fortgeschrittene Fechter lernt. Bei Lew ist die Handarbeit kein separates Kapitel, sondern durchzieht als omnipräsentes Prinzip alle Nahdistanz-Situationen. Er betont die Gefährlichkeit: Ein Knaufstoß ins Gesicht kann den Gegner sofort kampfunfähig machen.
Meyer
Joachim Meyer (1570) integriert die Handarbeit in das Konzept der “Nebenstücke seines Langen Schwerts” und führt sie als selbstverständliche Ergänzung der Klingenarbeit. Meyers Systematisierung ist weniger streng als die Ringecks, aber in der Vielfalt der Anwendungen reicher. Er beschreibt das “Stossen mit dem Knopff”, das “Reissen mit der Gehilz”, das “Umb die Arm schlagen” und das Eingreifen in das gegnerische Gehilz. Meyer betont, dass die Handarbeit im “zutrit” – also im Moment des Einlaufens – erfolgen muss und niemals aus der Distanz begonnen werden kann. Bei Meyer ist die Handarbeit zudem mit den “verstohlenen” Bewegungen verwandt: Sie soll schnell, unerwartet und ohne Vorwarnung kommen.
Bedeutung im System
Die Handarbeit schliesst eine Lücke im System: Das Blossfechten operiert primär in der mittleren und weiten Mensur – Hiebe, Stiche, Winden. Sobald die Distanz jedoch zu kurz wird (der Gegner läuft ein oder der Fechter selbst dringt vor), funktionieren die langen Hebel des Windens nicht mehr optimal. In diesem Moment ist die Handarbeit das Mittel der Wahl. Sie ist die technische Versicherung dafür, dass das Liechtenauersche System auf jede Distanz eine Antwort hat. Ohne die Handarbeit hätte das System eine tote Zone: den Abstand zwischen Schwertfechten und Ringen. Mit der Handarbeit wird diese Zone zum gefährlichsten Bereich für den Gegner.
In der Praxis
Die Handarbeit erfordert im Training besondere Vorsicht. Übungen zum Knaufstoß werden gegen eine Maske oder mit kontrollierter Geschwindigkeit ausgeführt; Partnerübungen erfolgen in Zeitlupe. Typische Übung: Aus der Bindung (nach dem Anbinden) schliesst der Fechter die Distanz, greift mit der linken Hand das gegnerische Gehilz und setzt gleichzeitig den Knaufstoß. Fortgeschrittene Übung: Der Partner versucht, die Handarbeit durch Rückzug, Winden oder Gegengriff zu verhindern – beide entwickeln ein Gefühl für die richtige Distanz und den richtigen Moment. Sicherheit ist oberstes Gebot: Knaufstösse zum Gesicht sind im Sparring ohne vollständige Maske und entsprechende Absprache nicht erlaubt.
Quellen
- Cod. 44.A.8 (Danzig), fol. 28r–30v
- Ringeck, Ms. Dresden C 487, fol. 35r–38v
- Jud Lew, Cod. I.6.4.3, Augsburg
- Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570
Sekundärliteratur
- Hagedorn, Dierk (Hrsg.): Peter von Danzig. Herne 2008.
- Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.
- Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Wheaton 2015.
- Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015.