Einlauffen
Unter der feindlichen Klinge hineinlaufen

Liechtenauers Zettel
Das Einlauffen erscheint als Konzept in den Glossen, besonders im Zusammenhang mit der Schrankhut und dem Fechten aus der Nebenhut. Es ist eines der taktischen Mittel gegen einen Gegner, der mit langen Hieben aus der Distanz operiert.
Definition
Einlauffen (fnhd. în loufen — hineinlaufen) bezeichnet das schnelle Eindringen unter die Klinge des Gegners, um in den Nahbereich zu gelangen, bevor der gegnerische Hieb sein Ziel erreicht. Der Fechter bewegt sich nicht um das Schwert des Gegners herum (wie beim Durchwechseln), sondern unmittelbar darunter hindurch — in die Lücke zwischen der gegnerischen Hieblinie und dem gegnerischen Körper.
Das Einlauffen ist eine temporale und räumliche Lösung: Es überbrückt die Distanz in einer Bewegung, die schneller ist als die Hiebbewegung des Gegners. Der Einlauffende kommt unter dem gegnerischen Schwert hindurch und steht im nächsten Moment so nah am Gegner, dass dessen Hieb ins Leere geht.
Wann Einlauffen vs wann Durchwechseln?
Die taktische Wahl zwischen Einlauffen und Durchwechseln hängt von der Situation im Band ab:
- Durchwechseln: Die Klingen haben bereits Kontakt. Der Fechter wechselt unter dem gegnerischen Schwert hindurch, um auf die andere Seite zu gelangen, wo der Gegner keine Deckung hat. Der Klingenkontakt wird während des Wechsels kurz unterbrochen, aber nicht aufgegeben.
- Einlauffen: Es besteht noch kein oder nur flüchtiger Klingenkontakt. Der Fechter läuft in die Distanzlücke hinein, die der gegnerische Angriff öffnet. Das Ziel ist nicht der Wechsel auf die andere Seite, sondern das Eindringen in den Nahbereich.
Glossen
Die Glossen beschreiben das Einlauffen besonders aus der Nebenhut und der Schrankhut. Der Fechter wartet, bis der Gegner einen weiten Hieb schlägt, und läuft im selben Moment ein, in dem der Hieb seine maximale Ausdehnung erreicht. Der Einlauffende setzt dabei häufig das eigene Schwert als Barriere ein, um die gegnerische Klinge vom Körper fernzuhalten.
Meyer
Joachim Meyer behandelt das Einlauffen ausführlich im Rahmen seines Fechtens aus den Huten. Meyer betont die Bedeutung des Timings: Das Einlauffen muss im selben Moment geschehen, in dem der Gegner den Hieb beginnt. Zu früh → der Gegner kann seine Bewegung anpassen. Zu spät → der Hieb trifft. Meyers Lösung ist das Konzept des Indes-Handelns: Der Einlauff beginnt im selben Augenblick wie der gegnerische Hieb.
In der Praxis
- Einlauff-Drill gegen Oberhau: Partner A schlägt weite Oberhaue. Partner B läuft ein, sobald A die Hiebbewegung beginnt. B stoppt im Nahbereich (kein Körperkontakt) und zeigt an, dass er nun eine Aktion ausführen könnte (Ringen, kurzer Stich, Knaufschlag).
- Einlauffen mit Schwertbarriere: Wie oben, aber B führt beim Einlaufen das Schwert so, dass es As Klinge nach oben oder zur Seite ablenkt.
Quellen
- Cod. I.6.4°.3 — Ringeck
- Cod. 44.A.8 — Pseudo-Danzig
- Meyers Fechtbuch 1570 — Joachim Meyer
Sekundärliteratur
- Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Rev. ed. Wheaton 2015.