Der Knauf als Werkzeug
Der Schwertknauf als Waffe und Werkzeug

Der Schwertknauf wird häufig auf seine Funktion als Gegengewicht zur Klinge und als Verschluss des Schwertgriffs reduziert. In der Liechtenauerschen Tradition ist er weit mehr: Der Knauf ist eine eigenständige Waffe und ein präzise eingesetztes taktisches Werkzeug. Von Ringeck, Danzig und Lew detailliert beschrieben, dient der Knauf dem Stoss, dem Hebeln und der Drohung – und ergänzt die Klingenarbeit um eine bedrohliche Nahkampfoption.
Liechtenauers Zettel
“mit dem knopfe vnter augen”
Der Zettel spricht eine klare Sprache: Der Knauf (mittelhochdeutsch “knopf”) wird dem Gegner “unter Augen” gesetzt – in die unmittelbare Gesichtshöhe. Die Formulierung ist zweideutig: “Unter Augen” kann bedeuten, dass der Knauf tatsächlich von unten vor das Gesicht des Gegners gesetzt wird (als Drohung oder Stoss), oder dass der Knauf generell die Gesichtsregion des Gegners bedroht. In jedem Fall wird klar: Der Knauf ist kein passives Bauteil, sondern eine aktive Waffe.
Funktionen des Knaufs im Kampf
1. Knaufstoß (MDS – Mit Dem Stoß / Mit Dem Stich)
Der Knaufstoß ist die unmittelbarste und brutalste Verwendung des Knaufs. Aus der nahen Distanz – typischerweise nach dem Einlaufen oder nach einem missglückten Winden – fasst der Fechter mit einer Hand das Gehilz oder die Klinge und stösst mit der anderen Hand den Knauf gegen das Gesicht, die Schläfe oder das Kinn des Gegners. Die Quellen beschreiben mehrere Varianten:
- Gerader Knaufstoß von unten: Der Knauf wird von unten herauf unter das Kinn oder gegen den Kiefer gestossen.
- Knaufstoß von der Seite (Schläfenstoss): Aus der Bindung heraus wird der Knauf seitlich um das gegnerische Schwert geführt und gegen die Schläfe gewuchtet.
- Knaufstoß über den eigenen Arm: Nach einem Hieb wird der Knauf über den eigenen, noch ausgestreckten Arm geführt und ins Gesicht des Gegners gestossen – eine Bewegung, die den Gegner völlig überrascht.
Der Knaufstoß ist gefährlich, weil er aus kürzester Distanz und mit dem gesamten Körpergewicht erfolgt. Ein Treffer mit dem Knauf auf die Maske oder das Gesicht ist in der Regel kampfentscheidend.
2. Knauf als Hebel beim Winden
In der Winden-Mechanik spielt der Knauf eine biomechanisch zentrale Rolle. Die linke Hand (beim Rechtshänder) fasst den Knauf und dient als Drehpunkt für die Klinge. Je weiter die linke Hand ausholt – d.h. je mehr die rechte Hand am Gehilz fixiert bleibt, während die linke den Knauf bewegt --, desto stärker ist die Hebelwirkung der Windung. Der Knauf ist also nicht nur Masse, sondern vor allem ein Griffpunkt, der die Winde-Bewegung ermöglicht und kontrolliert.
3. Knauf als Drohung (“unter Augen halten”)
Die dritte Funktion ist die subtilste: Der Knauf wird dem Gegner demonstrativ vor das Gesicht gehalten, ohne zuzustossen. Diese Drohposition ist psychologisch äusserst wirksam – sie zwingt den Gegner, den Kopf zurückzunehmen oder die Deckung zu öffnen, um den Knauf abzuwehren. In diesem Moment öffnet der Gegner andere Blössen, die der Fechter mit der Klinge angreifen kann. Der Knauf als Drohung ist damit ein taktisches Mittel, das mit der Klingenarbeit kombiniert wird: Knauf links drohen lassen, Klinge rechts ins Ziel bringen.
4. Knauf als Hebel-Werkzeug
Neben dem Stoss wird der Knauf auch zum Hebeln am gegnerischen Körper oder an der gegnerischen Waffe eingesetzt. Beim Einlauffen kann der Knauf hinter den gegnerischen Ellenbogen, hinter das Gehilz oder hinter die gegnerische Parierstange gesetzt werden, um den Gegner aus der Position zu hebeln. Der Knauf wird hier als Verlängerung der Hand benutzt – ein kleiner, harter Punkt, der in Gelenke und Lücken eindringen kann.
Glossen
Ringeck
Ringeck (Ms. Dresden C 487) behandelt den Knaufeinsatz ausführlich im Kontext der Handarbeit. Er beschreibt den Knaufstoß als Abschluss des Einlaufens: “So lauff jm ein vnd stoß jm den knopff vnter das kynne” und “stoß jm den knopff czu dem gesichte”. Ringeck lehrt den Knaufstoß nicht isoliert, sondern stets in Kombination mit anderen Nahkampfaktionen – Greifen, Hebeln, Werfen. Der Knauf ist bei ihm Teil eines integrierten Nahkampfsystems.
Pseudo-Danzig (Cod. 44.A.8)
Danzig betont den Überraschungsaspekt: Der Knaufstoß soll unvermittelt und unerkannt erfolgen. Er beschreibt die Bewegung, bei der der Knauf über den eigenen Arm geführt wird, als besonders heimlich – der Gegner sieht den Knauf nicht kommen, weil er durch die eigene Klingenbewegung des Fechters verdeckt ist.
Lew
Jud Lew systematisiert den Knaufstoß als letztes Mittel und als Meisterstück der Nahdistanz. Bei Lew ist der Knaufstoß nicht die Technik des Verzweifelten, sondern die des souveränen Nahkämpfers, der genau weiss, wann die Distanz für das Winden zu kurz und für das Ringen zu lang ist. In dieser Zwischenzone ist der Knaufstoß das Mittel der Wahl.
Knaut-Typologie und ihre Bedeutung
Die Form des Knaufs hat erheblichen Einfluss auf seine Wirksamkeit als Waffe. Ein Radknauf (scheibenförmig, breit und flach) verteilt die Wucht des Stosses auf eine grosse Fläche und ist weniger penetrierend als ein Birnenknauf (oval, spitz zulaufend), der die Kraft des Stosses auf eine kleine Fläche konzentriert und damit gefährlicher ist. Ein Duftknauf (auch Parfumknauf, rundlich und tropfenförmig) bietet einen guten Kompromiss zwischen Stossfläche und Handlichkeit, während ein Schwertknauf mit ausgeprägter Spitze speziell für den Stoss optimiert ist. Die Quellen selbst unterscheiden die Knaufformen nicht systematisch, aber die moderne Forschung und experimentelle Archäologie zeigen, dass die Wahl des Knaufs die taktischen Optionen beeinflusst.
Meyer
Joachim Meyer (1570) diskutiert den Knaufeinsatz in grösserem Detail als die frühen Glossatoren. Er lehrt das “Stossen mit dem Knopff” als Teil der Nebenstücke und beschreibt mehrere spezifische Knaufstoss-Varianten, die mit anderen Techniken kombiniert werden. Meyer betont zudem die Sicherheit im Übungskontext: Der Knauf soll in der Fechtschule kontrolliert und niemals in voller Härte ausgeführt werden – ein Hinweis darauf, dass auch im 16. Jahrhundert die Gefährlichkeit des Knaufstosses bekannt war und Trainingsregeln existierten.
In der Praxis
Das Training mit dem Knauf erfordert hohe Sicherheitsdisziplin. Grundübung: Partner A und B stehen in der nahen Bindung. A löst eine Hand vom Schwert, fasst den Knauf und setzt ihn kontrolliert von unten unter das Kinn von B (oder an die Maske). Die Bewegung wird in Zeitlupe geübt, der Kontakt ist nur angedeutet. Fortgeschritten: Aus der Bewegung – A läuft ein, bindet an und setzt im selben Fluss den Knaufstoß. Der Knaufstoß darf im Sparring nur nach vorheriger Absprache und mit reduzierter Intensität ausgeführt werden; viele moderne HEMA-Turniere verbieten den Knaufstoß zum Kopf aufgrund der Verletzungsgefahr.
Quellen
- Hs. 3227a (Nürnberger Kodex)
- Cod. 44.A.8 (Danzig)
- Ringeck, Ms. Dresden C 487
- Jud Lew, Cod. I.6.4.3, Augsburg
- Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570
Sekundärliteratur
- Hagedorn, Dierk (Hrsg.): Peter von Danzig. Herne 2008.
- Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.
- Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015.
- Oakeshott, Ewart: The Sword in the Age of Chivalry. London 1964.