Ringen am Schwert
Der Übergang zwischen Schwertfechten und Ringkampf

Das Ringen am Schwert — der Übergang vom bewaffneten zum waffenlosen Kampf — ist eine der komplexesten und zugleich am wenigsten explizit systematisierten Schnittstellen der Deutschen Fechtschule. Die Quellen behandeln diesen Übergang oft nicht als eigenes Kapitel, sondern integrieren ihn in die Lehren des Deutsche Fechtschules und des Ringen — Überblicks, sodass der moderne Interpret die Verbindungen rekonstruieren muss.
Durchlaufen und die Ringdistanz
Die zentrale Technik des Übergangs ist das Durchlaufen — das Stürzen unter der gegnerischen Klinge hindurch in die Ringdistanz. Der Fechter erkennt im Sprechfenster und Fühlen, dass der Schwertkampf nicht weiterführt: Der Gegner hält eine zu starke Bindung, ein Winden am Schwert ist nicht möglich, oder die Distanz ist so eng, dass ein Hau nicht mehr ausgeführt werden kann. In diesem Moment des Indes entscheidet sich der Fechter für das Durchlaufen.
Die Glossatoren beschreiben diesen Moment mit grosser Präzision. Sigmund Ringeck (Ms. Dresden C 487) gibt die instruktivste Anweisung: Der Fechter senkt seinen Kopf unter der gegnerischen Klinge hindurch, hebt sein eigenes Gehilz schützend über sich und stürmt mit einem tiefen Schritt in Brust-zu-Brust-Distanz. Die linke Hand verlässt das Schwert und greift den Schwertarm des Gegners oder dessen Nacken. Das eigene Schwert wird entweder fallen gelassen oder — in einer fortgeschrittenen Variante — als Hebel hinter dem Gegner eingesetzt.
Mit dem Schwert ringen oder ohne?
Eine zentrale Frage, die die Quellen unterschiedlich beantworten, ist die Frage des Schwertverbleibs. Soll der Fechter das eigene Schwert während des Ringens in der Hand behalten und als Hebelwerkzeug nutzen, oder soll er es fallen lassen, um beide Hände für das Ringen frei zu haben?
Jud Lew (Ms. germ. quart. 2020) plädiert implizit für das Fallenlassen: Sobald der Ringkampf begonnen hat, ist das Schwert eine Belastung, die die Bewegungsfreiheit einschränkt. Joachim Meyer (1570) hingegen widmet den Übergangstechniken mit Schwert breiten Raum und zeigt Dutzende von Ringstücken, bei denen das Schwert in einer Hand bleibt und als Verlängerung des Armes zum Hebeln, Stossen oder Drücken genutzt wird. Meyers umfangreich ausgearbeitetes Ring-Kapitel macht ihn zur wichtigsten Quelle für das Ringen am Schwert.
Hans Talhoffer schliesslich zeigt beide Varianten. In einigen Tafeln haben beide Kämpfer die Schwerter weggeworfen und ringen mit blossen Händen; in anderen hält ein Kämpfer das Schwert noch in der einen Hand und versucht, den Gegner mit der anderen am Arm oder am Hals zu greifen. Talhoffers uneinheitliche Darstellung spiegelt vermutlich die taktische Realität wider: Die Entscheidung, das Schwert zu behalten oder aufzugeben, hing von der spezifischen Situation ab und war keine dogmatische Regel.
Taktische Einordnung
Im System der Deutschen Fechtschule ist das Ringen am Schwert eine taktische Wahl, keine Notlösung. Der Fechter, der durchläuft, tut dies nicht, weil er den Schwertkampf verloren hat, sondern weil er die taktische Situation erkannt hat, in der das Ringen die stärkere Option ist. Dieser Gedanke — die bewusste Wahl des Ringens als taktische Eskalation — durchzieht die Glossen von Ringeck über Lew bis zu Meyer und stellt das Ringen am Schwert auf dieselbe systematische Ebene wie das Fechten selbst.
Quellen
- Hs. 3227a (Nürnberger Kodex), fol. 89r–92v.
- Cod. 44.A.8 (Danzig), fol. 88v–89r.
- Ringeck, Ms. Dresden C 487, fol. 78r–79r.
- Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570.
Sekundärliteratur
- Hagedorn, Dierk (Hrsg.): Peter von Danzig. Herne 2008.
- Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Wheaton 2015.
- Wiktenauer — Durchlaufen.