Durchlaufen
Der Übergang vom Schwertkampf zum Ringen

Durchlaufen (Ringen)
Das Durchlaufen ist der zentrale Übergang vom bewaffneten Kampf zum Ringen — Überblick innerhalb der Liechtenauerschen Fechtlehre. Es beschreibt die Aktion, bei der der Fechter unter der gegnerischen Klinge hindurch auf den Gegner zustürmt, um in die Ringdistanz zu gelangen und den Schwertkampf in einen waffenlosen Kampf zu überführen. Das Durchlaufen ist eine der aggressivsten Aktionen des gesamten Systems und verkörpert das Prinzip maximaler Initiative.
Liechtenauers Zettel
“Durch lauffen lasz graben / nach gadem gegen den plossen”
Der Zettel gibt dem Durchlaufen eine geradezu poetische Anweisung: “Lass graben nach Gadem gegen den Blößen.” Das Bild des Grabens — das Eindringen in die feindliche Deckung — verweist auf die Radikalität der Bewegung. Nach dem Durchlaufen soll der Fechter sofort zu den Blössen greifen und den Gegner durch Ringtechniken überwinden.
Glossen
Ringeck
Sigmund Ringeck (Ms. Dresden C 487, fol. 78r–79r) beschreibt das Durchlaufen als eine Technik, die dann einzusetzen ist, wenn der Gegner im Langort oder in einer versetzten Hut steht und ein Hau nicht durchkommt. Der Fechter soll “mit deiner lincken hant sein rechten arm vassen” und ihn mit Kraft zu Boden ziehen. Ringecks Darstellung betont die Schnelligkeit des Übergangs: Kaum ist die Schwertbindung gelöst, muss der Fechter bereits am Körper des Gegners sein.
Danzig
Der Danzig-Glossator (Cod. 44.A.8, fol. 88v–89r) ergänzt die Lehre um eine präzise Bewegungsanweisung: Der Fechter solle seinen Kopf unter dem gegnerischen Schwert hindurchführen, während er mit der linken Hand den Schwertarm des Gegners greift und ihn aus der Schulter hebelt. Danzig warnt vor dem Risiko, beim Durchlaufen in die gegnerische Klinge zu laufen, und empfiehlt, die eigene Klinge als temporäre Deckung über dem Kopf zu halten.
Lew
Jud Lew (Ms. germ. quart. 2020) stellt das Durchlaufen in den Kontext des Sprechfenster und Fühlens: Wer im Schwertkampf spürt, dass der Gegner zu stark ist oder ein Winden nicht ausreicht, soll durchlaufen und die Entscheidung im Ringkampf suchen. Lew betont, dass das Durchlaufen nicht als Verzweiflungstat, sondern als taktische Wahl zu verstehen ist.
Meyer
Joachim Meyer (1570) widmet dem Durchlaufen und den folgenden Ringtechniken breiten Raum. Sein Kapitel “Vom Ringen” behandelt über 60 Ringstücke, die nach dem Durchlaufen zur Anwendung kommen. Meyer stellt das Durchlaufen in den Gesamtzusammenhang des Systems und betont, dass es eine bewusste, schulmässig erlernte Aktion sei — kein blosses Draufgehen, sondern eine kalkulierte Technik mit definierten Folgetechniken. Meyer unterscheidet zwischen dem Durchlaufen gegen den Oberhau und gegen den Unterhau.
Ausführung
Der Fechter erkennt im Sprechfenster und Fühlen oder aus der Schau, dass der Schwertangriff nicht ausreicht. Er senkt seinen Oberkörper ab, führt den Kopf unter der gegnerischen Klinge hindurch (dazu hebt er das eigene Gehilz schützend über sich) und stürmt mit einem Schritt in die Nahdistanz. Die linke Hand greift den Schwertarm des Gegners oder dessen Hals/Kragen, die rechte Hand hält das eigene Schwert als Hebel. Der Gegner wird aus dem Gleichgewicht gebracht und zu Boden geworfen oder durch einen Hebel fixiert. Am Boden entscheidet der Dolch oder eine Hebeltechnik.
Moderne Praxis
Im Training wird das Durchlaufen in Partnerübungen zunächst in Zeitlupe geübt, wobei besonderes Augenmerk auf dem rechtzeitigen Absenken des Kopfes und der Deckung mit dem eigenen Gehilz liegt. Fortgeschrittene üben das Durchlaufen aus dem fliessenden Fechten heraus. Häufiger Fehler: Der Fechter läuft aufrecht in die gegnerische Klinge, statt unter ihr hindurchzutauchen und die Deckung zu wahren.
Quellen
- Hs. 3227a (Nürnberger Kodex), fol. 89r–92v.
- Cod. 44.A.8 (Danzig), fol. 88v–89r.
- Ringeck, Ms. Dresden C 487, fol. 78r–79r.
- Jud Lew, Ms. germ. quart. 2020.
- Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570.
Sekundärliteratur
- Hagedorn, Dierk (Hrsg.): Peter von Danzig. Herne 2008.
- Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Wheaton 2015.
- Wiktenauer — Durchlaufen.