Ringen bei Paulus Kal
Kals Ringer-Tafeln in Cgm 1507 und ihr Verhältnis zur Tradition

Paulus Kal nimmt innerhalb der Ringtradition der Deutschen Fechtschule eine eigenständige Position ein. Sein Fechtbuch Cgm 1507 (um 1470, Bayerische Staatsbibliothek München) ordnet das Ringen — Überblick in ein universal konzipiertes Kampfsystem ein, das Schwertfechten, Harnischfechten und Ringen als gleichberechtigte Disziplinen behandelt. Kals Ringer-Tafeln sind dabei mehr als eine blosse Wiederholung des Materials seiner Vorgänger — sie zeigen eigenständige Techniken und eine charakteristische Darstellungsweise, die sie von den Tafeln Hans Talhoffers unterscheiden.
Die formale Gestaltung von Kals Ringer-Tafeln ist auffällig: Ganzseitige Illustrationen mit Goldhintergrund zeigen die Ringtechniken in einer bildlichen Monumentalität, die über das rein Instruktive hinausgeht und das künstlerische Selbstbewusstsein der Handschrift unterstreicht. Die Figuren sind plastischer und anatomisch detaillierter als in vielen zeitgenössischen Fechtbüchern; die Techniken werden nicht nur gezeigt, sondern inszeniert.
Technische Eigenständigkeiten Kals gegenüber Talhoffer sind in mehreren Bereichen sichtbar. Kal zeigt den Beinfeger als eigenständige, dynamische Technik — ein aktives Wegschlagen des gegnerischen Beins, das bei Talhoffer in dieser Form nicht prominent vertreten ist. Das Überziehen (Aussenhebel am Ellenbogen) erscheint bei Kal in mehreren Varianten, die sich von Talhoffers Darstellungen unterscheiden, insbesondere in der Verbindung mit Schritten hinter den Gegner. Eine weitere Besonderheit ist Kals Darstellung des Genickhebels als Übergangstechnik: Der Fechter greift nach einem Durchlaufen den Kopf des Gegners und zwingt ihn durch Hebel zu Boden — ein Ablauf, der die Integration von Ringen und Schwertkampf in Kals System illustriert.
Im Verhältnis zu Talhoffer positioniert sich Kal weniger als Konkurrent denn als systematischer Ergänzer. Talhoffers Ringer-Tafeln betonen den Kampfaspekt — Dolcheinsatz am Boden, das Brechen von Gelenken, den Übergang zum Todesstich. Kals Tafeln konzentrieren sich stärker auf die technische Mechanik der Ringaktionen selbst. Der Dolch, bei Talhoffer allgegenwärtig, tritt bei Kal in den Ring-Tafeln zurück. Diese Akzentverschiebung mag mit Kals Positionierung als Hofmeister zusammenhängen: Sein Fechtbuch war für einen adeligen Auftraggeber bestimmt und präsentiert die Kampfkünste entsprechend als ritterlich-höfische Disziplin.
Im Vergleich zu Fabian von Auerswald, der fünfzig Jahre später das umfangreichste gedruckte Ring-Lehrbuch vorlegte, fehlt Kal die explizite didaktische Systematik. Kals Tafeln sind keine Lehreinheiten mit aufeinander aufbauenden Technikpaaren, sondern eine Sammlung von Einzeltechniken, deren Zusammenhang sich dem Betrachter durch die Zusammenschau der Bilder erschliesst.
Quellen
- Kal, Paulus: Cgm 1507, Bayerische Staatsbibliothek, München.
Sekundärliteratur
- Welle, Rainer: …und wisse das alle höbischeit kompt von deme ringen. Pfaffenweiler 1993.
- Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.
- Wiktenauer — Paulus Kal.