Paulus Kal
Fechtmeister in Bayern — Cgm 1507 (um 1470)

Biographie
Paulus Kal war ein bayerischer Fechtmeister des 15. Jahrhunderts, der im höfischen Umfeld des Herzogtums Bayern-Landshut wirkte. Sein Fechtbuch Cgm 1507 (um 1470) ist Herzog Ludwig IX. von Bayern-Landshut („Ludwig dem Reichen," reg. 1450–1479) gewidmet, was auf eine Stellung als herzoglicher Fechtmeister oder zumindest auf eine enge Beziehung zum Landshuter Hof schließen lässt.
In Cgm 1507 findet sich die sogenannte Gesellschaftsliste — eine Aufzählung von Fechtmeistern, die Liechtenauers Kunst beherrschten. Kal nennt darin Johannes Liechtenauer als Oberhaupt, gefolgt von einer Reihe namentlich genannter Meister, darunter Andres Juden, Ott Jud und weitere Fechter. Diese Liste ist ein zentrales Dokument für die Rekonstruktion der Liechtenauer’schen Meister-Linie.
Werk
Fechtbuch / Handschrift
Cgm 1507 (München, Bayerische Staatsbibliothek) ist eine reich illustrierte Handschrift von etwa 110 Blättern. Der Inhalt umfasst:
- Blossfechten — Stücke zum Langen Schwert nach Liechtenauer’scher Art
- Ringen — Kampfringen in verschiedenen Varianten
- Harnischfechten — Halbschwert und Ringen im Harnisch
- Messer — Techniken mit dem Langes Messer
- Rossfechten — Fechten vom Pferd aus
Kals Werk gehört wie das von Hans Talhoffer zum bildbasierten Typus — die Illustrationen tragen die Hauptlast der Darstellung, begleitet von kurzen Textzeilen und Merkversen.
Besonderheiten seines Systems
Im Vergleich zur textlastigen Glossen-Tradition (Sigmund Ringeck, Peter von Danzig) weist Kal charakteristische Unterschiede auf:
- Weniger Text, mehr Bilder — Kal vertraut auf die illustrative Vermittlung; ausführliche Prosa-Glossen fehlen weitgehend
- Höfische Ausrichtung — Die Widmung an Ludwig IX. und die aufwendige Ausstattung deuten auf ein repräsentatives, für ein adeliges Publikum bestimmtes Werk hin
- Die Gesellschaftsliste — Ein einzigartiges Dokument der Traditionsbildung und Selbstverortung innerhalb der Liechtenauer-Linie
Die technischen Inhalte sind konsistent mit der allgemeinen Liechtenauer-Tradition, aber weniger systematisch ausgearbeitet als bei Ringeck.
Deutsche Primärtexte (Original)
Widmung an Ludwig IX. (Cgm 1507, Bl. 2r):
Mit hilf gottes und des hochgeporn hern herczog ludwigs pfalczgrawe peÿ rein herczog in nydern und obern bayren. Hab ich maister pauls kal ain merer der kunst das püech geordenirt in aller Ritterlicher wer auf das kurczt und auf das nachst.
Eröffnung und Verweis auf Liechtenauers Gesellschaft (Cgm 1507):
Hye hebt sich an die kunst die liechtenawer mit seiner geselschafft gemacht und gepraücht hat in aller ritterliche wer das im got genädig seÿ.
Die Gesellschaftsliste (Cgm 1507):
Maister hanns liechtenawer. Maister peter wildigans von glacz. Maister peter von tanczk. Maister hanns spindler von czuaÿm. Maister lamprecht von prag. Maister hanns seÿdenfaden von erfürt. Maister andre liegniczer. Maister iacob liegniczer, geprieder. Maister sigmund amring. Maister hartman von nurenberg. Maister martein hunczfeld. Maister hanns pägnnczer. Maister phÿlips perger. Maister virgilÿ von kracå. Maister dietherich degen vechter von brawnschweig. Maister ott iud der der heren von oesterreicher ringer gewessen ist.
Auf seinen Lehrer Hans Stettner (Cgm 1507):
Der edel vnd fest stettner der am maisten der maister aller schüller gewessen ist vnd ich maister pauls kal pin sein schuler gewessen dat im got genädig seÿ vor in allen.
Merkvers und Gebetsspruch:
Ich hab augen als ein falk das man mich nit beschalk / Ich hab hercz als ein leb das ich hin czü streb / Ich hab fües als ein hind das ich hin czü vnd dar von spring
hilf got du ewig wort dem leib hie der Sele dort
Stellung in der Liechtenauer-Tradition
Kals Hauptbedeutung liegt nicht in technischen Innovationen, sondern in seiner Funktion als Traditionsvermittler und -dokumentator. Die Gesellschaftsliste ist der wichtigste Beleg für das Selbstverständnis der Liechtenauer-Fechter als einer strukturierten Traditionsgemeinschaft mit benennbaren Meistern und Schülern.
Kal repräsentiert zudem den höfischen Flügel der Tradition — ein Gegenpol zur städtischen, handwerklich-zünftigen Ausrichtung, die bei anderen Glossatoren stärker hervortritt.
In der modernen Praxis
Kals Werk wird in der HEMA-Szene vor allem wegen der Gesellschaftsliste und der illustrativen Qualität geschätzt. Technisch ergänzt es die textbasierten Glossen, insbesondere dort, wo Kals Illustrationen helfen, schwer verständliche Technikbeschreibungen bildlich zu konkretisieren.
Quellen und Editionen
- Cgm 1507 — Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München
- Christian Henry Tobler: In Service of the Duke: The 15th Century Fighting Treatise of Paulus Kal. 2006.
- Faksimile: Paulus Kal: Fechtbuch Cgm 1507. Akademische Druck- und Verlagsanstalt.