Rossfechten bei Paulus Kal
Analyse der Rossfechten-Tafeln im Cgm 1507

Paulus Kal (tätig um 1460–1480) überliefert in seinem Fechtbuch Cgm 1507 (Bayerische Staatsbibliothek, München, um 1470) eine kompakte, aber systematisch aufgebaute Serie von Rossfechten-Tafeln. Das um 1470 entstandene Werk Kals ist architektonisch als Tafelwerk konzipiert: Ganzseitige, farbige Illustrationen werden von knappen, oft nur wenige Zeilen umfassenden Texten begleitet, die die dargestellte Technik benennen und in das Aktion-Kontrtechnik-Schema einordnen.
Kals Rossfechten-Sektion folgt einem auf den ersten Seiten des Werks etablierten didaktischen Prinzip, das sich durch sämtliche Disziplinen des Fechtbuchs zieht: Jeder Technik — der “Aktion” — wird auf der gegenüberliegenden oder folgenden Seite eine Gegenmassnahme — die “Kontrtechnik” — zugeordnet. Dieses Schema macht Kals Fechtbuch zu einem der frühesten Beispiele einer explizit systematisierenden Darstellungsweise. Im Rossfechten zeigt Kal zunächst den Angriff mit dem eingelegten Speer aus dem vollen Anritt, gefolgt von einer Technik, die diesen Angriff durch Ausweichen des Pferdes und Gegendruck mit dem eigenen Speer vereitelt. Die Logik des Systems zwingt zur didaktischen Klarheit: Jedes Bild antwortet auf ein vorhergehendes, jede Kontrtechnik setzt die Aktion voraus. Dies unterscheidet Kals Methodik deutlich von der seines etwas älteren Zeitgenossen Hans Talhoffer, dessen Rossfechten-Illustrationen zwar dramatischer und detailreicher sind, aber keine explizite Aktion-Kontrtechnik-Paarung aufweisen.
Der Vergleich zwischen Kal und Talhoffer offenbart zwei grundverschiedene didaktische Philosophien. Talhoffer, dessen Rossfechten-Tafeln im Ms. Thott.290.2º (1459) etwa ein Jahrzehnt vor Kals Cgm 1507 entstanden, erzählt den Kampf als chronologischen Ablauf: Speerattacke, Schwertkampf, Ringen vom Pferd — die zeitliche Sequenz steht im Vordergrund. Kal hingegen ordnet das Material nach logischen Prinzipien: Aktion, Kontrtechnik, nächste Aktion. Talhoffers Ansatz ist narrativ und situativ, Kals Ansatz ist analytisch und lehrhaft. Diese Differenz ist bemerkenswert, da beide Autoren demselben soziokulturellen Milieu entstammen — Kal war Fechtmeister im Dienst der bayerischen Herzöge, Talhoffer stand in schwäbisch-schweizerischen Diensten — und doch radikal verschiedene Präsentationsstrategien verfolgten.
Kals Rossfechten-Tafeln umfassen das Speerfechten in der ersten Angriffsphase, den Übergang zum Schwert nach Verlust oder Bruch der Lanze sowie rudimentäre Ansätze des Ringens vom Pferd aus. Die kontrtechnischen Lösungen sind dabei besonders aufschlussreich, weil sie nicht nur passive Verteidigung, sondern aktive Gegenangriffe zeigen: Der Angegriffene pariert nicht lediglich, sondern wendet die Bewegung des Angreifers unmittelbar gegen diesen — ein Prinzip, das Kal aus dem Deutsche Fechtschule der Liechtenauer-Tradition übernimmt und auf das Rossfechten — Überblick überträgt.
Quellen
- Kal, Paulus: Cgm 1507, Bayerische Staatsbibliothek, München.
Sekundärliteratur
- Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Frankfurt a. M. 1985.
- Wiktenauer — Paulus Kal.