Rossfechten

Fechten zu Pferd

konzeptrossfechtenLiechtenauer

Das Rossfechten — der Kampf vom Pferd herab — bildet eine eigene, gegenüber dem Deutsche Fechtschule und Harnischfechten — Überblick eigenständige Disziplin innerhalb der Deutschen Fechtschule. Liechtenauers Zettel enthält keinen gesonderten Abschnitt zum Rossfechten, doch behandeln mehrere Glossatoren, namentlich Sigmund Ringeck und der Danzig-Glossator, das Fechten zu Ross in eigenen, meist kürzeren Abschnitten, die auf halbwegs eigenständigen Merkvers-Linien aufbauen.

Primärquellen

Die Überlieferung des Rossfechtens ist lückenhafter als die des Blossfechtens. Eine der frühesten Darstellungen findet sich in der Hs. 3227a (Nürnberger Kodex), die dem Rosskampf ein eigenes Kapitel widmet, wenngleich ohne die dichte Glossierung, die das Blossfechten erfährt. Sigmund Ringeck überliefert in seinen Handschriften (Ms. Dresden C 487, fol. 93r ff.) Rossfechten-Techniken mit Schwert und Speer. Hans Talhoffer zeigt in seinen illustrierten Fechtbüchern (Ms. Thott.290.2º, 1459) Techniken zu Ross, darunter das Anreiten mit eingelegter Lanze und den Schwertkampf aus dem Sattel. Paulus Kal (Cgm 1507) behandelt das Rossfechten in seinem prachtvoll ausgestatteten Tafelwerk.

Waffen

Die Primärwaffe zu Ross ist der Speer oder die Lanze, die eingelegt und im vollen Galopp auf den Gegner gerichtet wird. Das Lange Schwert dient als Sekundärwaffe nach dem Bruch oder Verlust der Lanze sowie im Nahkampf, wenn die Distanz für den Speer zu gering ist. Auch das Lange Messer wird in einigen Quellen zu Ross behandelt.

Besonderheiten der Reiter-Perspektive

Das Fechten vom Pferd aus unterscheidet sich fundamental vom Kampf zu Fuß. Der Reiter muss die Höhendifferenz in seine Aktionen einkalkulieren: Ein Oberhau vom Pferd gewinnt durch die höhere Ausgangsposition an Wucht, ein Stich mit dem Speer muss den tieferen oder höheren Zielpunkt präzise ansteuern. Die Bewegung des Pferdes schafft eine zusätzliche Dynamik, die sowohl für den Angreifer (grössere Wucht durch Vorwärtsbewegung) als auch für den Verteidiger (Ausweichen durch Pferdebewegung) genutzt werden kann. Die Quellen zeigen sowohl symmetrische Situationen (zwei Reiter gegeneinander) als auch asymmetrische (Reiter gegen Fußsoldaten), wobei die Techniken je nach Konstellation variieren.

Moderne Praxis

Das Rossfechten ist innerhalb der modernen HEMA-Szene eine Randdisziplin, da es neben der fechterischen Ausbildung fundierte reiterliche Fähigkeiten sowie ein für den Kampf ausgebildetes Pferd voraussetzt. Eine Handvoll internationaler Gruppen — insbesondere in Skandinavien und Nordamerika — hat sich auf die Rekonstruktion des Rossfechtens spezialisiert und bietet spezielle Lehrgänge an, die historische Techniken mit moderner Reitausbildung verbinden.

Quellen

  • Hs. 3227a (Nürnberger Kodex), fol. 80r ff.
  • Cod. 44.A.8 (Danzig), fol. 109r ff.
  • Ringeck, Ms. Dresden C 487, fol. 93r ff.
  • Talhoffer, Hans: Fechtbuch von 1459, Ms. Thott.290.2º, Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen.
  • Kal, Paulus: Cgm 1507, Bayerische Staatsbibliothek, München.

Sekundärliteratur

  • Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Frankfurt a. M. 1985.
  • Wiktenauer — Rossfechten.
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