Rossfechten nach Liechtenauer

Die Rossfechten-Glossen der Liechtenauer-Tradition

konzeptrossfechtenLiechtenauerglossen

Während Johannes Liechtenauers Zettel kein eigenständiges Rossfechten-Kapitel enthält, überliefern die Glossatoren der ersten und zweiten Generation ein bedeutendes, wenn auch fragmentarisches Corpus an Rossfechten-Lehren. Die Rossfechten-Glossen wurden als Anhang zum Blossfechten tradiert, gelegentlich auch als separates Kapitel am Ende der Handschriften.

Glossen zu Rossfechten

Ringeck

Sigmund Ringeck (Ms. Dresden C 487, fol. 93r–97v) präsentiert die umfangreichste erhaltene Rossfechten-Glosse. Seine Lehre behandelt den Speerkampf (Einlegen und Brechen der Lanze), den Schwertkampf aus dem Sattel und Techniken gegen den abgesessenen Gegner. Ringeck beschreibt präzise, wie der Reiter den Speer ansetzt, um den Gegner aus dem Sattel zu heben, und wie das Schwert aus der Bewegung des Pferdes heraus eingesetzt wird.

Danzig

Der Danzig-Glossator (Cod. 44.A.8, fol. 109r–117r) liefert eine detaillierte, mit Ringeck teilweise übereinstimmende Fassung. Er legt besonderen Wert auf die richtige Positionierung des Pferdes und die Nutzung der Vorwärtsbewegung, um die Wucht von Stich und Hieb zu maximieren. Seine Darstellungen sind nüchterner und stärker auf die unmittelbare Ausführung der Techniken konzentriert als die Ringecks.

Lew

Jud Lew (Ms. germ. quart. 2020) ergänzt das Rossfechten um eigene Varianten und behandelt es in einem separaten, wenn auch kürzeren Abschnitt. Lew betont die taktische Dimension: das Ausweichen des Pferdes als Defensivaktion, den Wechsel zwischen Speer und Schwert und das Heranführen des Pferdes an die schwache Seite des Gegners.

Techniken zu Ross

Die Rossfechten-Glossen beschreiben im Kern zwei Hauptsituationen: den Kampf mit dem Speer und den Kampf mit dem Schwert. Der Speer wird in der Armbeuge oder am Sattel eingelegt und mit der Wucht des Pferdes auf den Gegner gerichtet. Nach dem Verlust oder Bruch des Speers greift der Fechter zum Schwert. Aus der erhöhten Sattelposition werden Oberhaue und Zornhaue geschlagen, wobei die Klinge durch die Bewegung des Pferdes zusätzlich beschleunigt wird. Die Glossen betonen, dass der Fechter das Schwert im Rossfechten anders führt als zu Fuß — mit verkürztem Hebel und stärkerer Rücksicht auf die Sattelbalance.

Unterschiede zum Fechten zu Fuß

Der fundamentale Unterschied liegt in der Einbindung des Pferdes als Bewegungselement. Während der Fußfechter jede Bewegung aus eigener Kraft generiert, nutzt der Rossfechter die Bewegung seines Pferdes: Die Wucht eines Speerstichs kommt zu grossen Teilen aus dem Galopp, nicht aus der Armkraft. Die Huten (die Ochs) werden im Sattel anders eingenommen, da die Beine den Pferdeleib umfassen und die Hüftrotation eingeschränkt ist. Die Deckung muss die grössere Angriffsfläche des Reiters und die Verwundbarkeit des Pferdes selbst berücksichtigen.

Im System

Das Rossfechten steht innerhalb der Liechtenauer-Tradition als eigenständige, wenngleich weniger ausgearbeitete Disziplin neben den drei übrigen. Die Lehren überschneiden sich konzeptuell mit dem Harnischfechten — Überblick (beide gehen von einer Rüstungssituation aus), folgen aber eigenen taktischen Gesetzen, die von der Reiterperspektive bestimmt werden.

Quellen

  • Hs. 3227a (Nürnberger Kodex), fol. 80r–85v.
  • Cod. 44.A.8 (Danzig), fol. 109r–117r.
  • Ringeck, Ms. Dresden C 487, fol. 93r–97v.
  • Jud Lew, Ms. germ. quart. 2020.

Sekundärliteratur

  • Hagedorn, Dierk (Hrsg.): Peter von Danzig. Herne 2008.
  • Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Frankfurt a. M. 1985.
  • Wiktenauer — Rossfechten.
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