Jud Lew

Fechtmeister in Augsburg und Umgebung

personglossatorglossatorLiechtenauer15 jh

Biographie

Jud Lew (auch Jude Lew, Lew Juden) war ein Fechtmeister des 15. Jahrhunderts, der in Augsburg und Umgebung wirkte. Sein Name — in einer Zeit, in der jüdische Fechtmeister in den Quellen kaum bezeugt sind — macht ihn zu einer bemerkenswerten Figur der Liechtenauer-Tradition. Über sein Leben ist wenig Gesichertes bekannt; die erhaltenen Handschriften datieren seine Hauptwirkungszeit um die Mitte bis zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts.

Die geographische Nähe zu Augsburg verbindet Lew mit anderen wichtigen Zentren der Liechtenauer-Überlieferung. Augsburg entwickelte sich im 15. und 16. Jahrhundert zu einem Knotenpunkt der Fechttradition, an dem später auch Jörg Wilhalm und Paulus Hector Mair wirkten.

Werk

Fechtbuch / Handschrift

Lews Glosse ist in mehreren Handschriften überliefert, deren bedeutendste die Ms. germ. quart. 2020 (Krakau, Biblioteka Jagiellońska, um 1510) ist. Diese Handschrift enthält neben Lews Glosse auch Material von Sigmund Ringeck. Weitere Textzeugen sind Cod. I.6.4°.3 (Augsburg) und verwandte Handschriften.

Lews Glosse deckt wie die von Ringeck und Peter von Danzig das gesamte Blossfechten nach dem Liechtenauer’schen Zettel ab, ist aber deutlich kürzer und in der Darstellung prägnanter.

Besonderheiten seines Systems

Im Vergleich zu Ringeck und Danzig weist Lews Glosse einen eigenständigen, prägnanten Stil auf:

  • Die Glossen sind kürzer und komprimierter — Lew verzichtet auf ausführliche Erklärungen zugunsten knapper, präziser Formulierungen
  • Manche Passagen des Zettels fehlen ganz oder werden nur summarisch behandelt
  • Lews spezifische Interpretationen weichen in Nuancen von Ringeck und Danzig ab
  • Sein Text enthält eigene technische Schwerpunktsetzungen und eine charakteristische sprachliche Handschrift

Das Verhältnis zu Ringeck und Danzig ist das einer gemeinsamen Quelle bei unterschiedlicher redaktioneller Bearbeitung: Alle drei gehen auf dieselbe verlorene Ur-Glosse zurück, aber Lew hat das Material eigenständig komprimiert und akzentuiert.

Stellung in der Liechtenauer-Tradition

Jud Lew repräsentiert einen eigenen Zweig innerhalb der frühen Glossen-Tradition. Seine kürzere, pointiertere Version wurde vermutlich für ein Publikum geschrieben, das bereits Grundkenntnisse besaß und eine kompakte Referenz bevorzugte. Die handschriftliche Überlieferung zeigt, dass Lews Text oft zusammen mit Ringeck kopiert wurde — die beiden Glossen wurden als komplementär betrachtet.

Lew hatte weniger direkten Einfluss auf die spätere Tradition als Ringeck, ist aber für die Forschung unverzichtbar, da seine Variante hilft, den gemeinsamen Kern der drei großen Glossen (Ringeck, Danzig, Lew) zu identifizieren.

In der modernen Praxis

Lews Glosse wird in der HEMA-Szene vor allem vergleichend rezipiert. Ihre prägnanten Formulierungen bieten eine hilfreiche Kontrastfolie zu Ringecks ausführlicheren Erklärungen. In der Forschung dient sie als dritte Kontrollquelle zur Rekonstruktion der Ur-Glosse.

Quellen und Editionen

  • Ms. germ. quart. 2020 — Digitalisat der Biblioteka Jagiellońska, Krakau
  • Cod. I.6.4°.3 — Universitätsbibliothek Augsburg
  • Vergleichende Studien im Kontext der Ringeck- und Danzig-Editionen
Nach oben ↑