Wichtige moderne Interpreten
Forscher und Praktiker, die die moderne HEMA-Bewegung prägen

Die moderne HEMA-Bewegung ist das Werk einzelner Forscher und Praktiker, die seit den 1980er Jahren die Fechtbücher aus den Archiven geholt haben. Ihre Übersetzungen, Interpretationen und Trainingsmethoden bilden die Grundlage, auf der heute weltweit trainiert wird.
Die Pioniere
Hans-Peter Hils (†) war kein Fechter, sondern Mediävist — aber seine Dissertation Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes (1985) gilt als Initialzündung der wissenschaftlichen HEMA-Forschung. Hils identifizierte, datierte und verortete die Liechtenauer-Handschriften und legte das philologische Fundament, auf dem alle späteren Arbeiten aufbauen.
Harry R. (†) war ein deutscher Fechtpraktiker und Forscher, der sich intensiv mit dem Ringeck-Corpus auseinandersetzte. Seine minutiöse praktische Erprobung der Glossen machte ihn zum ersten modernen Interpreten, der Text und Bewegung systematisch verband. Sein Einfluss auf die deutschsprachige HEMA-Szene der 1990er und 2000er Jahre kann kaum überschätzt werden.
Übersetzer und Editoren
Christian Henry Tobler (USA) ist als Übersetzer und Interpret vielleicht die einflussreichste Einzelperson der internationalen HEMA-Szene. Sein Werk In Saint George’s Name öffnete den englischsprachigen Praktikern den Zugang zu Ringeck, Pseudo-Danzig und Lew. Tobler verbindet philologische Präzision mit praktischem Fechtverständnis.
Dierk Hagedorn (Deutschland) ist der führende deutschsprachige Editor und Transkribent. Seine präzisen Transkriptionen — insbesondere die Editionen des Cod. 44.A.8 und der Hs. 3227a — sind die Referenzwerke für jeden, der die Quellen im Original lesen will. Als Mitbegründer von Hammaborg verbindet er Editionsarbeit mit praktischer Forschung.
Jeffrey L. Forgeng (USA) ist als Meyer-Übersetzer unverzichtbar. Seine vollständige englische Ausgabe von Meyers Fechtbuch 1570 (2006, Greenhill) erschloss ein internationales Publikum für das Spätwerk der Deutschen Fechtschule.
Rainer Welle (Deutschland) lieferte mit seiner wissenschaftlichen Edition des Cod. 44.A.8 die philologisch anspruchsvollste Aufarbeitung einer zentralen Liechtenauer-Handschrift. Seine Arbeit ist Maßstab für die akademische Fechtbuch-Forschung.
Praktiker und Methodiker
Herbert Schmidt (Österreich) schuf mit Schwertkampf (2014) eines der erfolgreichsten modernen Lehrbücher zum Liechtenauerschen Fechten. Seine strukturierte, didaktisch durchdachte Methode ist besonders für Einsteiger und Vereinstrainer wertvoll.
Roland Warzecha (Deutschland) und Hammaborg — der älteste deutsche HEMA-Verein — haben durch jahrzehntelange experimentelle Praxis maßgeblich zum Verständnis von Schild- und Schwertkampf, insbesondere des I.33-Manuskripts, sowie zu den Liechtenauer-Quellen beigetragen. Warzechas Interpretationsansatz betont die biomechanische Plausibilität und die Einfachheit der historischen Lösungen.
Alexander Fürgut (Deutschland) und der Verein Ochs haben mit ihrem methodischen, strukturierten Trainingsansatz Standards für die moderne HEMA-Didaktik gesetzt.
Martin Fabian (Slowakei) vertritt eine eigene Interpretationslinie, die sich stark an Meyer orientiert und eine dynamische, fließende Fechtweise betont.
Weitere nennenswerte Interpreten
Die Liste ist notwendig unvollständig: Jake Norwood (USA, Longpoint-Organisator), Anton Kohutovič (Slowakei), Matt Easton (UK, Schola Gladiatoria), Guy Windsor (UK, Schule nach Fiore dei Liberi) und viele mehr haben zur heutigen Vielfalt und Tiefe der HEMA-Szene beigetragen.
Quellen
- Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Lang, 1985.
- Schmidt, Herbert: Schwertkampf. Die Kunst des Fechtens mit dem langen Schwert. Wieland Verlag, 2014.
- Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Freelance Academy Press, 2010.