Übersetzungen und Editionen

Editionen, Transkriptionen und Übersetzungen der Liechtenauer-Tradition

konzeptmoderne praxisquelleeditionenHEMA

Der Zugang zu den Quellen

Das zentrale Problem der modernen HEMA-Forschung ist der Zugang zu den Quellen. Die Fechtbücher des 14. bis 16. Jahrhunderts sind in frühneuhochdeutscher Sprache, in bairischen oder ostmitteldeutschen Dialekten abgefasst und für Laien ohne sprachwissenschaftliche Vorbildung kaum lesbar. Moderne Editionen, Transkriptionen und Übersetzungen bilden daher das Fundament aller praktischen Arbeit.

Editionen der Liechtenauer-Tradition

Die wichtigsten modernen Editionen und Übersetzungen konzentrieren sich auf die zentralen Handschriften der Liechtenauer-Tradition:

  • Christian Tobler: In Saint George’s Name (Freelance Academy Press, 2010) — Eine der einflussreichsten englischen Übersetzungen. Tobler präsentiert die Glossen von Ringeck, Pseudo-Danzig und Lew in einer synoptischen Gegenüberstellung und mit umfangreichem Kommentar. Das Standardwerk der englischsprachigen HEMA-Szene.

  • Rainer Welle: Edition des Cod. 44.A.8 — Welles wissenschaftliche Arbeit (1993) ist die maßgebliche philologische Edition der Danzig-Handschrift und setzt Maßstäbe für die textkritische Aufarbeitung der Fechtbuch-Überlieferung.

  • David Lindholm: Ringeck-Übersetzung — Lindholm legte eine der ersten zugänglichen englischen Übersetzungen des Ringeck-Corpus vor und trug damit zur frühen Popularisierung bei.

  • Jeffrey L. Forgeng: Meyer-Übersetzung (Greenhill Books, 2006) — Die erste vollständige englische Übersetzung von Meyers Gründtlicher Beschreibung (1570). Ein monumentales Werk, das Meyers System für ein internationales Publikum erschloss.

Deutschsprachige Editionen

Für den deutschsprachigen Praktiker sind vor allem die Arbeiten von Dierk Hagedorn von zentraler Bedeutung. Hagedorns Transkriptionen (erschienen in der Reihe Bibliothek der historischen Kampfkünste) bieten präzise Übertragungen des frühneuhochdeutschen Originals in moderne Schrift mit ausführlichem Glossar, ohne den Umweg über das Englische gehen zu müssen. Seine Edition von Peter von Danzig (Cod. 44.A.8) ist der verlässlichste deutschsprachige Zugang zur zentralen Liechtenauer-Glosse.

Wiktenauer

Das Wiktenauer-Projekt, benannt nach Johannes Liechtenauer, ist die bedeutendste Online-Ressource für die HEMA-Quellenforschung. Es vereint Transkriptionen, Scans und Übersetzungen hunderter Fechtbücher aus ganz Europa und ist das unverzichtbare Nachschlagewerk für jeden ernsthaften HEMA-Praktiker. Der kollaborative Charakter des Wikis führt gelegentlich zu Qualitätsschwankungen, doch die zentralen Liechtenauer-Artikel sind von hoher Verlässlichkeit.

Empfehlungen für Einsteiger

Wer mit der Liechtenauer-Tradition beginnt, sollte folgende Reihenfolge erwägen:

  1. Dierk Hagedorn: Peter von Danzig — Deutschsprachige Transkription als Arbeitsgrundlage.
  2. Christian Tobler: In Saint George’s Name — Für den englischsprachigen Vergleich und Toblers erläuternde Kommentare.
  3. Wiktenauer — Als ständiger digitaler Begleiter für Querverweise und alternative Lesarten.

Quellen

  • Hagedorn, Dierk: Peter von Danzig. Transkription und Übersetzung der Handschrift 44.A.8. VS-Books, 2008.
  • Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Freelance Academy Press, 2010.
  • Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. A German Martial Arts Treatise of 1570. Greenhill Books, 2006.
  • Wiktenauerhttps://wiktenauer.com
Nach oben ↑