Peter von Danzig

Pseudo-Danzig — Cod. 44.A.8 (1452)

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Biographie

Der Name „Peter von Danzig" bezeichnet zwei verschiedene Dinge, die in der Forschung sorgfältig getrennt werden:

Peter von Danzig zum Ingolstadt war eine reale Person — ein Fechtmeister des 15. Jahrhunderts und Mitglied der Gesellschaft Liechtenauers (geführt in Paulus Kals Mitgliederrolle, ca. 1470). Von ihm ist jedoch kein eigenes Fechtbuch überliefert.

Der Glossator hinter dem Cod. 44.A.8 (Rom, datiert 1452) ist dagegen anonym. Die Zuschreibung der Handschrift an Peter von Danzig geht auf Martin Wierschin (1965) zurück und gilt heute als widerlegt — daher die gängige Bezeichnung „Pseudo-Danzig". Wer die Handschrift wirklich geschrieben hat, ist unbekannt. Die Niederschrift wird in den Umkreis süddeutscher Fechtmeister des mittleren 15. Jahrhunderts datiert, möglicherweise mit Verbindungen nach Augsburg oder Nürnberg.

Die Handschrift Cod. 44.A.8 ist der namensgebende Text einer eigenständigen Traditionslinie innerhalb der Liechtenauer-Überlieferung — der sogenannten Danzig-Gruppe, zu der auch mehrere verwandte Handschriften gehören.

Werk

Fechtbuch / Handschrift

Cod. 44.A.8 (Rom, Biblioteca Corsiniana) ist eine der umfangreichsten und detailliertesten Liechtenauer-Handschriften. Sie umfasst:

  • Eine vollständige Glosse des Zettels (Blossfechten)
  • Zusätzliches Material zum Ringen, Harnischfechten und Rossfechten
  • Diverse Zusatztexte und Technikbeschreibungen

Die Danzig-Gruppe umfasst darüber hinaus weitere Handschriften wie HS 1448 (Salzburg, Universitätsbibliothek), die einen nahe verwandten Textbestand aufweisen und eine separate Überlieferungslinie belegen.

Besonderheiten seines Systems

Die Danzig-Glosse teilt weite Teile des Textes mit Sigmund Ringeck und Jud Lew — alle drei gehen nach heutigem Forschungsstand auf eine gemeinsame, verlorene Vorlage zurück. Dennoch weist die Danzig-Version markante eigene Züge auf:

  • Die Glossen sind in vielen Passagen noch detaillierter und technisch präziser als bei Ringeck
  • Zahlreiche zusätzliche Technikbeschreibungen, die bei Ringeck fehlen
  • Eine ausgeprägte Neigung zu ausführlichen taktischen Erläuterungen
  • Eigene sprachliche Wendungen und eine charakteristische Terminologie

Im Vergleich zu Ringeck wirkt die Danzig-Glosse weniger systematisch gegliedert, dafür oft technisch reichhaltiger. Die Unterschiede sind keine Widersprüche, sondern ergänzende Perspektiven auf dieselbe Fechtlehre.

Stellung in der Liechtenauer-Tradition

Die Danzig-Gruppe stellt eine eigenständige, parallel zu Ringeck verlaufende Traditionslinie dar. Beide gehen auf dieselbe verlorene Ur-Glosse zurück, repräsentieren aber unterschiedliche redaktionelle Bearbeitungen. Die Danzig-Version hat weniger direkte Nachfolger hervorgebracht als Ringeck, wurde aber im 16. Jahrhundert noch rezipiert und zitiert.

Die Existenz beider Linien ist für die moderne Forschung von unschätzbarem Wert, da der Vergleich der Varianten es erlaubt, die verlorene Vorlage zu rekonstruieren und die Entwicklung der Glossen-Tradition nachzuvollziehen.

In der modernen Praxis

Die Danzig-Glosse wird in der HEMA-Szene häufig ergänzend zu Ringeck herangezogen. Ihre ausführlicheren Technikbeschreibungen bieten wertvolle zusätzliche Details zur Rekonstruktion. Einige Interpreten bevorzugen Danzig wegen des größeren technischen Detailreichtums gegenüber Ringecks didaktischer Klarheit.

Quellen und Editionen

  • Cod. 44.A.8 — Digitalisat der Österreichischen Nationalbibliothek
  • Dierk Hagedorn: Peter von Danzig: Transkription und Übersetzung der Handschrift 44.A.8. 2008.
  • Christian Henry Tobler: In Saint George’s Name: An Anthology of Medieval German Fighting Arts. 2010.
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