Schnappen
Die gegnerische Klinge zur Seite schlagen — eine Technik im Zettel

Was ist Schnappen?
Schnappen bezeichnet eine schlagartige Aktion, bei der die eigene Klinge die gegnerische Klinge zur Seite schlägt — aus der Bindung heraus oder als Reaktion auf einen ankommenden Angriff — und unmittelbar in eine eigene Bedrohung (Stich oder Hau) übergeht. Das Schnappen ist eine Vorbereitungstechnik: Es räumt die feindliche Klinge aus der eigenen Bewegungslinie und öffnet eine Blöße für den eigenen Angriff. Anders als das Abschneiden, das die Klinge des Gegners durch eine schneidende Bewegung am eigenen Ort fixiert, ist das Schnappen eine explosive, schlagende Aktion mit der Fläche der eigenen Klinge.
Zettel: “slach das er schnappe”
Der Merkvers Liechtenauers enthält die Anweisung: “Slach / das er schnappe / Jn dÿ ochsenn tappe”. Die Formulierung beschreibt eine Doppelaktion: Der Fechter schlägt so auf die gegnerische Klinge, dass diese “schnappt” — zur Seite springt — und tritt dann unmittelbar in den Ochs, die Stichposition über dem Kopf, um die geöffnete Linie auszunutzen. Das “schnappe[n]” bezeichnet also nicht nur die eigene Aktion, sondern auch den erwünschten Effekt auf die gegnerische Klinge: Sie wird weggeschleudert, dem Gegner entrissen oder zumindest aus ihrer bedrohlichen Position entfernt.
Schnappen mit der Stärke, Schnappen als Parade-Vorbereitung
Die Glossen präzisieren zwei Anwendungskontexte. Erstens: Schnappen mit der Stärke der Klinge — dem hebelnahen Drittel — gegen die Schwäche des Gegners. Hier nutzt der Fechter die Hebelwirkung, um mit minimaler eigener Bewegung die gegnerische Spitze weiträumig zu versetzen. Zweitens: Schnappen als Parade-Vorbereitung, bei dem der ankommende Hau des Gegners durch einen Gegenhau mit der Fläche zur Seite geschlagen wird, bevor er die Deckung erreicht. Diese Variante ist eine offensivere Alternative zum statischen Versetzen.
Glossen: Ringeck, Danzig
Sigmund Ringeck (Cod. I.6.4°.3) erläutert das Schnappen im Kontext der Arbeit aus dem Anbinden: Wenn der Gegner stark im Band liegt, schlägt der Fechter mit einer kurzen, explosiven Bewegung die gegnerische Klinge beiseite und sticht sofort zum Ochs. Ringeck betont die unmittelbare Verbindung von Schnappen und Nachstoß — wer nach dem Schnappen zögert, gibt dem Gegner Zeit zur Wiederherstellung der Deckung.
Die Danzig-Glosse (Cod. 44.A.8) verbindet das Schnappen mit dem Zucken: Beide Techniken dienen der Überwindung einer starken gegnerischen Bindung. Das Schnappen ist die direktere, das Zucken die indirektere Methode — beim Schnappen wird die Klinge weggeschlagen, beim Zucken wird sie umgangen.
In der Praxis
Das Schnappen wird in modernen Trainingsansätzen als Übergangstechnik zwischen Parade und Kontrolle trainiert: Die Klinge wird nicht blockiert, sondern aus der Linie geschlagen, und der eigene Angriff folgt im selben Tempo. Ein häufiger Fehler ist das Ausholen zum Schnappen, das dem Gegner Zeit gibt — das Schnappen muss eine kurze, explosive Bewegung aus Handgelenk und Unterarm sein, nicht aus der Schulter.