Meyers Meisterhaue
Meyers Behandlung der Meisterhaue zwischen Tradition und Innovation

Meyer über die fünf Meisterhaue
Joachim Meyer behandelt die fünf Meisterhaue — Zornhau, Krumphau, Zwerchau, Schielhau und Scheitelhau — ausführlich im ersten Buch seiner Gründlichen Beschreibung (1570), Kapitel 7 bis 9. Er stellt sich mit dieser Behandlung ausdrücklich in die Traditionslinie Liechtenauers und der mittelalterlichen Glossatoren. Gleichzeitig nimmt er substantielle Veränderungen an Konzept und Ausführung vor, die aus seiner abweichenden taktischen Grundhaltung resultieren.
Meyers definiert die Meisterhaue — im Einklang mit der Nürnberger Handschrift und Ringeck — als Hiebe, die zugleich Angriff und Versatz sind. Sie brechen die gegnerischen Huten und Hiebe, während sie eine Blöße eröffnen und treffen. Diese Einheit von offense und defense ist das definierende Merkmal des Meisterhau-Konzepts und bleibt auch bei Meyer erhalten.
Meyers Abweichungen und Ergänzungen
Trotz der grundsätzlichen Treue zum Meisterhau-Konzept weicht Meyer in mehreren wesentlichen Punkten von der mittelalterlichen Tradition ab:
1. Die verstohlenen Haue
Meyers markanteste Innovation ist die Einführung der verstohlenen (verborgenen, gezogenen) Haue. Anders als die voll ausgeführten Meisterhaue der mittelalterlichen Tradition werden die verstohlenen Haue mit minimaler Armbewegung aus dem Handgelenk geschlagen. Sie sind schnell, kurz und schwer zu lesen. Meyer lehrt, dass der geübte Fechter die Meisterhaue nicht immer in voller Extension ausführen soll, sondern in versteckter, kaum wahrnehmbarer Form — “verstohlen”, gleichsam dem Gegner gestohlen. Diese Konzeption ist der mittelalterlichen Tradition fremd und reflektiert Meyers Betonung von Geschwindigkeit und Täuschung.
2. Die Rosen
Eine weitere Innovation Meyers sind die Rosen. Unter diesem Begriff fasst er Zirkelbewegungen des Zwerchaus, bei denen der Fechter die Zwerchhau-Bewegung ein-, zwei- oder mehrfach kreisförmig wiederholt. Die Rose ist eine Täuschungs- und Verwirrungstechnik: Der Gegner sieht eine kreisende Klinge, kann nicht erkennen, wann und wo der eigentliche Hieb fällt, und wird durch den verwirrenden optischen Eindruck zu einer überhasteten oder falschen Reaktion verleitet. Meyer beschreibt Rosen aus verschiedenen Huten — insbesondere aus dem Tag und dem Ochs — und betont, dass sie ein fortgeschrittenes Stück sind, das erst zu üben ist, wenn die Grund-Meisterhaue sitzen.
3. Das Täuschungsmoment
Die mittelalterliche Tradition kennt das Zucken und das Durchwechseln durchaus als Täuschungsmanöver, aber Meyer integriert die Täuschung in den Meisterhau selbst. Bei ihm kann jeder Meisterhau auch als gefehrlicher Hau ausgeführt werden — als ein Hieb, der nicht durchgezogen wird, sondern in eine andere Aktion übergeht, sobald der Gegner zu versetzen beginnt. Der Zornhau wird zum Zornhau-Ort oder zum Abnehmen weitergeführt, der Krumphau zum Schnappen oder zur Finte. Diese bewusste Multifunktionalität des Meisterhaus — er kann echter Angriff, Finte oder Provokation sein — ist eine genuine Meyer’sche Erweiterung.
Was Meyer als Meisterhau betrachtet vs. mittelalterliche Tradition
Meyers Kanon der Meisterhaue deckt sich nominell mit dem der mittelalterlichen Tradition: Zornhau, Krumphau, Zwerchau, Schielhau, Scheitelhau. Die Unterschiede liegen in der Ausführung und der taktischen Einbettung:
| Meisterhau | Mittelalterliche Tradition | Meyer |
|---|---|---|
| Zornhau | Diagonaler Oberhau, der Oberhaue bricht | Aggressiv-provokativer Hau mit Betonung auf den unmittelbaren Zornhau-Ort und den verstohlenen Varianten |
| Krumphau | Gekrümmter Hau gegen die Hände | Vielseitiger Handhau — Meyer erweitert ihn zum universellen Versetz-Hau |
| Zwerchau | Querhieb mit der Kurzen Schneide, brechend gegen Tag | Zentrum des Rosen-Systems — Meyer vervielfacht seine taktischen Funktionen |
| Schielhau | Schielender Hieb, der den Langen Ort bricht | Meyer betont seine Funktion als Brechung des Pflugs und als versteckten Stich |
| Scheitelhau | Senkrechter Hau auf den Kopf, brechend gegen Alber | Von Meyer relativ knapp behandelt, da der Alber in seinem System marginal ist |
Meyers Meisterhau-Begriff ist zudem weiter gefasst als der mittelalterliche. Wo die Glossatoren die Meisterhaue primär funktional verstehen — dieser Hau bricht jene Hut/jenen Hau —, sieht Meyer in ihnen universelle taktische Werkzeuge, deren Effektivität weniger von der korrespondierenden gegnerischen Aktion abhängt als von der Fähigkeit des Fechters, sie variabel und situationsgerecht einzusetzen.
In der modernen Praxis
Meyers Meisterhau-Konzept prägt das moderne Turnierfechten im HEMA maßgeblich. Die Betonung von Geschwindigkeit, Variabilität und Täuschung harmoniert mit den Anforderungen des sportlichen Wettkampfs. Die Rosen sind zu einem Markenzeichen des Meyer-inspirierten Fechtens geworden, wenngleich ihre tatsächliche Effektivität unter Turnierbedingungen kontrovers diskutiert wird. Die verstohlenen Haue hingegen gelten als eine der praktisch wertvollsten Erweiterungen Meyers und sind fester Bestandteil des modernen Langschwert-Trainings.
Meyer
Joachim Meyer, „Gründtliche Beschreibung der Kunst des Fechtens“ (Straßburg 1570), 1. Buch (Langes Schwert), 4. Kapitel („Von den Häuwen“), fol. Ⅰ.10v–Ⅰ.12v. Deutsche Transkription nach Michael Chidester, Wiktenauer.
Von den Häuwen. Cap. 4. Nun kompt das man zu der kunst und freien Ritterlichen übung selbst schreite, nemlich zu den Häwen, welche das eine rechte Hauptstuck im Fechten (wie solches anfangs gemeldet) seind, wie viel deren, was ein jeder sey, wie er gemacht und volbracht sol werden, ist nöttig hie etwas zusagen, wil allein hie den freundlichen Leser zu vorderst erinnert haben, Dieweil zwischen dem Schwerdt Fechten zu unsern zeiten, wie bey unsern vornfahren und uralten im gebrauch gewesen, ein grosser underscheid, das ich an diesem ort nur was jetzund gebrächlich unnd so viel zum Schwerdt gehörig von häuwen erzelen, so vil der alten gebrauch aber belangt, wie sie beide mit Hauwen unnd stechen scharpff gefochten, wil ich in seinem gewissen unnd sondern ort anzeigen.
Der Häuw aber so viel das Schwerdt jetzt belangt, sind zweierley underschiedne art, als gerade und verkerte Häuw, die Gerade nenne ich so mit Langer schneid und außgestreckten Armen gegen dem Man gehauwen werden, deren sein vier Ober, Zorn, Mittel, Underhauw, auß disen dieweil die anderen alle herkommen, und keiner auff der welt so seltzam erdacht noch erfunden kan werden, der nit under deren einem füglich möchte begriffen werden, seind sie auch, unnd billich, die Haupt oder Principal Häuw geheissen.
Die Verkerte Häuw seind die, wan man in den Häuwen die handt mit dem Schwerdt verkert also das man nicht mit voller oder Langerschneid, sonder etwa mit halber schneid, flech, oder einer ecken den Man trifft, als da geschicht mit dem Glitz, Kurtz, Kron, Schiel, Krump, Zwerch, Brell, Blend, Windt, Knichel, Sturtz, Wechselhauw.
Nun auß disen beiden komen und werden außgelesen fünff, so die Meisterhäuw genandt werden, nit das wer dieselben wie Recht volbringen kan, als bald ein Meister diser kunst zunennen, sondern das aus denselben alle rechte künstliche stuck die einem Meister wol gezimmen zuwissen her gehn, und der sie recht Fechten und brauchen kan, für einen kunstreichen Fechter zuhalten, sintemal alle Meisterstuck in denselben verborgen, und man derer mit nichten kan entberen. Die seind der Zorn, Krump, Zwerch, Schieler, und Scheitelhauw.
Oberhauw. Der Oberhauw ist ein Gerader Hauw stracks von Oben, gegen deines widerparts Kopff nach dem Schedel zu, darumb er auch Schedelhauw genant wirt.
Zornhauw. Der Zornhauw ist ein Schlimmer Hauw von deiner Rechten Achsel, gegen deines widerparts Lincken ohrs, oder durch sein gesicht und Brust, Schlims durch wie die zwo Linien, so durch die auffrecht Linien kreutzweiß uber einander sich schrencken anzeigen. Diß ist der sterckest under allen andern, als darinen alle krafft unnd manligkeit des Mans gegen seinem feindt im Kempffen unnd Fechten gelegen, darumb er auch von den Alten Streithauw oder Vatterstreich genant und geheissen wirt. Von gedachten Lini findestu hernach, etc.
Schielhauw. Schielhauw ist auch ein Oberhauw, aber darumb also genant das er gleich mit einer kleinen Schiele gehawen, wirt also gemacht, stell dich in die Hut des Tags oder Zorns (davon im dritten Capitel) mit dem Lincken fuß vor, wirt auff dich gehauwen, so Hauwe hingegen, doch im streich verwende dein kurtze schneid gegen seinem streich, unnd Schlag mit ebichter hand zugleich mit ihme hinein, trit mit deinem Rechten Fuß wol auff seine Lincke seiten, und nimm den Kopff geschwindt mit, so hastu ihm recht gethan, und stehest wie das grosser Bild in nechst gedachter Figur mit dem G. gegen der lincken anzeiget.
Krumphauw. Diser Hauw wirt also volbracht, stehe in der Zornhut mit dem Lincken fuß vor, Hauwet dein gegen Man auff dich, so trit mit deinem Rechten fuß wol auß seinem streich gegen seiner Lincken seiten, Hauwe mit Langerschneid unnd geschrenckten henden seinem hauw entgegen, oder zwischen seinen Kopff und Klingen, uberzwerch auff seine hendt, und laß die Kling wol uber seinen Arm uberschiessen, wie solches in der Figuren mit dem D. an obern bossen zur rechten Hand zusehen.
Zwerch. Zu der Zwerch schick dich also, stell dich im zufechten in die Zornhut zur Rechten (davon in vorgedachten Capitel) das ist, setz deinen Lincken fuß vor, halt dein Schwerdt an deine Rechte Achsel, als ob du ein Zornhauw thun woltest, Hauwet dann dein gegen Man auff dich von dach oder Oben, so Hauwe zugleich mit halber schneid, von Unden uberzwerch gegen seinem hauw, behalt dein kreutz hoch ob deinem Haupt, damit dein Kopff versetzet sey, und mit dem hauw zugleich trit wol auff seine Lincke seiten, so versetzestu und triffest mit einander wie die zwen bossen in der Figur mit dem H. gegen der Lincken anzeigen. Wie du dise Zwerch zur Lincken volbracht, also soltu sie auch gegen seiner Rechten in das werck richten, allein das du gegen seiner Rechten mit Langer schneide antreffen solt.
Quellen
- Meyers Fechtbuch 1570, 1570, 1. Buch, Kap. 7–9.
- Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015.
- Norling, Roger: Meyer’s Longsword: The Meisterhau. HROARR, 2013. [Online-Ressource]