Vier Blössen
Die vier Öffnungen am Körper des Gegners

Die Lehre der Vier Blössen ist das anatomisch-taktische Fundament des Liechtenauerschen Fechtsystems. Sie definiert, wohin der Fechter schlägt und sticht. Die vier Öffnungen ergeben sich aus der natürlichen Geometrie des menschlichen Körpers und der Struktur des Fechters im Stand.
Liechtenauers Zettel
„Slach das er schnappe / wer sich vor dir zeuhet abe"
Der Vers enthält die Taktik: Der Fechter soll so schlagen, dass der Gegner „schnappt" — d.h. mit der Parade zu kurz greift oder ins Leere haut —, wenn dieser sich zurückzieht. Die Blössen-Lehre liefert das Wissen, wohin genau geschlagen werden muss, damit dieses „Schnappen" eintritt.
Definition
Die Vier Blössen teilen den menschlichen Oberkörper in vier Quadranten:
- Oben Links (obere linke Blöße)
- Oben Rechts (obere rechte Blöße)
- Unten Links (untere linke Blöße)
- Unten Rechts (untere rechte Blöße)
Die Unterteilung erfolgt durch die gedachte vertikale Linie der Körpermitte und die horizontale Linie auf Höhe der Hüfte/Gürtellinie. Auf diese vier Öffnungen sind im Liechtenauerschen System sämtliche Angriffe — Haue und Stiche — ausgerichtet. Die oberen Blössen werden primär mit Hieben zum Kopf und Stichen zum Gesicht angesprochen; die unteren Blössen mit Unterhauen und Stichen zum Unterleib.
Warum nur vier?
Die Quellen erklären: Im gebundenen Zustand — wenn beide Klingen aneinanderliegen — kann der Fechter nur eine Seite der eigenen Deckung abdecken. Er ist gezwungen, vier mögliche Zonen zu schützen, aber seine Waffe deckt zu jedem Zeitpunkt nur einen Bruchteil davon ab. Die Vier Blössen sind also keine willkürliche Einteilung, sondern die logische Konsequenz aus der Anatomie des bewaffneten Zweikampfs.
Glossen
Ringeck
Ringeck (Ms. Dresden C 487, fol. 7v–8r) beschreibt die Blössen im Kontext der ersten Lehre: „Wiltu kunst schawen / sich linck gen vnd recht / so du hawst / solltu des haben mut". Nachden er die Huten eingeführt hat, erklärt er, dass jede Hut eine oder mehrere Blössen offenbart. Der Fechter soll die Blösse des Gegners suchen und gegebenenfalls aus der eigenen Hut heraus die am schnellsten erreichbare Öffnung angreifen.
Pseudo-Danzig (Cod. 44.A.8)
Der Danzig-Glossator (fol. 5r–5v) bringt die präziseste Erläuterung: „Vier sind der plössen an dem menschen. Dy erste ist dy lincke seyt ob des gürtels. Dy ander dy recht seyt ob des gürtels. Dy dritte dy lincke seyt vnder des gürtels. Dy vierde dy recht seyt vnder des gürtels." Die Forschung liest aus diesen Bezeichnungen eine Systematik, die eng mit den Ochsn korrespondiert: Jedes Leger schützt bestimmte Blössen und öffnet andere.
Lew
Jud Lew stellt die Blössen-Lehre in den Kontext von Nachreisen und Vor Nach Indes: Sobald der Gegner eine Blösse öffnet (etwa durch Hutenwechsel oder Rückzug), muss der Fechter im Augenblick („Indes") nachstoßen.
Die Meisterhaue und ihre Blössen
Jeder der Meyers Meisterhaue greift spezifische Blössen an:
- Zornhau: Obere linke Blöße (diagonal von rechts oben -> links unten)
- Krumphau: Die Fechtfaust/Hände (er läuft unter der Deckung zu den Händen, die keiner der vier Hauptblössen zugeordnet sind, aber als „fünfte Blösse" gelten können)
- Zwerchau: Obere rechte oder linke Blöße (Waagrecht zum Kopf/Schläfe)
- Schielhau: Obere rechte oder linke Blöße (zum Gesicht durch die Klinge)
- Scheitelhau: Obere Mitte (Scheitel/Stirn, vertikal, zielt zwischen die beiden oberen Blössen)
Diese Zuordnung ist nicht starr — jeder Meisterhau kann je nach Winkel und Ausgangsposition verschiedene Blössen treffen. Die Glossatoren lehren, die nächstliegende Blösse anzuvisieren.
In der Praxis
Im modernen Training wird die Blössen-Analyse zum Standard-Werkzeug für die Taktik-Schulung. Der Fechter lernt, im Sparring zu erkennen: Welche Blösse ist offen? Welche kann ich gefahrlos angreifen? Typische Übung: Partner A steht in einer Hut, Partner B analysiert in Echtzeit die offenen und geschlossenen Blössen. Fortgeschrittene Übung: B schlägt sofort die offene Blösse an, A reagiert mit Hutenwechsel bei gleichzeitiger Blössen-Schließung. Die Fähigkeit, Blössen zu lesen, ist Voraussetzung für effektives Nachreisen und Vor Nach Indes-Fechten.
Quellen
- Hs. 3227a (Nürnberger Kodex), fol. 13v–14r
- Cod. 44.A.8 (Danzig), fol. 5r–5v
- Ringeck, Ms. Dresden C 487, fol. 7v–8v
Sekundärliteratur
- Hagedorn, Dierk (Hrsg.): Peter von Danzig. Herne 2008.
- Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.