Unterhau
Von unten geführte Haue

Liechtenauers Zettel
Wie der Oberhau erhält auch der Unterhau keinen eigenen Vers im Zettel, doch alle Glossen setzen seine Existenz und Beherrschung voraus. Der Unterhau ist das komplementäre Gegenstück zum Oberhau und stellt die zweite große Bewegungskategorie des Blossfechtens dar.
Definition
Der Unterhau ist ein von unten nach oben geführter Hieb mit dem langen Schwert. Er kann sowohl mit der Langen als auch mit der Kurzen Schneide geschlagen werden, abhängig von der Ausgangsposition und dem Ziel. Die Bewegung beginnt in einer der unteren Huten — Alber, Nebenhut, Wechsel — und führt die Klinge in aufsteigender Bahn zum Ziel.
Der Unterhau ist in seiner Mechanik nicht einfach ein invertierter Oberhau. Während der Oberhau die Schwerkraft nutzt und beschleunigt wird, muss der Unterhau aktiv gegen die Schwerkraft beschleunigt werden. Dies erfordert eine andere biomechanische Ansteuerung: Der Schwung kommt primär aus Hüftrotation und Armstreckung, nicht aus der fallenden Bewegung der Klinge.
Unterhau zu den vier Blössen
Der Unterhau kann auf jede der Vier Blössen geführt werden:
- Obere Blössen (Kopf): Aszendenter Unterhau von unten durch die Mitte zum Kinn.
- Untere Blössen (Unterleib, Hüfte): Quer geführter Unterhau zur Bauch- oder Hüftregion.
- Flankierende Blössen (Arme): Unterhau von der Seite, der unter den Armen des Gegners hindurch in die Rippen zielt.
Der Unterhau ist besonders gefährlich, weil er unter der Deckung des Gegners hindurchkommt — die meisten Verteidigungen sind auf Oberhaue optimiert.
Meyer: Unterhau in den Rosen
Joachim MeyerLehre von den Rosen. Die Rosen sind bei Meyer keine separate Technik, sondern ein Muster des Hiebaustauschs, in dem Ober- und Unterhaue einander in fließender Folge abwechseln. Der Unterhau aus den Rosen dient nicht primär dem Treffen, sondern der Kontrolle des Raumes: Er zwingt den Gegner, aus seiner oberen Deckung herauszugehen und eine Blöße zu öffnen.
Meyers didaktischer Ansatz: Wer die Rosen beherrscht, versteht den Unterhau als gleichwertiges Werkzeug zum Oberhau — nicht als minderwertige Alternative.
In der Praxis
- Unterhau-Solo: Unterhaue von beiden Seiten gegen ein Ziel in Hüfthöhe. Fokus auf saubere Hüftrotation und vollständige Armstreckung.
- Oberhau-Unterhau-Wechsel: Partner A und B wechseln fließend zwischen Ober- und Unterhauen, mit dem Ziel, den Rhythmus der Rosen zu internalisieren.
- Unterhau durch die Deckung: Partner A hält eine obere Hut. B schlägt Unterhau zur unteren Blöße, während A versucht, die Deckung nach unten zu verlagern.
Quellen
- Hs. 3227a — Nürnberger Handschrift
- Cod. I.6.4°.3 — Ringeck
- Cod. 44.A.8 — Pseudo-Danzig
- Meyers Fechtbuch 1570 — Joachim Meyer
Sekundärliteratur
- Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Rev. ed. Wheaton 2015.
- Schmidt, Herbert: Schwertkampf: Der Kampf mit dem langen Schwert nach der Deutschen Schule. Wieland 2007.