Oberhau
Die fundamentale Bewegung des Blossfechtens

Liechtenauers Zettel
Der Zettel nennt keinen eigenen Vers zum Oberhau als Kategorie. Dennoch ist der Oberhau die Grundform der Bewegung, auf der die gesamte Lehre der Deutschen Fechtschule aufbaut. Die Fünf Meisterhaue — Zornhau, Krumphau, Zwerchau, Scheitelhau, Schielhau — sind sämtlich spezialisierte Formen des Oberhau.
Definition
Der Oberhau ist ein von oben nach unten geführter Hieb mit dem langen Schwert. Er wird mit der Langen Schneide geschlagen, ausgehend von einer der oberen Huten (Vom Tag, Ochs, Zornhut). Die Bewegungslinie verläuft vertikal oder diagonal von oben nach unten, wobei das Schwert in einer bogenförmigen Bahn zum Ziel geführt wird.
Der Oberhau ist eine Biomechanik der Ganzkörperbewegung: Er beginnt nicht im Arm, sondern in den Füssen und Hüften. Die kinetische Kette verläuft von Fuß über Hüfte und Rumpf zu Schulter und Arm und kulminiert im Handgelenk, das im Treffmoment die letzte Beschleunigung und Präzision liefert.
Die vier Oberhaue nach Meyer
Joachim Meyer systematisiert in seinem Fechtbuch (1570) die Oberhaue in vier Hauptformen:
- Zornhau: Der diagonale Oberhau von der rechten Schulter zur linken Hüfte (oder umgekehrt). Der kraftvollste und am häufigsten verwendete Hau.
- Mittelhau (Meyer): Der horizontale Hau auf mittlerer Höhe. Ideal für Schnitte gegen die Arme.
- Scheitelhau: Der vertikale Oberhau von oben nach unten, direkt durch die Mitte zum Kopf geführt. Ein Brecher von Huten wie Alber.
- Schielhau: Der schräge Oberhau, der mit einer Brechbewegung gegen Stichansätze geführt wird.
Mechanik und Körperbewegung
Ein korrekter Oberhau involviert den gesamten Körper:
- Fußarbeit: Der vordere Fuß macht einen Schritt (Pass oder Sprung), der hintere folgt nach.
- Hüfte: Die Hüfte initiiert die Rotation und treibt den Hieb an.
- Rumpf: Der Oberkörper bleibt aufrecht; kein Vorbeugen aus der Hüfte.
- Arme: Die Arme strecken sich im Verlauf des Hiebs; das Handgelenk schneidet im Treffmoment durch.
Ein häufiger Fehler ist das isolierte Schlagen aus dem Arm ohne Schritt — dies produziert kraftlose, ungedeckte Hiebe.
Training des Oberhau
- Solo-Training: Oberhaue gegen ein stehendes Ziel (Pell), mit Fokus auf korrekte Fußarbeit und Rumpfrotation. Mindestens 50 Wiederholungen pro Trainingseinheit.
- Oberhau mit Anbinden: Partner A schlägt Oberhau, Partner B bindet an. A fühlt den Druck und wählt die passende Folgeaktion (Duplieren, Schiessen, Mutieren).
- Tempodrill: Oberhaue in zunehmender Geschwindigkeit, ohne Verlust von Form und Deckung.
Quellen
- Hs. 3227a — Nürnberger Handschrift
- Cod. I.6.4°.3 — Ringeck
- Cod. 44.A.8 — Pseudo-Danzig
- Meyers Fechtbuch 1570 — Joachim Meyer
Sekundärliteratur
- Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Rev. ed. Wheaton 2015.
- Schmidt, Herbert: Schwertkampf: Der Kampf mit dem langen Schwert nach der Deutschen Schule. Wieland 2007.