Rossfechten — Techniken
Fechten vom Pferd: Speer, Schwert und die Mechanik der Höhe

Das Fechten vom Pferd aus folgt eigenen technischen Gesetzen, die sich fundamental vom Kampf zu Fuß unterscheiden. Die Höhendifferenz zwischen Reiter und Gegner, die Bewegung des Pferdes und die veränderte Biomechanik im Sattel erzeugen ein technisches Umfeld, das in den Quellen nur in Ansätzen schriftlich systematisiert ist.
Speer und Lanze
Die Primärtechnik zu Ross ist der Speerstoss mit eingelegter Lanze. Der Speer wird in der Armbeuge oder am Sattel eingelegt und mit der Wucht des Pferdes auf den Gegner gerichtet. Sigmund Ringeck beschreibt in seiner Rossfechten-Glosse (Ms. Dresden C 487), wie der Reiter die Lanze im vollen Galopp in eine der Vier Blössen des Gegners stösst — die Wucht kommt nicht aus der Armkraft, sondern aus der Vorwärtsbewegung des Pferdes, die der Reiter lediglich lenkt. Nach dem ersten Stoss wechselt der Reiter in den einhändigen Speer-Griff und stösst im Vorbeireiten ein zweites Mal — eine Technik, die präzises Timing und perfekte Sattelbalance erfordert.
Schwertkampf aus dem Sattel
Bricht die Lanze oder ist die Distanz für den Speer zu gering, greift der Rossfechter zum Langen Schwert. Der Schwertkampf zu Ross nutzt die erhöhte Position für verstärkte Oberhaue: Ein Oberhau vom Pferd aus gewinnt durch die Höhendifferenz erheblich an Wucht und zwingt den Gegner — sei er ebenfalls beritten oder zu Fuß — in eine tiefe Deckung. Jud Lew (Ms. germ. quart. 2020) empfiehlt, den Schwertangriff mit der Vorwärtsbewegung des Pferdes zu synchronisieren: Der Reiter spornt das Pferd an und schlägt im Moment der grössten Beschleunigung, sodass Bewegungsenergie und Hiebführung zusammenwirken.
Die Quellen betonen, dass das Schwert zu Ross anders geführt wird als zu Fuß. Die Sattelbalance erlaubt keine tiefen Ausfallschritte; stattdessen muss der Reiter die Hüfte im Sattel drehen, während die Beine den Pferdeleib umfassen und stabilisieren. Die Huten — die Ochs — werden im Sattel in verkürzter Form eingenommen, und die Deckung muss die grössere Angriffsfläche des Reiters sowie die Verwundbarkeit des Pferdes selbst berücksichtigen.
Ross und Reiter als Einheit
Das zentrale Prinzip aller Rossfechten-Techniken ist die Einheit von Ross und Reiter. Das Pferd ist nicht bloss Transportmittel, sondern integraler Bestandteil der Waffenwirkung. Ein Speerstoss ohne Pferdebewegung ist wirkungslos; ein Schwert-Oberhau ohne momentane Beschleunigung des Pferdes bleibt blass. Die schwierigste und zugleich mächtigste Technik ist das Zusammenspiel von Pferdebewegung, Waffenaktion und Distanzkontrolle — eine Fähigkeit, die in den Quellen als implizit vorausgesetzt, aber kaum explizit erklärt wird.
Die Glossen beschreiben zudem das Rossfechten gegen Fußkämpfer als wichtige taktische Variante. Der Danzig-Glossator (Cod. 44.A.8) gibt präzise Anweisungen, wie sich ein Fußsoldat gegen einen Reiter verteidigt: durch Stiche in die Pferdebrust, durch Hiebe gegen die Beine des Reiters und durch Ausweichen zur schwachen Seite des Pferdes.
Quellen
- Hs. 3227a (Nürnberger Kodex), fol. 80r–85v.
- Cod. 44.A.8 (Danzig), fol. 109r–117r.
- Ringeck, Ms. Dresden C 487, fol. 93r–97v.
Sekundärliteratur
- Hagedorn, Dierk (Hrsg.): Peter von Danzig. Herne 2008.
- Wiktenauer — Rossfechten.