Rossfechten — Moderne Praxis
Rossfechten in der heutigen HEMA-Szene — eine extreme Nischendisziplin

Das Rossfechten ist innerhalb der modernen HEMA-Bewegung die mit Abstand seltenste und anspruchsvollste Disziplin. Die Kombination zweier hochspezialisierter Fähigkeiten — historisches Fechten und historisches Reiten — stellt Hürden auf, die nur eine winzige Zahl von Praktizierenden weltweit überwindet.
Die erste und grösste Hürde ist das Pferd selbst. Ein für historisches Fechttraining geeignetes Pferd muss nicht nur ruhig und gut ausgebildet sein, sondern auch an die Geräusche und Bewegungen des Waffeneinsatzes gewöhnt werden. Das Klirren von Schwertern, das Knallen von Speerschäften und die plötzlichen, schnellen Bewegungen eines Fechtenden im Sattel sind für die meisten Schulpferde ungewohnt und potenziell beängstigend. Die Desensibilisierung eines Pferdes für diese Reize dauert Monate und erfordert erfahrene Pferdetrainer — eine Kombination aus Fechtmeister und Pferdeausbilder, die extrem selten ist.
Die zweite Hürde ist die Reitausbildung des Fechters. Wer Rossfechten betreiben will, muss nicht nur das historische technische Repertoire beherrschen, sondern auch grundlegende reiterliche Fähigkeiten: Sattelbalance, Schenkelhilfen, Zügelführung und die Fähigkeit, das Pferd in Stresssituationen ruhig zu kontrollieren. Die meisten HEMA-Praktizierenden haben keine Reitausbildung; die meisten Reiter haben keine Fechtausbildung. Die Schnittmenge ist verschwindend klein.
Dennoch gibt es Einzelinitiativen, vor allem in Skandinavien, Nordamerika und vereinzelt in Deutschland. Diese Gruppen arbeiten interdisziplinär: Reitlehrer und HEMA-Instruktoren entwickeln gemeinsam Trainingskonzepte, die historische Techniken mit moderner Pädagogik verbinden. Das Training beginnt typischerweise mit Trockenübungen am Boden (Holzpferd oder Bock), gefolgt von langsamen Bewegungen im Schritt und Trab. Erst nach Monaten wird im Galopp und mit Waffenkontakt gearbeitet.
Turniere und Wettkämpfe im Rossfechten existieren praktisch nicht. Die logistischen Hürden — Tierhaltung, Transport, Versicherung, Sicherheitsauflagen — sind zu hoch für ein spartenübergreifendes Wettkampfwesen. Stattdessen operiert die Szene in Form von Lehrgängen, Workshops und kleineren, auf Einladung basierenden Trainingsveranstaltungen, oft verbunden mit bestehenden Veranstaltungen des experimentellen Reitens oder der experimentellen Archäologie.
Trotz dieser Hürden wächst das Interesse am Rossfechten langsam, getrieben von dem Reiz der Einzigartigkeit: Es ist die einzige HEMA-Disziplin, die den Kämpfer in direkten, lebendigen Kontakt mit der vielleicht wichtigsten Komponente mittelalterlicher Kriegführung bringt — dem Pferd.
Sekundärliteratur
- Wiktenauer — Rossfechten.