Rossfechten — Das Pferd
Das Pferd als Waffe, Rüstungsträger und Kampfpartner im Rossfechten

Das Pferd ist im Rossfechten — Überblick nicht blosses Reittier, sondern aktiver Teilnehmer des Kampfes. Die Quellen behandeln das Pferd als Waffe, als Rüstungsträger und als taktischen Faktor, dessen Ausbildung und Ausrüstung über Sieg oder Niederlage entscheiden können. Die Integration des Pferdes in die Kampflogik ist das entscheidende Alleinstellungsmerkmal des Rossfechtens gegenüber allen anderen Disziplinen der Deutschen Fechtschule.
Ein für das Rossfechten ausgebildetes Pferd — in den Quellen als “Streitross” oder “Kriegspferd” bezeichnet — musste mehr leisten als ein gewöhnliches Reitpferd. Es musste den Knall und das Klirren von Waffen in unmittelbarer Nähe tolerieren, auf engstem Raum wenden, auf Schenkeldruck in Sekundenbruchteilen reagieren und sich gegen ein anderes Pferd stemmen, ohne zu scheuen. Die Ausbildung eines solchen Pferdes dauerte Jahre und war extrem kostspielig — ein Grund, warum Rossfechten eine aristokratische Kampfform blieb.
Das Pferd als Waffe selbst wird in den Quellen vor allem in der sogenannten “Niedertrampeln”-Technik angedeutet. Wenn ein Gegner zu Fuß vor dem Reiter steht, kann das Pferd durch gezieltes Vorwärtsdrängen den Fußsoldaten überrennen und niederstampfen. Hans Talhoffer zeigt solche Szenen in seinen Rossfechten-Tafeln: Ein Reiter drängt sein Pferd gegen einen am Boden liegenden Gegner, während das Pferd mit den Vorderhufen ausholt. Diese Technik ist in den Glossen selten explizit genannt, wird aber in den Illustrationen implizit vermittelt.
Der Rossharnisch — die Rüstung des Pferdes — ist ein eigener, hochspezialisierter Ausrüstungsgegenstand. Er bestand aus einer Kombination von Platten, Kettengeflecht und textilen Panzerungen, die Brust, Hals und Kopf des Pferdes schützten. Ein voll geharnischtes Streitross war nahezu unverwundbar gegen Hiebe und Stiche, allerdings schwerer und weniger beweglich als ein ungepanzertes Pferd. Die Entscheidung für oder gegen einen Rossharnisch war eine taktische: Volle Panzerung bot maximalen Schutz, reduzierte aber die Bewegungsfähigkeit und ermüdete das Pferd schneller.
Historisch war das Rossfechten eng mit dem ritterlichen Selbstverständnis verknüpft. Der Ritter definierte sich über das Pferd — das Wort “Ritter” selbst leitet sich von “Reiter” ab. Das Rossfechten war nicht nur eine Kampftechnik, sondern ein soziales Distinktionsmerkmal, das den adligen Krieger vom bürgerlichen oder bäuerlichen Fußkämpfer unterschied. Der Niedergang des Rossfechtens im 16. Jahrhundert fällt nicht zufällig mit dem Aufstieg der Infanterie (Landsknechte, Pikeniere) und dem Ende der ritterlichen Dominanz auf dem Schlachtfeld zusammen.
Sekundärliteratur
- Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Frankfurt a. M. 1985.
- Wiktenauer — Rossfechten.