Deutsche Fechtschule

Die Kunst des Fechtens im deutschen Sprachraum

konzeptgrundlagenLiechtenauer

»Jung Ritter lere / got liep haben / frawen io ere / So wechst dein ere / Übe ritterschaft und lere / kunst die dich zyret / vnd in kriegen sere hofieret.« — Johannes Liechtenauer, überliefert in Hs. 3227a

Definition

Die Deutsche Fechtschule bezeichnet die im deutschsprachigen Raum zwischen dem 14. und späten 16. Jahrhundert entwickelte, verschriftlichte und über Generationen tradierte Kampfkunst des ritterlichen Fechtens. Sie firmiert in den Quellen als Kunst des Fechtens (KdF) und unterscheidet sich grundlegend von der Italienischen Fechtschule, die durch Meister wie Fiore dei Liberi oder Filippo Vadi vertreten wird, sowie von der englischen Tradition, wie sie im Manuskript MS Harley 3542 fragmentarisch überliefert ist. Während die italienischen Quellen häufig ganzseitige Illustrationen mit knappen Begleittexten bevorzugen und sich stärker auf das Konzept der Gioco Largo und Gioco Stretto stützen, zeichnet sich die deutsche Tradition durch ihre systematische Glossierung eines kryptischen Merkverskorpus — dem Zettel Liechtenauers — und die Entwicklung spezifischer Konzepte wie Vor Nach Indes oder der Fünf verborgenen Haue aus.

Historischer Kontext

Die Blütezeit der Deutschen Fechtschule fällt in das Spätmittelalter und die Renaissance (ca. 1350–1600). In den aufstrebenden Städten des Heiligen Römischen Reiches organisierten sich Fechter in Gesellschaften. Die bedeutendsten waren die Marxbrüder (Bruderschaft Unserer Lieben Frau und St. Marxen), die 1487 von Kaiser Friedrich III. das kaiserliche Privileg erhielten und damit das Monopol auf die Ausbildung von Fechtmeistern innehatten, sowie die Federfechter (Freifechter von der Feder), die ab dem 16. Jahrhundert als Konkurrenz auftraten. Letztere sind eng mit der späteren Entwicklung der barocken Fechtkunst und dem Übergang zum reinen Stoßfechten verbunden. Das Fechten war in dieser Zeit nicht nur militärische Notwendigkeit, sondern auch standesgemäße Übung des Adels und der patrizischen Oberschicht, wie Turnierordnungen und zeitgenössische Berichte belegen. Die Existenz von Fechtschulen der Renaissance, öffentlichen Schauvorführungen, zeigt die gesellschaftliche Verankerung dieser Kunst.

Teildisziplinen

Die Kunst des Fechtens umfasst nach Liechtenauerschem Verständnis vier Hauptdisziplinen, die in den Quellen meist in dieser Reihenfolge behandelt werden:

  1. Deutsche Fechtschule — Das Fechten ohne Rüstung mit dem Langen Schwert. Der mit Abstand umfangreichste Teil und das erklärte Kernstück der Lehre, in dem sich die gesamte taktische Philosophie des Systems entfaltet: das Ringen um Vor, die Arbeit mit Stark und Schwach, das Winden am Schwert und der Einsatz der Meisterhaue.

  2. Harnischfechten — Überblick — Der Kampf in voller Plattenrüstung (Harnisch). Hier wird das Schwert im Halbschwert geführt, ergänzt durch Ringtechniken, Mordstreiche und den Einsatz des Dolches. Das Harnischfechten folgt eigenen Prinzipien, da die Vier Blössen durch die Rüstung geschützt sind und andere Öffnungen angegriffen werden müssen.

  3. Rossfechten — Überblick — Der Kampf zu Pferd, teils im Sattel, teils mit abgesessenen Techniken. Die Rossfechten-Glosse ist fragmentarischer überliefert als das Blossfechten, zeigt aber ein eigenständiges System.

  4. Ringen — Überblick — Der waffenlose Kampf, sowohl als eigenständige Disziplin als auch integriert in das bewaffnete Fechten (Durchlaufen). Die Ringen-Tradition nach Liechtenauer findet bei Fabian von Auerswald ihre bedeutendste Ausformung.

Die Waffen

Das Kernwaffensystem der Deutschen Fechtschule ist das Lange Schwert, eine zweihändig geführte Waffe mit etwa 120–135 cm Gesamtlänge und einer Klinge von ca. 90–100 cm. Daneben behandeln die Quellen:

Die Linie der Meister

Die Traditionslinie der Deutschen Fechtschule ist durch eine bemerkenswerte Kontinuität von rund 250 Jahren geprägt:

Quellenlage und Überlieferung

→ Siehe Hauptartikel: Quellenkunde

Fechtbücher (Fechtbuch = fechtbuoch in den Quellen), die erst mit Meyer 1570 und späteren Drucken (Andre Paurnfeindt 1516, Johannes Lecküchner um 1530) in gedruckte Fassungen übergehen. Insgesamt sind über 40 deutschsprachige Fechthandschriften erhalten, die der Liechtenauer-Tradition zugeordnet werden können. Ein bedeutender Teil der Manuskripte ist verschollen — Paulus Kal etwa zitiert aus Quellen, die uns heute nicht mehr vorliegen.

Einfluss auf die moderne HEMA-Bewegung

Die Wiederentdeckung der Liechtenauerschen Quellen seit den 1990er Jahren — maßgeblich vorangetrieben durch Forscher und Praktiker wie Hans-Peter Hils (†), Christian Henry Tobler, Jeffrey L. Forgeng und Dierk Hagedorn — hat die moderne HEMA-Bewegung entscheidend geprägt. Vor Nach Indes ist längst über die Grenzen der Deutschen Fechtschule hinaus zum Grundvokabular des modernen Fechtdiskurses geworden. Die Deutsche Fechtschule stellt heute, neben der Italienischen Schule, das am intensivsten praktizierte und beforschte System innerhalb der internationalen HEMA-Szene dar.

Quellen

  • Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Lang, Frankfurt a. M. 1985.
  • Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. An Anthology of Medieval German Fighting Arts. Freelance Academy Press, 2010.
  • Welle, Rainer: »… und wisse das alle höbischeit kompt von deme ringen«. Der Ringkampf als adelige Kunst im 15. und 16. Jahrhundert. Pfaffenweiler 1993.
  • Wiktenauer — Umfassendes digitales Quellennetzwerk zur Deutschen Fechtschule.
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