Das 19. Jahrhundert — Wiederbelebungsversuche
Hergsell, Guts Muths, Jahn und die erste akademische Fechtbuchforschung

Die Zeit des Vergessens
Nach dem Abbruch der lebendigen Langschwert-Tradition im 17. Jahrhundert gerieten die deutschen Fechthandschriften für fast zwei Jahrhunderte in Vergessenheit. Die Manuskripte lagen unbeachtet in fürstlichen und städtischen Bibliotheken, katalogisiert als Kuriosa, gelesen von niemandem. Das Fechten selbst entwickelte sich zum modernen Sport, der mit der historischen Deutschen Fechtschule nur noch den Namen teilte.
Im 19. Jahrhundert begann eine erste, zögerliche Wiederentdeckung. Drei Entwicklungen trugen dazu bei: die philologische Erschließung mittelalterlicher Handschriften durch die historisch-kritische Germanistik, die Nationalisierung der Körperkultur im Zuge der napoleonischen Kriege und die allgemeine Hinwendung des Historismus zu »altdeutschen« Kulturformen.
Guts Muths und die philanthropische Gymnastik
Johann Christoph Friedrich Guts Muths (1759–1839), Pädagoge an der Philanthropin-Schule in Schnepfenthal, war einer der Begründer der deutschen Turnerbewegung und der systematischen Leibeserziehung. In seinem einflussreichen Werk Gymnastik für die Jugend (1793) widmete er ein Kapitel dem historischen Fechten und zitierte erstmals seit Generationen Passagen aus frühneuzeitlichen Quellen. Guts Muths’ Interesse war pädagogisch, nicht quellenkritisch — er suchte nach Belegen für eine »nationale« deutsche Körperkultur, die er gegen die seinerzeit dominierende französische Fechtmode in Stellung zu bringen hoffte.
Jahn und die Turnbewegung
Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852), der »Turnvater«, gründete 1811 den ersten öffentlichen Turnplatz in der Berliner Hasenheide und etablierte eine Körperkultur, die — obschon sie zeitgenössische Übungen praktizierte — sich rhetorisch auf eine imaginierte altdeutsche Tradition berief. Jahns deutschnationale Turnbewegung benutzte die historische Fechtkunst als ideologische Reflationsfolie, ohne sie tatsächlich zu praktizieren oder aus den Quellen zu rekonstruieren. Die politisierte Aneignung des Fechtens als »deutsche« Disziplin langfristig die wissenschaftliche Beschäftigung jedoch erheblich.
Hergsell und die akademische Forschung
Der böhmisch-österreichische Fechtmeister und Kunsthistoriker Gustav Hergsell (1847–1920) war der erste, der Fechthandschriften einer systematischen quellenkritischen Analyse unterzog. Hergsell edierte und kommentierte mehrere Talhoffer-Handschriften und publizierte Studien zur Fechtgeschichte, die bis weit ins 20. Jahrhundert referenziert wurden. Seine Editionen — wenngleich nach modernen Standards methodisch unzureichend — waren die ersten modernen Textausgaben mittelalterlicher Fechtbücher und legten die Grundlage für die spätere wissenschaftliche Erschließung.
Hergsell edierte unter anderem den Cod. icon. 394a (Talhoffer 1467) und den Cod. I.6.2.5 (Talhoffer 1459) und leistete damit Pionierarbeit, deren Wert von der späteren Forschung anerkannt wurde, auch wenn seine Transkriptionen heute nicht mehr als zuverlässig gelten.
Die Wirkung der Pioniere
Guts Muths, Jahn und Hergsell markieren drei unterschiedliche Zugänge zu den historischen Quellen, deren Spannungsfeld die spätere HEMA-Diskussion vorwegnahm: die pädagogisch-praktische Aneignung (Guts Muths), die ideologisch-politische Vereinnahmung (Jahn) und die quellenkritisch-akademische Erschließung (Hergsell). Keiner dieser Ansätze führte zu einer tatsächlichen Rekonstruktion der Liechtenauerschen Fechtkunst — diese Leistung blieb dem 20. Jahrhundert vorbehalten —, aber sie schufen die mentalen und bibliographischen Voraussetzungen dafür, dass die Wiederentdeckung möglich wurde.
Quellen
- Guts Muths, Johann Christoph Friedrich: Gymnastik für die Jugend. Schnepfenthal, 1793.
- Hergsell, Gustav: Edition der Talhoffer-Handschriften, Prag, 1887–1901.
- Anglo, Sydney: The Martial Arts of Renaissance Europe. Yale University Press, 2000.