Quellenkunde
Handschriften und Drucke der Deutschen Fechtschule

“Vnd mercket vnd wist, das man den text des zetels nicht also eigentlich vor al den lewten sol offenwaren, Sunder man sal en vordecken vnd vorbergen, als hir noch geschrebin stehit.” — Hs. 3227a, zur Hermeneutik des Fechtbuchs
Überblick über die Handschriften-Tradition
Die Deutsche Fechtschule ist uns durch eine außergewöhnlich reiche und vielfältige Quellenüberlieferung zugänglich. Über 40 Handschriften und mehrere Drucke aus dem Zeitraum von 1389 bis etwa 1600 dokumentieren die Kunst Johannes Liechtenauers und ihrer Nachfolger. Keine andere europäische Fechttradition weist eine ähnliche Dichte und Kontinuität der Verschriftlichung auf. Die Quellen lassen sich grob in drei Kategorien gliedern: (1) Frühe Glossenhandschriften, die Liechtenauers Merkverse kommentieren; (2) Illustrierte Fechtbücher, die das System in Bild und Kurztext präsentieren; (3) Gedruckte Fechtlehren des 16. und frühen 17. Jahrhunderts, die das Material systematisieren und für ein breiteres Publikum aufbereiten.
Ein zentrales methodisches Problem der Quellenkunde ist die Frage, was ein Fechtbuch eigentlich darstellt. Die erhaltenen Handschriften sind — mit Ausnahme von Meyers Gründlicher Beschreibung (1570) — keine Lehrbücher im modernen Sinne, also keine didaktisch aufbereiteten Einführungen für Anfänger. Sie sind vielmehr Gedächtnisstützen für den bereits ausgebildeten Fechter, Kompendien des Wissens eines Meisters oder einer Schule, und dienten der Legitimation gegenüber Auftraggebern oder der Fechtgesellschaften. Der kryptische Charakter des Zettels ist kein Versehen, sondern didaktisches Prinzip.
Die wichtigsten Handschriften
Hs. 3227a — Die Nürnberger Handschrift (um 1389/1420)
Die älteste erhaltene Handschrift der Liechtenauer-Tradition. Aufbewahrt im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg. Enthält als Kernstück den Zettel Liechtenauers, gefolgt von umfangreichen Glossen, die traditionell Pseudo-Hans Döbringer zugeschrieben werden. Die neuere Forschung datiert den ersten Teil auf um 1389, die Glossen auf um 1420 — die früheste Bezugnahme auf Liechtenauer überhaupt. Inhaltlich bietet die Handschrift neben dem Deutsche Fechtschule auch Abschnitte zum Ringen — Überblick, Rossfechten — Überblick und Harnischfechten — Überblick sowie alchemistische Rezepte. Der ausführliche Prolog ist forschungsgeschichtlich von immensem Wert, da er die einzige Quelle darstellt, die Angaben zu Liechtenauers Reisen und zur Entstehungsgeschichte des Zettels macht. Die Handschrift wurde von Christian Henry Tobler ins Englische übersetzt (2010).
Cod. I.6.4°.3 — Ringeck (um 1440)
Signatur der Universitätsbibliothek Augsburg. Die Handschrift wird Sigmund Ringeck zugeschrieben, einem Fechtmeister im Dienste Herzog Albrechts III. von Bayern-München. Sie enthält Glossen zu Liechtenauers Blossfechten und Harnischfechten, die zu den detailliertesten und klarsten Kommentaren des Zettels zählen. Ringecks Glossen gelten vielen modernen Praktizierenden als die verlässlichste Primärquelle für die Rekonstruktion des Liechtenauerschen Systems. Die Edition von Jeffrey L. Forgeng (2014) bietet eine kritische Transkription und Übersetzung.
Cod. 44.A.8 — Pseudo-Peter von Danzig (1452)
Aufbewahrt in der Biblioteca dell’Accademia Nazionale dei Lincei e Corsiniana in Rom. Die älteste datierte Handschrift der Liechtenauer-Tradition (geschrieben 1452 von Hans von Speyer in Köln). Sie wird traditionell Peter von Danzig zugeschrieben, jedoch ist diese Attribution forschungsgeschichtlich umstritten — daher die Bezeichnung “Pseudo-Danzig”. Die Glossen sind besonders ausführlich und haben aufgrund der frühen und genauen Datierung hohen forschungsgeschichtlichen Wert. Dierk Hagedorn hat eine umfassende Edition vorgelegt (2009, VS-Books).
Ms. germ. quart. 2020 — Lew (spätes 15. Jh.)
Aufbewahrt in der Staatsbibliothek zu Berlin. Enthält die Glossen des Jud Lew, eines jüdischen Fechtmeisters, der im späten 15. Jahrhundert wirkte. Lew bringt eigene Schwerpunkte in die Tradition ein und ergänzt das Material um Techniken, die in den früheren Glossen nicht vorkommen. Seine Glosse zum Deutsche Fechtschule zeigt eine bemerkenswerte Eigenständigkeit in der Interpretation Liechtenauers.
Talhoffers Fechtbücher (1443–1467)
Hans Talhoffer, ein schwäbischer Fechtmeister, hinterließ mindestens vier reich illustrierte Fechthandschriften (darunter Thott 290 2° von 1459 und Cod. icon. 394a von 1467). Talhoffers Bedeutung liegt weniger in textlichen Glossen als in den detaillierten, teils farbigen Federzeichnungen, die einen lebendigen Eindruck der spätmittelalterlichen Fechtpraxis vermitteln. Er behandelt neben dem Langen Schwert auch Messer (Fechten), Dolch, Ringen — Überblick, Harnischfechten — Überblick und Rossfechten — Überblick und ergänzt seine Darstellung um Kampfgerichte (gerichtliche Zweikämpfe) und Belagerungsszenen.
Cgm 1507 — Paulus Kal (um 1470)
Aufbewahrt in der Bayerischen Staatsbibliothek München. Paulus Kal, Fechtmeister am Hof Ludwigs des Reichen von Bayern-Landshut, kompilierte dieses Fechtbuch um 1470. Kal führt Liechtenauer in einer Liste von 17 Meistern auf, die er als Quellen seiner Kunst angibt. Diese Liste ist ein Schlüsseldokument für die Rekonstruktion der Traditionslinie, da sie Meister nennt, deren eigene Schriften verloren sind (etwa Hans von Speyer). Cgm 1507 ist das vollständigste illustrierte Fechtbuch aus dem Umfeld der Liechtenauer-Tradition und enthält auch Abschnitte zum Messer (Fechten) und Dolch.
Ms. KK5012 — Peter Falkner (um 1495)
Aufbewahrt in der Österreichischen Nationalbibliothek Wien. Peter Falkners Fechtbuch ist das späteste der großen illustrierten Manuskripte des 15. Jahrhunderts und zeichnet sich durch eine besonders kunstvolle Ausführung der Illustrationen aus. Es folgt dem Aufbau der Kalschen Tradition, bringt aber eigene Akzente.
Meyers Fechtbuch 1570 — Joachim Meyer
→ Siehe Hauptartikel: Joachim Meyer
Joachim Meyers Gründtliche Beschreibung der freyen Ritterlichen unnd Adelichen kunst des Fechtens (1570, Straßburg) ist das erste gedruckte Fechtbuch der Liechtenauer-Tradition und markiert einen Wendepunkt: Der Übergang vom handschriftlichen zum gedruckten Medium, von der esoterischen zur öffentlichen Lehre. Meyer behandelt Langes Schwert, Dussack, Rappier, Dolch und Stangenwaffen in einer systematischen, pädagogisch durchdachten Form, die den veränderten Bedürfnissen des 16. Jahrhunderts Rechnung trägt.
Paulus Hector Mair (16. Jh.)
Mair, ein Augsburger Patrizier, kompilierte in den 1540er Jahren monumentale Fechtbücher (u. A. Cod. icon. 394a, Cgm 3711, Cgm 3711), die das gesamte verfügbare Wissen seiner Zeit in Wort und Bild zusammenführen. Seine Kompilationen sind die umfangreichsten Quellenwerke der gesamten europäischen Fechtliteratur, wenngleich Mairs historische Einordnung durch seine Verurteilung wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder (Hinrichtung 1579) und die fragliche Eigenständigkeit seiner Kompilationen differenziert zu betrachten ist.
Die Beziehung zwischen Handschriften und Druckfassungen
Der Übergang von der Handschrift zum Druck ab dem frühen 16. Jahrhundert (Andre Paurnfeindt 1516, Meyer 1570, Meyers Handschrift 1560 als Vorstufe) veränderte den Charakter der Überlieferung grundlegend. Während Handschriften Unikate waren, die für einen einzelnen Auftraggeber oder eine Bibliothek angefertigt wurden und einer kontrollierten Rezeption unterlagen, machte der Druck die Fechtkunst einem breiteren Publikum zugänglich. Dieser Demokratisierungsprozess ging einher mit einer pädagogischen Aufbereitung des Materials, die den kryptischen Charakter des Zettels zunehmend aufgab.
Forschungsstand
Die wissenschaftliche Erschließung der Liechtenauer-Quellen begann mit Martin Wierschins Edition (1965) und Hans-Peter Hils’ grundlegender Studie (1985). In den letzten zwei Jahrzehnten hat die Forschung erhebliche Fortschritte gemacht. Als verlässliche Editionen gelten heute insbesondere:
- Hagedorn, Dierk: Peter von Danzig. Transkription und Übersetzung der Handschrift 44.A.8. VS-Books, 2009.
- Forgeng, Jeffrey L.: Sigmund Ringecks Turnierbuch. VS-Books, 2014.
- Tobler, Christian Henry: Captain of the Guild. Master Peter Falkner’s Art of Knightly Defense. Freelance Academy Press, 2011.
Das digitale Quellennetzwerk Wiktenauer hat sich als zentrale Forschungsressource etabliert und bietet zu nahezu allen relevanten Handschriften diplomatische Transkriptionen, moderne Übersetzungen und weiterführende Literatur.
Quellen
- Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Lang, 1985.
- Wierschin, Martin: Meister Johann Liechtenauers Kunst des Fechtens. C. H. Beck, 1965.
- Wiktenauer: Liechtenauer Tradition