Liechtenauers Merkverse
Der vollständige Zettel Johannes Liechtenauers

Einleitung: Was ist der Zettel?
Der Zettel (fnhd. zedel, zedele = Blatt, Schriftstück) ist das Herzstück der Lehre Johannes Liechtenauers. Es handelt sich um ein didaktisches Gedicht in gereimten, oft kryptischen Merkversen, das als mnemotechnisches Gerüst für den Fechtunterricht diente — nicht als vollständiges Lehrbuch, sondern als komprimierte Essenz, die der Meister seinen Schülern mündlich erläuterte. Der Zettel deckt das Blossfechten zu Fuß mit dem langen Schwert ab und enthält auch Grundlagen des Ringens.
Der Zettel ist in nahezu allen erhaltenen Handschriften der Liechtenauer-Tradition überliefert, was seine zentrale Bedeutung belegt. Die früheste erhaltene Fassung findet sich in der Hs. 3227a (um 1400), die umfangreichste Glossierung liefern Ringeck, Pseudo-Danzig (Cod. 44.A.8) und Jud Lew.
Charakteristisch für die Sprache des Zettels ist ihre absichtliche Dunkelheit (“mit verborgenen worten”): Die Verse sind so formuliert, dass sie ohne mündliche Erläuterung des Meisters kaum vollständig verstanden werden können. Dies sicherte die Kontrolle über die Vermittlung des Wissens und verhinderte, dass unberufene Leser die Kunst ohne Unterweisung erlernen konnten.
Der vollständige gereimte Merkvers-Text
Die folgende Rekonstruktion orientiert sich an der am weitesten akzeptierten Lesart, wie sie sich aus dem Abgleich der Handschriften von Ringeck (Cod. I.6.4°.3), Pseudo-Danzig (Cod. 44.A.8) und Lew (Ms. germ. quart. 2020) ergibt, ergänzt durch Lesarten aus Hs. 3227a und Falkner.
Einleitung
Jung Ritter lere got liep haben / frawen io ere So wechst dein ere Übe ritterschaft und lere kunst die dich zyret vnd in kriegen sere hofieret
Übertragung: Junger Ritter, lerne Gott lieb zu haben und Frauen zu ehren. So wächst deine Ehre. Übe Ritterschaft und lerne Kunst, die dich ziert und im Kampfe sehr hofiert (auszeichnet).
Die Einleitung verortet die Fechtkunst im ritterlichen Wertekanon: Gottesfurcht, Frauendienst und das Streben nach êre (Ehre) sind die Grundlagen, auf denen die technische Unterweisung aufbaut. Dies ist kein schmückendes Beiwerk, sondern integraler Bestandteil des ständischen Selbstverständnisses, in dem Kampfkunst und Tugendadel untrennbar verbunden sind.
Allgemeine Lehre
Höre was da schlecht ist fechten mit dem langen swert nichts anders ist dann vor vnd nach wa dein stercke Der wegen so bedencke
Haw stich sneit drücken lossen stoßen schütten
Der erste Merksatz enthält bereits die gesamte Quintessenz des Liechtenauer’schen Systems: Alles Fechten mit dem langen Schwert beruht auf Vor und Nach. Dieses fundamentale Prinzip wird in Vor Nach Indes detailliert behandelt. Die zweite Zeile listet die zentralen Aktionstypen auf, die das Handwerk des Fechters ausmachen: Hauen, Stechen, Schneiden, Drücken, Lassen (Nachlassen des Drucks), Stoßen, Schütten — wobei die genaue Bedeutung einzelner Termini (insbesondere „schütten") in der Forschung umstritten ist.
Die fünf Haue
Fünff hawe lere von der rechten hand weer wer die entrichtet der wirt von meistern gelobt
Eine zentrale Lehre Liechtenauers: Die fünf verborgenen Haue (fünff hawe). Die Einschränkung “von der rechten hand weer” bedeutet nicht, dass ausschließlich rechts gefochten wird, sondern dass die fünf Haue als Kernvokabular den Ausgangspunkt bilden, von dem aus alle weiteren Aktionen entwickelt werden. Wer sie entrichtet (richtig ausführt), wird von den Meistern gelobt.
Zornhaw wer dir obern Zornhaw ort dem drewet sere
Der Zornhau — von oben geschlagen, mit der Ort-Drohung als Eröffnung. Die einleitende Zeile wurde unterschiedlich glossiert: Die einen betonen den Hau selbst (Ringeck: “der zornhaw ist ein ernsthaw” von der rechten Schulter), andere die Konteraktion gegen einen obern Hau.
Krump auff behende wirff den ort vff die hende
Krump wer wol versetzt mit schreitten vil hew verletzt
Der Krumphau — behend von oben mit dem Ort auf die Hände geworfen, und derjenige, der den Krumphau gut versetzt (als Verteidiger pariert), verletzt mit Schritten viele Haue. Die Glossen unterscheiden ein Ansetzen auf die Hände und ein Versetzen.
Der Twer dauor was von ym kumpt der kron schneidt ab so hurtigklich hinden noch dem Snit wart zwifach schad den armen springen
Der Zwerchau — der Twer (Querhau), was von ihm kommt, schneidet die Kron (eigentlich: was ihm entgegenkommt, wird abgeschnitten) so hurtiglich. Der Schnitt im Hindern (hinter dem Schwert) — zwifach schad den armen springen: eine doppelte Bedrohung für die Arme des Gegners (“mit springen”). Die komplexe Syntax dieses Verses hat zu verschiedenen Interpretationen geführt.
Schiller im antlitz bricht mit gewalt was die weisen bringen der kriege ist ime entwerch zu dem ortt nym war ob er versetzt nympt
Der Schielhau — zum Antlitz geschlagen, bricht mit Gewalt, was die Weisen (oder: die Waisen; möglicherweise ein terminus technicus für eine bestimmte Hiebart) bringen. Der kriege (das Winden/Kämpfen) ist ihm entwerch (quer) zum Ort. Man achte genau darauf, ob der Gegner den Hau versetzt nimmt.
Scheyttler ist dem antlitz gefer mit seynem lauff kurcz macht er die wehr do mit krump al schnyt ist er wer / vnd ist der haw im entwerch zu dem pflugk mit geschicklichkeit hew dar die meister sint sein geste
Der Scheitelhau — dem Antlitz gefährlich mit seinem Lauf. Kurz macht er die Wehr (die Abwehr des Gegners ist kurz/gering). Damit ist krump al schnyt (Krumm-Abschnitt? Quer-Schnitt?) — eine schwierige Stelle, die unterschiedlich gelesen wird. Der Hau geht entwerch (quer) zum Pflug, mit Geschicklichkeit schlage zu: die Meister sind seine Gäste (d.h. Meister werden von diesem Hau überrascht).
Die vier Leger
Vier leger alleyne do von halt / vnd fleuch die gemeyne Ochß / pflug / alber / vom tag nicht sey dir vnmer
Vier Leger (Huten) allein halte und meide die gemeinen (die gewöhnlichen, nicht lehrgemäßen). Ochs, Pflug, Alber, Vom Tag — diese vier seien dir nicht unlieb/verächtlich.
Hüte dich vor schedlichen plicken alle vnuorstendig hauwen mit blossen worten schlahen vnd mit ringen krieg
Hüte dich vor schädlichen Blicken, vor unverständigen Hieben mit bloßen Worten (Prahlen), vor bloßem Draufschlagen, und kämpfe (kriege = streng dich an) mit Ringen.
Die vier Versetzen
Vier sind versetzen die die leger sere letzen Vorsetz dich treffen lere dich kunst mercken
Vier sind die Versetzen (Brechungen/Abweisen), die die Leger sehr verletzen/stören. “Vorsetz dich treffen / lere dich kunst mercken” — eine doppelte Aufforderung: Setze dich (dem Gegner) vor und triff, und lerne Kunst zu merken (zu erkennen). Die genaue Identifikation der vier Versetzen variiert zwischen den Glossen.
Nachreisen (zweierlei)
Zwey sind nachreisen treffen zwifach den feinden Vnd sneid den wechssel mit zweyen zu den armen nyeder
Zweierlei Nachreisen treffen den Feind doppelt. Und schneide den Wechsel mit Zweien (zweifach? mit zwei Aktionen?) nieder zu den Armen. Das Nachreisen ist eine zentrale taktische Aktion: dem Gegner nachgehen, wenn er sich zurückzieht oder eine Aktion abbricht, um ihn zu treffen.
Sprechfenster / Fühlen
Sprechfenster mache stee freylich besich sein sachen slach das er schnappe wer sich vor dir zeuhet abe Do höret zw dem ringen auch vnder weisung
Mache ein Sprechfenster — stehe frei und betrachte seine Sachen (Lage). Schlag, dass er schnappe (schnappt/zuckt), (gegen den,) der sich vor dir zurückzieht. Hierzu gehört auch die Unterweisung zum Ringen.
Das Sprechfenster ist eine zentrale taktische Position, aus der man den Gegner sondiert, bevor man handelt. Es ist eng mit dem Konzept des Fühlens und mit Indes verbunden. Siehe hierzu Sprechfenster und Fühlen.
Hängen / Winden / Absetzen
Von paiden henden haw ab vnd wind mit enden
Von beiden Händen haue ab (aus den Hängen) und winde mit Enden (mit Abschlüssen). Das Winden ist das zentrale taktische Prinzip im gebundenen Schwert. Es wird in Winden am Schwert ausführlich behandelt, ebenso wie das damit verknüpfte Prinzip von Stark und Schwach.
Abschluss
Das da wol windet vnd hengen wol dar vnder winden ficht zufechten das wolget
Was dw wild treiben beyd geleich lere mit dem knopfe vnter augen was gerad ist vechten wiltu reiben
Der do oberlauffen wirt scham dich des krüppel leicht lere mit hörtern slegen keynen winden mag
Die drei abschließenden Strophen fassen Schlüsselprinzipien zusammen:
- Winden und Hängen: Wer wohl windet und die Hängen beherrscht, der ficht im Winden und kommt erfolgreich zum (Zu-)Fechten.
- Praktische Anwendung: Was du treiben willst, lerne beidseitig gleich. Mit dem Knopf (Knauf) unter die Augen — alles, was gerade ist, sollst du reiben (brechen/stören), wenn du richtig fechten willst.
- Überlaufen: Wer sich überlaufen lässt (vom Gegner übertroffen wird), der soll sich schämen. Einen Krüppel kann man mit harten Schlägen leicht lehren (im Sinne von: einen schwachen Gegner dominiert man), aber winden kann man gegen einen solchen nicht (weil es am gebundenen Schwert fehlt).
Die Struktur des Zettels — zusammenfassende Übersicht
Die Merkverse lassen sich in folgende thematische Abschnitte gliedern:
| Abschnitt | Umfang | Kernthemen |
|---|---|---|
| Einleitung | 6 Verse | Ritterliche Tugendlehre, Legitimation |
| Allgemeine Lehre | 8 Verse | Vor & Nach, Stark & Schwach, Indes, Aktionsarten |
| Die fünf Haue | ~55 Verse | Zornhau, Krumphau, Zwerchau, Schielhau, Scheitelhau |
| Vier Leger | 5 Verse | Ochs, Pflug, Alber, Vom Tag |
| Vier Versetzen | 4 Verse | Brechungen der Leger |
| Nachreisen | 5 Verse | Zweierlei Nachreisen |
| Sprechfenster | ~8 Verse | Taktische Sondierung, Ringen-Überleitung |
| Hängen/Winden/Absetzen | ~7 Verse | Winden am Schwert, Absetzen |
| Abschluss | 14 Verse | Synthese, Überlaufen, Praktische Ratschläge |
Die genaue Abgrenzung einzelner Abschnitte ist in der Forschung nicht unumstritten, insbesondere bei den Übergängen zwischen den fünf Hauen und den angrenzenden Stücken. Die Glossatoren behandeln die Verse in unterschiedlicher Reihenfolge und mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen.
Die Rolle des Zettels im Fechtunterricht
Der Zettel diente im mittelalterlichen Fechtunterricht als mnemotechnisches Gerüst (memoriale). Der Schüler lernte die Verse auswendig, und der Meister erläuterte sie im praktischen Unterricht — mit dem Schwert in der Hand. Diese didaktische Methode entspricht der allgemeinen Lehrpraxis der Zeit, in der Wissen primär mündlich und praktisch vermittelt wurde und schriftliche Aufzeichnungen nur als Gedächtnisstütze dienten.
Die Dunkelheit der Verse war gewollt und mehrfach bezeugt. Hs. 3227a schreibt: “…vnd is(t) gesaczt / mit verborgen glichnisse / vnd mit vordackten worten” — der Zettel ist gesetzt mit verborgenen Gleichnissen und verdeckten Worten. Nur wer die Glossen kennt und praktisch unterwiesen wurde, kann den vollen Sinn der Verse erschließen.
Wie Glossatoren mit dem Zettel arbeiten
Die Glossatoren — allen voran Sigmund Ringeck, Pseudo-Danzig und Jud Lew — folgen einem einheitlichen Schema, das als “Glossenschema” das Grundgerüst aller Kommentare bildet:
- Zitierung des Zettel-Verses (Lemma) im Originalwortlaut
- Glossa (Erläuterung): Prosaischer Kommentar, der den dunklen Vers in verständliche Handlungsanweisungen überführt
- Praktische Beschreibung der Technik, oft mit Hinweisen auf Mechanik, Taktik und häufige Fehler
- Weiterführende Stücke: Viele Glossen enthalten zusätzliche Techniken, die über den eigentlichen Zettelvers hinausgehen (die sogenannten andern stucke)
Die Glossatoren arbeiten dabei nicht als passive Kommentatoren, sondern als aktive Meister, die den Zettel an ihre eigene Lehrpraxis anpassen und ergänzen. Deshalb unterscheiden sich die Glossen zwischen den Handschriften teils erheblich — nicht aufgrund von Fehlern oder Missverständnissen, sondern weil sie unterschiedliche mündliche Traditionen und persönliche Schwerpunkte widerspiegeln.
Die Glossen sind für das moderne Verständnis der Liechtenauer-Lehre unverzichtbar, denn ohne sie wäre der Zettel in weiten Teilen unverständlich. Gleichzeitig erlauben die Abweichungen zwischen den Glossatoren Rückschlüsse auf die Entwicklung und regionale Vielfalt innerhalb der Liechtenauer-Tradition.
Textkritik und Rekonstruktion
Die obige Textfassung ist eine rekonstruierte Lesart, die aus dem Abgleich mehrerer Handschriften gewonnen wurde. Keine einzelne Handschrift enthält den vollständigen Zettel in genau dieser Form. Die wichtigsten Textzeugen sind:
- Hs. 3227a (ca. 1400, Nürnberg): Früheste erhaltene Fassung, bereits mit umfangreichen Glossen
- Cod. I.6.4°.3 (ca. 1440–1450): Sigmund Ringecks Fassung
- Cod. 44.A.8 (1452): Pseudo-Danzig, umfangreichste Glossierung
- Ms. germ. quart. 2020 (ca. 1450): Jud Lew
- Ms. KK5012 (ca. 1495): Peter Falkner
- Cgm 3711, Cgm 3712 (späte 15. Jh.)
Die Textgestalt ist an mehreren Stellen unsicher, und verschiedene Herausgeber (Wierschin, Tobler, Hils) haben unterschiedliche Lesarten bevorzugt. Wo der Text besonders umstritten ist, wurde dies in den Anmerkungen vermerkt.
Quellen
- Wierschin, Martin: Meister Johann Liechtenauers Kunst des Fechtens. München 1965 (Edition von Cod. I.6.4°.3).
- Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Frankfurt a.M. 1985.
- Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name: An Anthology of Medieval German Fighting Arts. Wheaton 2010.
- Tobler, Christian Henry: Captain of the Guild: Master Peter Falkner’s Art of Knightly Defense. Wheaton 2015.
- Żabiński, Grzegorz / Walczak, Bartłomiej: Codex 44.A.8. 2003.
- Cod. 44.A.8 — Pseudo-Danzig
- Cod. I.6.4°.3 — Ringeck
- Hs. 3227a — Döbringer
- Ms. germ. quart. 2020 — Lew