Versammelter Hau

Der mit Schritt, Körperdrehung und ganzer Kraft vereinte Hau

konzeptprinzipMeyerbiomechaniklanges schwert

Definition

Das Versammeln (frühneuhochdeutsch “versamlen” = versammeln, zusammenbringen) bezeichnet bei Joachim Meyer das Prinzip, die Bewegung eines Hiebs mit Schritt, Körperdrehung und gesamter Körperkraft zu einer einzigen Aktion zu vereinen. Ein versammelter Hau ist ein Hau, der “mit gantzem Leib / schreit / und drehung des Cörpers” ausgeführt wird. Der Begriff meint das Zusammenführen biomechanischer Komponenten — Arm, Schulter, Hüfte, Schritt, Körpergewicht — in einen synchronisierten Ganzkörper-Hieb, der maximale Kraft, Reichweite und Kontrolle mobilisiert.

Der unversammelte Hau ist die Gegenbewegung: allein aus Arm und Handgelenk, ohne Schritt und Hüftdrehung. Er ist weniger kraftvoll, aber schneller und schwerer zu lesen. Beide Formen sind in Meyers System legitim: Der versammelte Hau ist die Kraft-Option, der unversammelte die Geschwindigkeits-Option. Ein kompletter Fechter beherrscht beide.

Die Wurzel in der alten Lehre

Das Prinzip des versammelten Hiebs ist älter als Meyer. Bereits der Zettel verlangt, mit dem ganzen Körper zu fechten: „Mit gantzem leib ficht, was du starck gerest treiben" (Cod. 44.A.8, fol. 10v; ähnlich bei Ringeck). Die Glossatoren des 15. Jahrhunderts beschreiben die Haue durchgängig als aus Schritt, Körperdrehung und ganzer Kraft geführt. Meyer hat daraus die terminologisch geschärfte Unterscheidung von versammelt und unversammelt entwickelt — das Prinzip selbst gehört der alten Schule.

Meyer explizit dazu

Meyer behandelt die Unterscheidung nicht in einem eigenen Kapitel, sondern als Querschnittsprinzip durch das gesamte erste Buch. Bei jedem Hieb gibt er an, wann er “versamlet” und wann er “unversamlet” auszuführen sei. Die didaktische Grundregel: Zuerst die versammelte Form lernen, an ihr die Mechanik schulen; dann die unversammelte als taktische Variante. Der Zornhau soll in der Grundform versammelt geschlagen werden; der Zwerchau in der Rose oft unversammelt. Der Scheitelhau ist fast immer versammelt; der Schielhau kann beides sein.

In der modernen Praxis ist die Unterscheidung fundamental. Anfänger, die nur unversammelt fechten, entwickeln kraftlose Hiebe. Ausschließlich versammelt Fechtende sind langsam und vorhersehbar. Der ausgewogene Wechsel — von Meyer präzise intendiert — ist das Qualitätsmerkmal des fortgeschrittenen Fechters.

Quellen

  • Meyers Fechtbuch 1570, 1570, 1. Buch, Kap. 5–6.
  • Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015.
  • Schmidt, Herbert: Schwertkampf Band 2: Das Fechten nach Joachim Meyer. Wyhlen 2015.
Nach oben ↑