Unversammelter Hau
Haue ohne vollen Körpereinsatz

Der unversammelte Hau ist das Gegenstück zum versammelten Hau – und zusammen mit diesem eines der grundlegendsten taktischen Prinzipien in der Fechtlehre Joachim Meyers. Während der versammelte Hau die Kraft, die Reichweite und die biomechanische Solidität maximiert, maximiert der unversammelte Hau die Geschwindigkeit, die Überraschung und die Täuschung. Beide Modi sind legitim und notwendig; ihre kunstvolle Kombination kennzeichnet den fortgeschrittenen Fechter.
Definition
Der unversammelte Hau wird allein aus Arm und Handgelenk – mitunter nur aus dem Handgelenk – ausgeführt, ohne begleitenden Schritt, ohne Hüft- und Körperdrehung, ohne das Körpergewicht in die Bewegung zu legen. Die Hüften bleiben ruhig und in der Grundstellung; die Füsse stehen. Die gesamte Kraft für den Hieb kommt aus der Schulter, dem Ellenbogen und dem Handgelenk.
Der Begriff entstammt der Biomechanik, die Meyer in seinem ersten Buch entwickelt. Ein “versammelter” Hau ist ein Hau, der alle verfügbaren biomechanischen Kräfte bündelt und synchronisiert. Der “unversammelte” Hau verzichtet bewusst auf diese Bündelung – nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus taktischem Kalkül: Er soll schnell, überraschend und schwer zu lesen sein.
Meyers explizite Lehre
Meyer (1570) verwendet die Unterscheidung zwischen versammelt und unversammelt als Querschnittsprinzip durch sein gesamtes erstes Buch. Er gibt für nahezu jeden Hau an, wann dieser versammelt und wann unversammelt zu schlagen ist. Die Grundregel, die sich aus Meyers Text ableiten lässt:
- Versammelt, wenn der Hieb als Hauptangriff und mit voller Kraft geschlagen wird – besonders bei weit ausholenden Hieben wie dem Zornhau, dem Scheitelhau oder dem hohen Oberhau
- Unversammelt, wenn der Hieb als Täuschung, als Überraschungsangriff oder als schnelle Wiederholung nach einem ersten Hieb geschlagen wird
Meyers didaktische Sequenz: Die versammelte Form ist die Grundform, an der der Schüler die Mechanik lernt. Die unversammelte Form ist die fortgeschrittene Variante, die der Schüler beherrschen muss, um im Gefecht taktisch flexibel zu sein.
Die verstohlenen Haue als unversammelte Haue
Meyers Kategorie der verstohlenen Haue (heimliche, verdeckte Hiebe) ist eng mit dem Konzept des unversammelten Hiebs verbunden. Die verstohlenen Haue zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit minimaler Bewegung des Handgelenks ausgeführt werden und der Gegner ihren Beginn nicht sieht. Genau dies wird durch die unversammelte Ausführung erreicht: Kein Schritt, keine Körperdrehung – der Gegner erkennt den Hieb erst, wenn er bereits unterwegs ist.
Die verstohlenen Haue sind bei Meyer:
- Der Kurtzhau (kurzer Hieb mit minimaler Bewegung)
- Der Blendhau (von oben unter die Klinge)
- Der Krumphau in seiner kurzen Variante
- Der fliegende Hau
Alle diese Hiebe werden in der Regel unversammelt geschlagen – mit dem Handgelenk, ohne Schritt, ohne Hüftdrehung, allein auf Geschwindigkeit und Täuschung optimiert.
Versammelt vs Unversammelt: Eine taktische Matrix
| Aspekt | Versammelter Hau | Unversammelter Hau |
|---|---|---|
| Kraft | Hoch (ganzer Körper) | Gering bis mittel (nur Arm/Handgelenk) |
| Geschwindigkeit | Langsamer (mehr Masse muss bewegt werden) | Schneller (weniger Masse, kleinere Bewegung) |
| Reichweite | Maximum (Schritt und Körperdrehung) | Minimum (Armlänge, ohne Schritt) |
| Vorhersehbarkeit | Hoch (Schritt kündigt Bewegung an) | Niedrig (keine Vorankündigung) |
| Einsatz | Erster Hieb, Hauptangriff, Kraftaktion | Täuschung, Folgetreffer, Überraschungsangriff |
| Risiko | Geringer (solide Deckung) | Höher (schwächer in der Klinge, leichter zu parieren) |
Die Matrix macht deutlich, dass keiner der beiden Modi dem anderen pauschal überlegen ist. Sie ergänzen sich. Der versammelte Hau ist die Waffe des starken Angriffs; der unversammelte die Waffe des schnellen Nachsetsens und der Täuschung.
Unterschiede zur Liechtenauerschen Vorlage
Meyers Vorgänger – Ringeck, Danzig, Lew – kennen die explizite Unterscheidung zwischen versammelten und unversammelten Hieben nicht in dieser terminologischen Schärfe. Die frühen Glossatoren beschreiben durchaus Haue, die faktisch unversammelt sind – schnelle Handgelenkshiebe, kurze Wechsel, Zucken --, aber sie systematisieren diese nicht als separate Kategorie. Meyer ist der erste, der die Unterscheidung explizit macht und zum didaktischen Prinzip erhebt. Dies ist typisch für Meyers Methode: Er nimmt implizite Konzepte der Liechtenauerschen Tradition und macht sie explizit, benennbar und lehrbar.
Wann welchen Typ einsetzen?
Die Entscheidung zwischen versammeltem und unversammeltem Hieb ist eine der fundamentalen taktischen Entscheidungen im Gefecht und hängt von mehreren Faktoren ab:
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Distanz: In der weiten Mensur ist der versammelte Hau mit Schritt notwendig, um die Distanz zu überbrücken. In der nahen Mensur oder im Band ist der Schritt kontraproduktiv – der Fechter steht bereits nahe genug, und der Schritt würde ihn zu nah an den Gegner bringen. In dieser Distanz ist der unversammelte Hau die bessere Wahl.
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Taktische Absicht: Soll der Hieb als Hauptangriff wirken und den Gegner mit Kraft aus seiner Position drängen? → Versammelt. Soll der Hieb den Gegner lediglich zu einer Reaktion verleiten (um dann die tatsächliche Aktion anzuschliessen)? → Unversammelt.
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Timing: Nach einem erfolgreichen ersten Hieb oder nach einer Parade: Der zweite, sofort anschliessende Hieb ist fast immer unversammelt, weil er die offene Blösse des Gegners nutzen muss, bevor dieser sie schliesst. Für einen erneuten versammelten Hau fehlt die Zeit.
In der Praxis
Das Training des unversammelten Hiebs beginnt mit der Isolierung der Bewegung. Übung: Der Fechter steht in einer Hut (z.B. Vom Tag). Ohne die Füsse zu bewegen und ohne die Hüfte zu drehen, schlägt er einen Oberhau allein aus der Schulter und dem Handgelenk. Der Hieb endet in einer neuen Hut (z.B. Ochs oder Pflug). Tempo und Präzision sind die Ziele, nicht die Kraft.
Fortgeschrittene Übung: Der Fechter wechselt rhythmisch zwischen versammelten und unversammelten Hieben (z.B. 2 versammelt, 1 unversammelt; dann 1 versammelt, 2 unversammelt). Die Rhythmuswechsel schulen den schnellen Moduswechsel. Partnerübung: A greift versammelt an, B pariert. A schlägt unversammelt nach zur anderen Blösse. B muss die offene Blösse rechtzeitig schliessen – eine Übung für beide Seiten.
Häufige Fehler: Der Fechter vollführt den unversammelten Hieb mit verringerter Präzision (“nur schnell, nicht sauber”), der Hieb endet nicht in einer Deckung (der Arm bleibt hängen), oder der Fechter verkrampft im Versuch, maximale Geschwindigkeit zu erreichen (die Bewegung wird ruckartig statt fliessend).
Quellen
- Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung der Freyen Ritterlichen vnnd Adelichen Kunst des Fechtens. Strassburg 1570, 1. Buch.
- Hs. 3227a (Nürnberger Kodex)
Sekundärliteratur
- Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015.
- Schmidt, Herbert: Schwertkampf Band 2: Das Fechten nach Joachim Meyer. Wyhlen 2015.