Langes Schwert
Meyers Lehre des Langen Schwerts im Kontext der Liechtenauer-Tradition

Meyer in der Liechtenauer-Tradition am Langen Schwert
Joachim Meyer führt das Lange Schwert an erster Stelle seiner fünf Waffengattungen und stellt sich damit explizit in die Traditionslinie Liechtenauers. Gleichzeitig vollzieht er substantielle Abweichungen von der mittelalterlichen Lehre,Frühen Neuzeit ergeben.
Der grundlegendste Unterschied betrifft den taktischen Zweck des Fechtens. Während die mittelalterlichen Glossatoren — Sigmund Ringeck, Peter von Danzig, Jud Lew — das Lange Schwert primär im Kontext des Ernstkampfs, des gerichtlichen Zweikampfs und des Harnischfechten — Überblicks lehren, behandelt Meyer das Lange Schwert als Grundlage für das sportlich-bürgerliche Fechten. Sein Langschwert ist nicht mehr die Waffe des Ritters, sondern die didaktische Basis, von der aus der Schüler zum einhändigen Fechten mit Dussack und Rappier fortschreitet.
Meyers System am Langen Schwert
Die Kapitelstruktur des 1570er Drucks teilt das erste Buch (Langes Schwert) in zwölf Kapitel, die systematisch von den Grundlagen zu den fortgeschrittenen Techniken aufsteigen: von den Huten und Häuen über die Meisterhaue und Nebenstücke bis hin zu komplexen Kombinationen und Finten.
Ein Alleinstellungsmerkmal Meyers ist die Einführung der verstohlenen (verborgenen, gezogenen) Haue. Dabei handelt es sich um Hiebe, die aus dem Handgelenk geschlagen werden, ohne dass der Fechter die Arme streckt oder den Körper exponiert. Diese Haue sind schnell, schwer zu lesen und überall dort einsetzbar, wo ein voll ausgeführter Hau zu langsam oder zu offensichtlich wäre. Meyer systematisiert die verstohlenen Haue als eigene Kategorie — ein Konzept, das die mittelalterliche Tradition nicht kennt.
Meyers Behandlung der Huten ist durch das Konzept der gepflanzten Huten geprägt, das er von Lienhart Sollinger übernimmt. “Pflanzen” bedeutet, sich bewusst in eine bestimmte Hut zu setzen und aus dieser Haltung heraus eine spezifische taktische Absicht zu verfolgen. Anders als die mittelalterlichen Huten, die primär als Ausgangsstellung für den Hau dienen, sind Meyers Huten komplexe taktische Positionen mit eingebauter Täuschungsfunktion.
Die Rosen stellen eine weitere Innovation Meyers dar. Es handelt sich um Zirkelbewegungen des Zwerchau, bei denen der Fechter die Zwerchhau-Bewegung ein-, zwei- oder mehrfach kreisförmig wiederholt. Die Rose dient der Verwirrung und Täuschung des Gegners und kann aus verschiedenen Huten geschlagen werden. Meyer lehrt die Rosen als fortgeschrittene Technik für den bereits geübten Fechter.
Meyers eigenwillige Benennungen weisen zudem darauf hin, dass er die Terminologie des Liechtenauer-Systems flexibel handhabt. So verwendet er den Begriff Zornhau nicht nur für den diagonalen Oberhau aus dem Zornhut, sondern assoziiert ihn spezifisch mit aggressiven, provokativen Aktionen. Der Krumphau erhält bei Meyer eine erweiterte taktische Bedeutung als vielseitiger Handhau. Diese interpretatorische Freiheit ist charakteristisch für Meyers Pragmatismus.
Taktik und Täuschung
Meyer integriert die Fechtlehre systematisch mit Taktik und Täuschung. Er lehrt seine Schüler, die gegnerische Reaktion zu provozieren und dann in die erwartbare Lücke zu stoßen. Das Indes-Konzept Liechtenauers transformiert er in eine explizite Lehre der psychologischen Initiative: Wer den Gegner lesen, reizen und in berechenbare Reaktionen zwingen kann, kontrolliert das Gefecht, bevor der erste Hau gefallen ist. Diese Betonung des mentalen Aspekts unterscheidet Meyer von allen seinen Vorgängern.
Meyers Langes Schwert im modernen HEMA
Meyers Fechtlehre dominiert das moderne Langschwert-Turnierfechten im HEMA. Die präzise Beschreibungstechnik, die Integration von Taktik und Täuschung und die Drill-basierte Didaktik machen sein System zur bevorzugten Primärquelle für wettkampforientierte Praktiker. Übersetzungen und Interpretationen — insbesondere von Forgeng — haben das Corpus einem breiten Publikum erschlossen und bilden heute die Grundlage vieler Trainingscurricula weltweit.
Meyer
Joachim Meyer, „Gründtliche Beschreibung der Kunst des Fechtens“ (Straßburg 1570), 1. Buch (Langes Schwert), 1. Kapitel („Inhalt des ersten Buchs vom Fechten im Schwerdt“), fol. Ⅰ.1r–Ⅰ.2v. Deutsche Transkription nach Michael Chidester, Wiktenauer.
Inhalt des ersten Buchs vom Fechten im Schwerdt, unnd was für Ordnung in beschreibung desselben gehalten, auch warauff diser Ritterlichen Kunst grundtfeste gelegen.
Dieweil ich mir die kunst des Fechtens in disen Ritterlichen und Manlichen Wehren, welche jetziger zeit bey uns Teutschen am meisten gebreuchlichsten, nach meinem besten verstand und vermögen auffs fleissigest und trewlichest zubeschreiben fürgenommen, und aber die erfahrung gibt und offenbar ist, das, das Fechten im Schwerdt nit allein ein ursprung und quell alles andern Fechten, sonder auch für andern Wehren das aller künstlichst und manlichste ist, Derwegen hat mich notwendig und für gut angesehen, von diser meinen eingang zumachen, und auffs kurtzest, aber doch klärlich davon auff solche weiß zuhandlen, wie in andern künsten und übungen allen beschicht.
Erstlich ihre zugehörende terminos und art zureden, anzeigen, so von Meistern diser kunst mit sonderm fleiß darumb erfunden, das man die heimligkeit und geschwindigkeit derselben desto kürtzer und ringer lernen unnd begreiffen möge. Nachmals solche terminos erklären und auslegen, damit eigentlich jederman möge verstahn, was durch solche art zureden verstanden sol werden.
Dann zum dritten die übung der kunst an ir selbst darzuthun, wie sie sol auß den erklerten häuwen und Legern ins werck gericht werden, auff das nit allein die Jugent so sich auff solche kunst zubegeben willens, durch solche inen unbekandte wort irrig gemacht und zur verachtung diser kunst verursacht würde, oder auch so mitten in der kunst solcher wort gedacht, erst von nöten sie zu erkleren, welchs dann eim sehr verdrießlich zu lesen, sonder auch die erfarnen abnemen mögen, das die übung des Fechtens, aus rechtem verstendigen grundt ihr herkommen habe, und nicht an leichtfertigem Gauckelwerck gelegen, sintemal under solchem Gauckelwerck und dem Fechten ein sehr grosser underscheidt ist, unnd die Ritterliche kunst des Fechtens von allen weit erfarnen Kriegsleuten, insonderheit den Römern in grossem werdt, Hiergegen aber die Gauckler, vor das unwerdest losest gesindt, so auff der welt befunden, ihe und alweg gehalten worden.
Und ist aber das Fechten im Schwerdt anders nichts dan ein übung, darin irer zwen mit dem Schwerdt zusamen streiten, im versatz, das einer den andern mit vorsichtigkeit und aller behendigkeit, künstlich, zierlich und manlich, im gebrauch desselben mit häuwen und anderer handtarbeit oblige unnd sige, auff das wo von nöten in ernstlichen sachen, einer durch solche übung desto hurtiger und geschickter, unnd zur beschützung seines leibs desto fürsichtiger sein möge.
Dises kan fürnemlich in drey theil füglich und wol getheilt werden, Nemlich in den Anfang, das Mittel und das Ende, welche drey theil in einem jeden stuck, welches du zu Fechten fürnimest, sollen un müssen eigentlich in acht gehabt werden, das du nemlich wissest mit was häuwen aus oder von den Legern du dein gegenpart angreiffen wöllest, als dan so du in angriffen, wie du ihm ferner im Mittel mit der handarbeit, frey fliegent zu den Blössen arbeiten, dein Vor so du im angriff ereilt zuerhalten. Zum letsten wie du füglich und wol, wo nit mit seinem schaden doch ohn dein verletzung von ihm abziehen mögest.
Den Anfang, nun nenne ich das zufechten, wann einer gegen dem Man, den er vor sich hat, zuficht. Das Mittel die beyarbeit oder handarbeit, wann einer im bundt oder lenger in seiner arbeit wider den gegenfechter verharret, und ihm mit aller geschwindigkeit zusetzet. Das ende den abzug, wie sich der Fechter von seinem gegenpart one schaden ab unnd weg hauwen möge.
Das zufechten im anfang geschicht aus oder von den Legern mit den häuwen, welcher zweyerley seind, nemlich die Hauptleger und die Beyleger, so auß dem Hauptleger entspringen.
Der Haupleger seindt viere, der tag oder Oberhut, der Ochs, der Olber, und der Pflug. Der Beyleger achte, Zornhüt, Brechfenster, Lang ort, Schanckhut, Einhorn, Schlüssel, Eisenport, Wechsel.
Der häuw aber so vil das Schwerdt belangt seind zweierley art, welche beide in gemein die gerade und verkehrte häuw genent werden. Die erste heissen die Haupt oder Principal häuw, auß welchen alle andere häuw ihren ursprung haben, und deren seind vier, Ober, Under, Mittel, Zornhauw. Die andern werden die bey oder darauß wachsende häuw geheissen, deren zwölff seind, nemlich, Schiel, Krum, Kurtz, Glitz, Brell, Einfach und Dopel, Blendt, Wint, Kron, Knichel, Sturtz, Wechselhauw, &c.
Auß disen beiden werden genomen die rechte Meister häuw, welche darumn also genent werden, das alle meisterliche unnd künstlich stuck im Schwerdt in solchen begriffen gemacht und volbracht werden, nemlich Zorn, Krum, Zwerch Schieler, Scheitelhauw, welche alle wie sie volbracht und gemacht werden sollen, wil ich in irer beschreibung so ich auff das zufechten kom, und von den häuwen sag, klerlichen an tag thun.
Die Bey oder Handarbeit im Mittel begreifft die gröste kunst, und alle geschwindigkeit die im Fechten kan fürlauffen. Denn sie zeigt nit allein an, wie man das Schwerdt anbinden, Winden, Wechseln, Verfüren, Nachreisen, Schneiden, Doplieren, Ablauffen sol lassen, oder wölcher gestalt man umbschlagen, Schlaudern, Vorschieben, Absetzen, Zucken und Rucken, Verstellen, Ringen, Einlauffen, Werffen und nachtringen soll.
Sonder helt auch insich die Blösungen, welche durch die außtheilung des Mans und Schwerts muß verstanden werden, darzu denn auch das recht stehn und tretten gehörig, von welchem in seinem ort auch sol gehandelt werden.
Das abziehen am ende, fleußt auß dem Mittel, und hat in der Practicken grossen nutz, derwegen zu ende eines jeden stucks, von darauff gehörendem Abzug, ordenlich soll bericht beschehen, und soll dises alles im ersten theil vom Schwerdt Fechten volricht werden, von Meisterstucken aber, und was zu mehrer behendigkeit zu diser Wehr dienstlich, damit diß Buch beide den anfangenden schulern, und demnach auch den mehr erfahrnen diser kunst nutzlich sein möchte, soll im andern theil weitleuffiger und gnugsamer bericht beschehen.
Solchen eingang aber, hat mich derwegen für gut angesehen zu machen, damit diß Buch einem jeden desto leychter zuverstehn were, unnd er sich wüste darein zurichten, so er anfenglichen verneme, in was ordnung ich solche Ritterliche kunst wolt darthun, Will derwegen jetz im ersten Capitel von der theilung des Mans, als die am nützlichsten ist am ersten zumelden, bericht thun, und wie derselbig in vier quatier außgetheilt wirdt, anzeigen.
Quellen und Editionen
- Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570, 1. Buch (Langes Schwert), Kap. 1–12.
- Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat: A German Martial Arts Treatise of 1570. London 2015.